Nico Hofmann zum Serien-Hype um "Homeland" : „Da erwarte ich mehr Selbstbewusstsein“

Standortpolitik, die Frage "Berlin oder Zagreb?" und die Erfindung des Fernsehens: Produzent Nico Hofmann wundert sich über den Hype um die US-Serie „Homeland“.

Markus Ehrenberg
Produzent Nico Hofmann
Produzent Nico HofmannFoto: Promo

In diesen Tagen starten in Berlin und Babelsberg die Dreharbeiten zur fünften Staffel von „Homeland“. Die preisgekrönte US-Serie handelt vom Krieg gegen den Terror, vor allem erzählt aus dem Blickwinkel der Ex-CIA-Agentin Carrie Mathison alias Claire Danes. Erstmals wird die ganze Staffel einer US-amerikanischen Serie in Deutschland gedreht. Kosten: 40 Millionen Euro, inklusive Fördergelder aus hiesigen Töpfen. Ein Standort-Scoop. Berlin hofft auf Werbeeffekte, Tausende von Komparsen wurden in Kreuzberg gecastet, eine große Anwaltskanzlei mit Sitz am Potsdamer Platz von Twentieth Century Fox beauftragt, bei Fragen zu Fördersystemen und Urheberrecht zu beraten, Claire Danes soll sich in Berlin nach einer Bleibe umgesehen haben und begeistert die Boulevardpresse („Die CIA ist gelandet!). Kabel1 bringt die vierte „Homeland“-Staffel ab 10. Juli endlich in die TV-Primetime. Der „Homeland“-Hype, fast alle sind begeistert. Einer nicht: Produzent Nico Hofmann.

Herr Hofmann, wie oft sind Sie als Deutschlands erfolgreichster Produzent in jüngster Zeit schon auf die Erfolgs-Serie „Homeland“ angesprochen worden?
Oft, zu oft. Zwei Themen langweilen mittlerweile: Netflix und „Homeland“.

Wieso „Homeland“?
Wir haben eine sehr erfolgreiche TV-Branche mit Filmen wie „Hotel Adlon“, „Weissensee“, „Nackt unter Wölfen“, „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder jetzt „Deutschland 83“, die auch von US-Majors und deren Streamingportalen umworben sind. Wir müssen meines Erachtens nicht in permanenten Jubel ausbrechen, nur weil jetzt, bei aller Wertschätzung für „Homeland“, eine US-amerikanische Serie in Berlin gedreht wird. Und dies auf breiter Basis gefördert, teils staatlich, mit zweistelligen Millionenbeträgen.

Wie man hörte, hat Kroatiens Hauptstadt Zagreb bis zuletzt mit hohen Summen aus der Filmförderung für sich geworben. Damit „Homeland“ bloß in Zagreb, nicht in Berlin gedreht wird.
Daran sehen Sie, dass das US-Studio, das „Homeland“ produziert, sich nicht nur wegen Geschichte und Kulissen für Berlin und Babelsberg entschieden hat.

Sondern…
…aus rein förderpolitischen Gründen dorthin zieht, wo das für die Amerikaner lukrativste Geschäft möglich wird. In Zukunft wird dieser Wettkampf um Fördertöpfe, Standortpolitik und deren Wirtschaftlichkeit im globalen Wettbewerb immer heftiger werden. Für die Produzenten muss aber gelten: Wer liefert den besten Content aus Deutschland heraus, wer generiert Rechte auf dem Weltmarkt mit Inhalten, die aus der hiesigen Produktionsszene heraus kreiert werden? Es ist ein Wettbewerb der besten Stoffe, der besten Ideen, und es geht nicht um die Frage, ob Berlin mehr Fördermittel in den Raum stellt als Zagreb. Content ist King und wird das Überleben der deutschen Produktionslandschaft sichern, übrigens auch, was die Studiobetreiber anbetrifft. Da erwarte ich von deutschen Produzenten mehr Selbstbewusstsein.

Und die Effekte? So eine große internationale Serien-Produktion wie „Homeland“ in Deutschland/Berlin ist eine Job-Maschine. Roland Berger geht zum Beispiel von jährlich rund 100 Millionen Euro Förderung aus Steuermitteln alleine für die Kinofilmproduktion aus, was einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro macht und Steuereinnahmen von 172 Millionen Euro erzeugt.
Wenn wir uns über etwas freuen sollten, dann wäre das eine langfristig erstarkte inhalt-betriebene Produzentenlandschaft. Konkret ausgedrückt: An der hiesigen Standortpolitik interessiert mich vor allem, dass Tom Tykwer mit X-Filme hier seine erste TV-Serie „Babylon Berlin“ drehen kann, die bei Sky und ARD ausgestrahlt wird, eines der ambitioniertesten Serienprojekte hierzulande. Darauf sollten wir stolz sein.

Und was haben Sie gegen Netflix?
Ich habe gar nichts gegen Netflix. Wir sind in fruchtbaren Gesprächen mit Los Angeles. Wenn man aber die deutsche Berichterstattung der letzten Wochen vor Augen hat, kommt schon das merkwürdige Gefühl auf, Netflix hätte das Fernsehen neu erfunden.

Die Serien, die da laufen, sind hochkarätig. „Fargo“, „Bloodline“ oder auch „Orange is The New Black“.
Da muss man die Kirche im Dorf lassen, wir reden im Moment von vier erfolgreich gelaunchten, eigenproduzierten Serien und einer sehr jungen Firma. Netflix versteht sich vor allen Dingen als große Bibliothek, die auch versucht, erfolgreiches deutsches Programm für die Zweitverwertung zu lizensieren. Genau daran spürt man aber, dass wir in Deutschland in den vergangenen Jahren durchaus erfolgreiches, weltmarktfähiges Fernsehen produziert haben. Um diese Zukunft unserer Leistungsstärke muss es gehen, und dabei kann Netflix ein genauso spannender Partner sein wie Sky und alle am Markt befindlichen deutschen Fernsehsender.

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Nico Hofmann, Produzent von mehr 300 Filmen, Geschäftsführer der Ufa Fiction („Nackt unter Wölfen“, „Grzimek“). Seit 2015 Intendant der Nibelungen-Festspiele in Worms.

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