Objektiv war gestern : Die Insel des Scheichs

Der Nachrichtensender Al Dschasira verliert seine Unabhängigkeit. Kritisieren Korrespondenten wie Aktham Suliman – und gehen.

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Der Fernsehsender Al Dschasira hat seinen Sitz in Doha.
Der Fernsehsender Al Dschasira hat seinen Sitz in Doha.Foto: dapd

Aktham Suliman liebt seinen Beruf, und gerade weil er ihn so liebt, musste er ihn jetzt aufgeben. Aktham Suliman ist Journalist. Elf Jahre lang berichtete er als Korrespondent für den arabischen Sender Al Dschasira aus Berlin. Im August hat er gekündigt, Ende September war sein letzter Arbeitstag. „Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Die Atmosphäre im Sender hat sich massiv verschlechtert, professionelle journalistische Grundsätze werden bei Al Dschasira nicht mehr geachtet“, sagt Suliman, der in Damaskus geboren wurde und seit 1989 in Deutschland lebt.

Der 42-Jährige ist nicht der einzige Korrespondent, der in den vergangenen Monaten gekündigt hat. Es häufen sich Berichte, dass der 1996 von Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani im Emirat Katar gegründete Sender, der nach eigenen Angaben in mehr als 50 Millionen Haushalten der arabischen Welt zu empfangen ist, nicht mehr journalistisch ausgewogen berichtet. Dass der Scheich zunehmend politischen Einfluss nehme.

„Die Insel“ bedeutet Al Dschasira übersetzt. Eine Insel der journalistischen Unabhängigkeit sollte der Sender mit Sitz in Doha sein, umgeben von arabischen Ländern, in denen die Sender stets der Linie ihrer Herrscher folgten. Doch nun droht diese Insel unterzugehen.

„Al Dschasira hat in der Zeit vor der arabischen Revolution gut funktioniert. Wir waren die Einzigen, die kritische Stimmen und Oppositionelle zu Wort haben kommen lassen. Quasi ein Ersatzparlament, in dem Diskussionen möglich waren“, sagt Suliman. Seither habe der Sender seine ausgewogene Haltung aufgegeben, verstehe sich nur noch als „Stimme der Revolutionäre“. „Ich habe aber keinen Vertrag als Straßenkämpfer unterschrieben, sondern als Journalist“, so Suliman. Die Einflussnahme durch den Emir erfolge „nicht durch plumpe Propaganda, sondern subtil“, beispielsweise indem Journalisten Talk-Gäste vorgesetzt würden, die die gewünschte Meinung präsentierten. „Al Dschasira ist kein Gatekeeper mehr, sondern ein Gatemaker“, der Sender wähle nicht mehr Nachrichten nach neutralen Kriterien aus, sondern ziehe selbst Grenzen, so dass bestimmte Nachrichten erst gar nicht ihren Weg ins Programm finden.

Ali Hashem bestätigt Sulimans Eindruck. Er hat als Korrespondent für Al Dschasira aus Beirut im Libanon berichtet, im März ging er. In einem Artikel für den britischen „Guardian“ wirft er dem Sender „journalistischen Selbstmord“ vor. Al Dschasira habe seine Berichte über bewaffnete syrische Revolutionäre an der Grenze zum Libanon nicht zeigen wollen, weil sie nicht „in die gewünschte Geschichte von einem sauberen und friedlichen Aufstand“ gepasst hätten. „Meine Vorgesetzten sagten mir, dass ich die bewaffneten Männer vergessen soll“, schreibt Hashem. Diese Anweisung sei eine politische gewesen, die außerhalb des Senders getroffen worden sei. „Die Regierung glaubt, einen Haufen von Journalisten zu besitzen, die das tun, wozu sie angewiesen werden.“

Ähnliches mussten Hashems Kollegen von Al Dschasira English erleben, der englischen Version der arabischen Station. Kurz bevor ihr Beitrag über die UN-Debatte zum Syrien-Konflikt Ende September ausgestrahlt werden sollte, hätten sie die Anweisung bekommen, das Video neu zu schneiden – und zwar so, dass der Beitrag mit den Anmerkungen von Scheich Al Thani beginnt. Und nicht mit der Rede von US-Präsident Barack Obama. Die Korrespondenten, so der „Guardian“, protestierten, der Beitrag des Al-Dschasira-Eigentümers sei nicht gerade der wichtigste Teil der UN-Debatte gewesen. Ohne Erfolg. Der Beitrag wurde geändert. Ein Sendersprecher verteidigte die Entscheidung. Al Thanis Debattenbeitrag sei „signifikant“ gewesen, der Sender habe ihn deswegen „konsequenterweise“ berücksichtigt.

Anfragen an die Al-Dschasira-Pressesprecher und Chefredakteur Ibrahim Helal, warum so viele Korrespondenten in den vergangenen Monaten kündigten, bleiben unbeantwortet. Den Vorwurf der Parteilichkeit weist Helal in der „Berliner Zeitung“ als „völlig absurd“ zurück.

Im deutschen Büro von Al Dschasira arbeiten derzeit ein Korrespondent und eine Producerin für den englischen Ableger des Senders. Ein Nachfolger für Suliman ist offenbar nicht in Sicht.

„Al Dschasira bewegt sich zunehmend in seiner eigenen Welt, anstatt selbst den Blick auf die Welt zu richten. Gerade dafür wurden wir doch früher geschätzt“, sagt Suliman. Er will nun erst mal pausieren, danach vielleicht Dokumentationen drehen. In jedem Fall weiter als Journalist arbeiten. Er liebt seinen Beruf.

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