Öffentlich-rechtliche in der Kritik : Wie ARD und ZDF ihren Programmauftrag verraten

Gebührenfernsehen soll den Diskurs anregen, nicht die private Konkurrenz abhängen. Quote ist nicht alles.

Wolfgang Herles
Kultur braucht wache Zuschauer. Kann ein Kulturmagazin wie „Aspekte“ dann erst um 23 Uhr starten? Das ZDF sagt ja, also startet „Aspekte“ am Freitag um 23 Uhr.
Kultur braucht wache Zuschauer. Kann ein Kulturmagazin wie „Aspekte“ dann erst um 23 Uhr starten? Das ZDF sagt ja, also startet...Foto: ZDF und Opium Effect

Es ist leichter, im Vatikan über die unbefleckte Empfängnis Marias zu diskutieren als auf dem Lerchenberg über das Dogma der Quote. Es lautet: Je mehr Zuschauer, desto erfolgreicher und bedeutender das Programm. Wir sind Marktführer! Im Stolz des ZDF steckt zugleich das ganze Elend.

Gegen Marktführerschaft wäre nichts einzuwenden, müsste nicht ein zu hoher Preis dafür bezahlt werden. Ein gefallsüchtiges Fernsehprogramm wird monoton. Mutlos und glatt biedert es sich an und erstarrt aus Angst vor Überforderung der Zuschauer. Es bringt immer dasselbe und von dem zu viel. Krimis, Krimis, Krimis und Fußball, Fußball, Fußball. Gebühren sind aber nicht dazu da, die Ablösesumme Mats Hummels’ zu erwirtschaften. Die Quotenjunkies in den Sendern haben ihren Auftrag nicht verstanden. Gebührenfernsehen soll dem Diskurs der Gesellschaft dienen, nicht die private Konkurrenz abhängen.

Seichtigkeitssspirale in der Konkurrenz mit den Privaten

Mit der privaten Konkurrenz kam eine Seichtigkeitsspirale in Gang. Ohne rot zu werden, können ARD und ZDF auf ihr unbestreitbar höheres Niveau verweisen. Aber von dem, was sie leisten könnten und müssten, entfernen sie sich immer weiter. Im Quotenprogramm ist alles gleich gültig – also auch gleichgültig, was gesendet wird, solange es nur „funktioniert“. Der Substanzverlust ist keineswegs nur auf dem Feld der Unterhaltung zu beobachten, sondern ebenso im journalistischen Angebot. Auch beim Informieren und Bilden dreht sich alles um die Quote. In Dokus zeigt die ARD zur Hauptsendezeit lieber den Wettkampf zwischen Aldi und Lidl statt den zwischen der USA und China im Pazifik. Und der Brexit-Debatte ziehen die Sender die zehnte Reportage über die Royals vor.

Wolfgang Herles, ehemaliger ZDF-Mitarbeiter, ist Journalist und Schriftsteller
Wolfgang Herles, ehemaliger ZDF-Mitarbeiter, ist Journalist und SchriftstellerFoto: picture alliance / dpa

Redaktionsleiter degenerieren zu Produktmanagern. Sie unterschreiben im ZDF jährlich Zielvereinbarungen: Das sind Zahlen, die mit Qualität nichts zu tun haben. Dafür, dass etwa das Kulturmagazin „Aspekte“ nicht zu verlässlichen Zeiten läuft, ausfällt, es in die Nacht verschoben und davor Mist gesendet wird („Vier sind das Volk“), kann die Redaktion nichts. Aber es heißt dann, Kultur funktioniert eben nicht. Ein Kulturmagazin muss anspruchsvoll sein, dazu benötigt es wache Zuschauer. Also kann die Verschiebung in die Nacht nicht „funktionieren“.

Die Quoten sagen auch nichts darüber aus, wie sehr eine Sendung fesselt oder langweilt, welche Gedanken und Gefühle sie auslöst. Die Wirkungsforschung kommt zu kurz, weil sich die Anstalten nur für die Zahlen, vor allem für den Marktanteil interessieren.

Der Quotenwahn zerstört Kreativität. Niemand weiß, wie ankommen würde, was nicht vorkommt, weil es aus Angst vor schlechten Quoten gar nicht erst produziert wird. Es werden zum Beispiel in Deutschland weniger fiktionale Programme mit politischen Inhalten produziert als etwa in England und Amerika. Den Produzenten fehlt die Freiheit, den Anstalten der Mut.

König Fußball erzwingt dauernd Programmänderungen. Je mehr Fußball, desto mehr Programm geht für Information verloren. Wegen der Übertragung inzwischen auch drittklassiger Freundschaftsspiele drehen Journalisten Däumchen. Diese Verschwendung wird nicht mitgerechnet bei den wahren Kosten des Fußballs. Wenn der läuft, schrumpfen zum Beispiel Nachrichtensendungen zum Pinkelpausenfüller. Statt 30 Minuten hat das Pausenjournal noch zehn Minuten, dafür wesentlich bessere Quoten. Als könnten die aufwiegen, dass der Informationsauftrag so nicht erfüllt werden kann.

"Traumschiff" rund um die Uhr

Ein Schrecken ohne Ende ist die „Sonderprogrammierung“ rund um Feiertage. Dann laufen gerne einmal zwei „Traumschiff“-Folgen hintereinander, gefolgt von einer „Traumschiff“-Doku. Oder drei Krimis am Stück, gefolgt von einem Katastrophenfilm, gelegentlich unterbrochen von Kurznachrichten. Aber anständige Berichterstattung zu den Silvesterereignissen in Köln blieb aus.

Der Quotendruck diktiert. Alles ist durchformatiert. Bild, Text, Musik, Aufmachung folgen festgelegten Mustern. Mit Format hat der herrschende Format-Stalinismus nichts zu tun. Eher mit Malen nach Zahlen. Die Quote ist die schärfste Schere, die jemals in den Köpfen der Redakteure geklappert hat.

In den Redaktionskonferenzen wird über Zahlen diskutiert statt Qualität. Die geistige Ermattung des Programms schlägt auf das intellektuelle Niveau der Programmmacher durch. Wer die Qualitätsansprüche in den Anstalten senkt, senkt unvermeidbar auch das Diskussionsniveau in den Redaktionen. Im Seichten kann man nicht ersaufen, lautet die wichtigste Fernsehregel. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Auch im Mainstream kann man nicht ertrinken. Die öffentlich-rechtlichen Medien halten sich daran. Zur Hofberichterstattung fehlt oft nicht viel. Kein Wunder, dass ARD und ZDF, wie jüngste Umfragen bestätigen, als Teil des Systems und nicht als unabhängige journalistische Instanzen gesehen werden. Nicht Angela Merkel übt Zensur, sondern der Teufel der Gefallsucht.

Fernsehen, ein Unterhaltungsmedium?

Die wachen, informierten Zuschauer sind wohl in der Minderheit. Die an Politik zunehmend Desinteressierten die Mehrheit. Die meisten nutzen Fernsehen als Unterhaltungsmedium. Deshalb gerät die Kultur im Programm an den Rand. Kultur ist aber mehr als Unterhaltung für Gebildete. Kultur macht hellhörig und lehrt zu differenzieren. Sie macht neugierig, vor allem auch neugierig auf andere. Das ist der Grund, weshalb das öffentlich-rechtliche Fernsehen Kultur nicht als Special-Interest-Nischenangebot, sondern als zentralen Bestandteil aller Programme pflegen sollte, gerade weil immer weniger Menschen Zeitungen und Bücher lesen. Privatfernsehen kann dies nicht leisten, das Ende von Servus-TV zeigt es gerade.

Besseres Fernsehen wäre möglich, wenn es sich vom Dogma der Quote verabschiedet. Solange die Gebühr bleibt, werden die Anstalten immer mit der Quote als Legitimation argumentieren. Es wäre deshalb besser, auf die Gebühr zu verzichten und das öffentlich-rechtliche Fernsehen aus Steuermitteln zu finanzieren. ARD und ZDF gingen dann in einer Stiftung auf. Das muss und darf nicht bedeuten, aus ARD und ZDF Staatssender zu machen. Staatsopern liefern ja auch kein „staatstragendes“ Programm. Die Sender sollten ausschließlich von Fachleuten, Wissenschaftlern, Journalisten, Kreativen kontrolliert werden.

Der größte Fehler, den die Anstalten begehen, ist, dass sie sich der Qualitätsdebatte entziehen. Ihr Argument: Phönix, 3Sat und Arte lieferten Qualität genug. Das Dogma der Quote aber gilt mehr und mehr auch für diese Spartenkanäle. Helmut Schmidt sagte einmal, er halte Fernsehen für gefährlicher als die Kernenergie. Man muss ihm nicht zustimmen. Das Beispiel des Atomausstiegs aber zeigt, wie schnell es gehen kann. Noch glauben ARD und ZDF, sie seien too big to fail.

Wolfgang Herles: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik. Albrecht Knaus Verlag, München 2015. 256 Seiten, 19,99 €, E-Book 15,99 €

20 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben