Pegida-Doku in der ARD : Eine oberflächliche Mogelpackung

Die ARD betreibt viel Aufwand für eine groß angelegte Dokumentation über das Phänomen Pegida - mit enttäuschendem Ergebnis. Unser TV-Kritiker ärgert sich über oberflächlichen Häppchen-Journalismus ohne Nachhaken und Einordnung.

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"Zwischen Bürgerprotest und Radikalisierung": Pegida-Anhänger bei einer Kundgebung in Dresden
"Zwischen Bürgerprotest und Radikalisierung": Pegida-Anhänger bei einer Kundgebung in DresdenFoto: dpa

Zwei Studenten als Chronisten. Monatelang haben sie die Pegida-Facebook-Seite beobachtet. Rund 282.000 Kommentare gesammelt. Sehr arbeitsintensiv. Aber eine intelligente Möglichkeit, sich dem Phänomen Pegida zu nähern. Die ARD schickt in der Reihe „die Story“ zwei  Journalisten, Rainer Fromm und Christian Lang, in den Aufklärungs- und Deutungskampf. Titel „Pegida – Zwischen Bürgerprotest und Radikalisierung“. Schon in den ersten Sekunden wird geballt Pegida-Folklore präsentiert. Fahnen. Schilder. Hässliche Menschen. Eine „Lügenpresse“ schreiende Aktivistin. Begrüßungsfloskeln vom Pegida-Gründer Lutz Bachmann. Der Off-Kommentar, zum Thema passend hochtourig. „Pediga – eine Bewegung hält Deutschland in Atem.“

Die Macher trumpfen weiter auf. „Ein halbes Jahr haben wir bei Pegida recherchiert. Interviews mit den Ideengebern der Bewegung geführt. Was ist die Triebfeder der Menschen, die sich hier engagieren? Woher nimmt die neue Bewegung ihre Kraft?“ Ein halbes Jahr Recherche. Zahlreiche Interviews. Großer Aufwand. Mageres Ergebnis. 45 Minuten Häppchen-Journalismus.

Da erfährt man im Off-Text, dass viele der Demonstranten gut ausgebildet sind, berufstätig und mittleren Alters. Als Beispiel und Betätigung kommt eine Tierärztin zu Wort. Sie sei kein Nazi, aber Patriotin. Und sie will, dass erst das eigene Volk gehört wird und dann der Rest. Ein 23 Sekunden O-Ton. Zu kurz für ein geeignetes Statement. Dann kommt ein Projektleiter vor die Kamera. Es bleibt unklar, ob er zum Organisationsteam gehört oder nur mitdemonstriert. Immerhin erfährt man, dass er ein bekennender Konservativer sei.  28 Sekunden lang beklagt er den Linksrutsch der CDU und die Unfähigkeit der restlichen Parteien. Mit im Bild, einer der beiden Journalisten. Es gibt keine Nachfragen. Kein Interesse an tieferen Einblicken oder sonstigen Erkenntnissen. Dem Macher genügt die populistische Parteienschelte. Bei so einem O-Ton wird ganz sicher kein Zuschauer wegzappen.

Ein Bisschen von Allem und lapidare Kommentare

Die Gründe für den Aufstieg von Pegida – Lang und Fromm tauchen dafür in die sozialen Medien im Internet ein. Feindbild „Radikaler Islam“. Wacklige Bilder von der gewalttätigen Salafisten-Demo in Solingen 2012. Der missglückte Anschlag am Bonner Hauptbahnhof. Schreckensbilder vom IS. Der lapidare Off-Kommentar: „Ein diffuses Gefühl der Bedrohung entsteht.“ Es bilden sich neue, ungewohnte Koalitionen. Rechte Hooligan-Gruppen und Rechtsextremisten.

Der Politikwissenschaftler Hans-Gerd Jaschke, Kapazität in den Bereichen „Neue Rechte“, „Rechtsextremismus“ und „Fremdenfeindlichkeit“ darf kurz darstellen und deuten. Er wird nicht eingeführt, nicht vorgestellt. Er darf nur O-Töne abliefern. Dann werden die Info-Stückchen immer kleiner, die Taktfrequenz wird immer höher. HoGeSa – Hooligans gegen Salafisten. Die verfassungsfeindliche, rechtsextreme pro NRW. Der Journalist und Autor Udo Ulfkotte. Seine Lieblingsgebiete - Verschwörungstheorien über gekaufte Journalisten und Heiliger Krieg in Europa. Bestseller-Autor Akif Pirinçci darf Schwachsinniges aus seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ zum Besten geben. Ohne Kommentar oder kritisches Nachhaken. Irgendwie haben die alle gefühlt oder wirklich mit Pegida zu tun.

Dann werden örtliche Pegida-Ableger wie Bogida und Bagida vorgestellt. Die sächsische Landeszentrale für Politische Bildung, in der Dialog mit Pegida stattfindet. Merkels Neujahrsansprache, in der Distanzierung von Pegida stattfindet. Eine Paris-Reise von der Bogida-Organisatorin Melanie Dittmer. Eine Pegida-Demonstration in Wien. Ein Faschisten-Treffen in Rom. Lutz Bachmann als Hitler. Eine verunglückte Großdemo gegen eine Salafisten-Kundgebung. Und Bachmanns Aussage, dass Pegida ins Parlament will. Die angekündigte TV-Analyse von Pegida – eine Mogelpackung. Kurzatmige Nummernrevue. Oberflächlich. Populistische Effekthascherei. Meterhohe Action – zentimeterhoher Erkenntnisgewinn.

 

 

 

 

 

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