Podcast-Renaissance : Auch Amazon-Tochter springt auf den Audio-Zug auf

Audible erweitert das Programm um 22 exklusive Podcasts. Unter den Autoren finden sich Promis wie Nina Ruge, Jörg Thadeusz oder Micky Beisenherz.

Kurt Sagatz
Täglich ein neuer Podcast. Zur Zeit können die Audible unter 22 Formaten auswählen, jeden Monat sollen zwei neue hinzukommen
Täglich ein neuer Podcast. Zur Zeit können die Audible unter 22 Formaten auswählen, jeden Monat sollen zwei neue hinzukommenFoto: Promo

Die Mischung ist bunt, beinahe abenteuerlich. Die inhaltliche Bandbreite der 22 Podcasts, die den Abonnenten der Hörbuch- und Hörspielplattform Audible zum Download angeboten werden, reicht von Fußball-Betrachtungen der „11 Freunde“ und satirischen Gesprächen zwischen Oliver Polak und Micky Beisenherz über Werkstattgespräche aus den Redaktionen von „Titanic“ und „Spiegel“ bis hin zu Tierträumen als Einschlafhilfe und einem Podcast über den alltäglichen Liebeswahnsinn von Frauen mit Frauen. „Jeder in Deutschland soll bei uns mindestens einen Podcast finden, den er gerne und regelmäßig jede Woche hört“, wünscht sich Paul Huizing, der bei dem Amazon-Tochterunternehmen für den neuen Programmbereich verantwortlich ist.

Die Podcasts stehen ausschließlich den zahlenden Kunden von Audible zur Verfügung, allerdings kosten sie neben der normalen Monatsgebühr nichts extra und sind werbefrei. Für die Entwicklung des Podcast-Programms investiert das in Berlin ansässige Unternehmen nach eigenen Angaben bis Ende 2018 einen nicht näher bezifferten Millionenbetrag.

Sicher ist: Podcasts erleben derzeit eine Renaissance. Eine erste Blütezeit hatten sie nach dem Siegeszug von MP3-Playern wie Apples iPod vor gut 15 Jahren. Herstellung und Vertrieb waren so einfach geworden, das im Prinzip nur noch ein interessantes Thema benötigt wurde, um eigene Beiträge anzubieten. Doch genau diese Beliebigkeit ließ das Format später in Vergessenheit geraten, einmal von Sendungen wie den „Radio-Tatort“ der ARD abgesehen.

Ein solches Programm – die RadioEins-Sendung „Sanft & Sorgfältig“ mit Jan Böhmermann und Olli Schulz – belebte vor zwei Jahren die deutsche Podcast-Szene ein zweites Mal. Das Format war so erfolgreich, dass der Musikstreaming-Dienst Spotify Böhmermann und Schulz abwarben, die dort nun den Podcast „Fest & Flauschig“ betreiben. Das bekannteste Format von Konkurrent Deezer heißt „Das kleine Fernsehballett“ und stammt von Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier. Die Statistik stützt die These vom Podcast-Boom. Bei Deezer stieg die Zahl der Podcast-Nutzer in den vergangenen zwölf Monaten um hundert Prozent. Die Zeit, die Deezer-Nutzer mit Podcasts verbringen, nahm sogar um 191 Prozent zu. Die absoluten Zahlen bleiben allerdings geheim.

Generalstabsmäßig geplant

Mit der Graswurzelbewegung der ersten Podcasts haben die neuen Formate von Audible nur noch wenig gemeinsam. Die Amazon-Tochter hat ihre Podcast-Offensive generalstabsmäßig geplant. Ein öffentlicher Aufruf brachte 500 Einreichungen hervor, zudem wurden bekannte Verlage und renommierte Journalisten angesprochen. Zunächst wurden 50 Pilotsendungen entwickelt und getestet. Mit den 17 erfolgversprechendsten Formaten wurden nun Podcasts in deutscher Sprache produziert, hinzu kommen fünf Podcasts von Audible in den USA und Großbritannien.

Jeden Monat will Audible zudem zwei neue deutsche Podcasts ins Programm nehmen. Bereits jetzt kann der Hörer unter ganz verschiedenen Podcast-Typen auswählen. Nina Ruge unterhält sich im „Bunte“-Gespräch mit dem Schauspieler Maximilian Brückner, der es immer noch nicht glauben kann, dass er als bayerischer Katholik für das ZDF Martin Luther darstellen durfte. Micky Beisenherz und Oliver Polak haben ihren Podcast „Juwelen im Morast der Langeweile“ getauft, sprechen über Gott, die Welt, deutsche Radfahrer und Blowjobs, finden aber zugleich, dass die Leute von „Titanic“ zu viele Pimmel-Witze reißen. Die spannendste Rubrik im „endgültigen Satire-Podcast“ dieser Zeitschrift ist „Briefe an die Leser“.

Geld, Liebe und Scheitern als Chance

Die Begeisterung für Podcasts machen besonders Ronja von Rönne und Tilman Rammstedt in ihrem Podcast „Uns fragt ja keiner“ begreiflich, in dem sie in gebotener Kürze Fragen zu Themen wie Geld oder Liebe beantworten. Aber auch Jörg Thadeusz’ „Brand Eins Gespräch“, in dem er sich mit der britischen Unternehmerin Anne Koark anderthalb Stunden unter anderem über das Scheitern als Chance unterhält, ist eine Paradebeispiel dafür, was Hörer von Podcasts erwarten - Inhalte, die man so im Radio nur selten findet.

Die Auswahl unter geeigneten Podcast-Machern ist allerdings begrenzt. Die „11 Freunde“ waren in der vorherigen Bundesliga-Saison noch mit ihrem Format „Matchday“ bei Deezer gelistet und auch Micky Beisenherz („Der 13. Mann“) war vor Audible bereits dort zu hören. Der Podcast-Renaissance muss das nicht schaden. Mit der neuen ARD-Radio-Mediathek, die in der kommenden Woche in den Regelbetrieb geht, stehen künftig noch erheblich mehr professionell gemachte Audio-Beiträge zum Download bereit. Nicht die Qualität ist dann das Problem, sondern eher die Qual der Wahl und das beschränkte Zeitbudget.

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