"Polizeiruf 110" aus Magdeburg : Mehr Drama als Thriller

"Dünnes Eis": Der Magdeburger „Polizeiruf 110“ mit Claudia Michelsen und Matthias Matschke erzählt von den fatalen Folgen notorischen Lügens.

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Kommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke) muss sich als Neuer im Magdeburger Team erst zurechtfinden.
Kommissar Dirk Köhler (Matthias Matschke) muss sich als Neuer im Magdeburger Team erst zurechtfinden.Foto: MDR/Frédéric Batier

Altenpflegerin Anja Peelitz kommt von der Nachtschicht nach Hause. Einer der Senioren habe ihr einen Heiratsantrag gemacht und sie zu einer Reise nach New York eingeladen, erzählt sie ihrer erwachsenen Tochter Kim, die natürlich mitkommen solle. „Stell dir mal vor, wir beide in New York. Das wär's doch, oder?“, sagt sie. Kim lächelt und antwortet: „Das wär' schön, Mama.“ Aber es klingt nicht danach, als würde sie ihrer Mutter tatsächlich glauben. Die 23-Jährige macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg zur Arbeit. Wenig später meldet sie sich als Entführungsopfer wieder. Anja Peelitz soll 100 000 Euro zahlen. Kim bittet am Telefon mehrfach, dass sie nicht zur Polizei gehen soll. „Die haben Messer, und die reden nicht mit mir.“

Zu jedem Krimi gehören die Lüge und die Suche nach Wahrheit. Der Verbrecher, der seine Tat zu vertuschen sucht, muss gefasst werden. Und die Welt mit ihren sprichwörtlich verbogenen Balken erhält ihr stabiles Gerüst zurück. Zurzeit ist ja ziemlich viel von der Lüge die Rede, und auch wenn dieser „Polizeiruf“ aus Magdeburg absolut nicht in den politischen Kontext vorstößt, passt er gut in die Zeit. Weil er im Kleinen davon erzählt, welche fatalen Folgen notorisches Lügen haben kann. In der Psychologie wird diese narzisstische Persönlichkeitsstörung („Pseudologia Phantastica“) das Münchhausen-Syndrom genannt.

Auf dünnem Eis, wie der Titel verspricht, bewegen sich Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und ihr neuer Kollege Dirk Köhler (Matthias Matschke) in mehrfacher Hinsicht: Bei der Suche nach der Wahrheit und nach wie vor im persönlichen Umgang. Brasch hatte Köhler im ersten Film kühl empfangen, ihn so gut es ging ignoriert. Er drängte sich ungeschickt und vergeblich auf. Auch in „Dünnes Eis“ kann schwerlich von Zusammenarbeit die Rede sein. Die ungeduldige Einzelgängerin Brasch rauscht allein auf dem Motorrad durch Magdeburg, Köhler dagegen gibt sich in den Befragungen als sensibler Frauenversteher. Zwei wie Feuer und Wasser, irgendwann kommt es zur Explosion: Man schreit sich an, Köhler entpuppt sich als Choleriker. „Wut ist mein Thema“, räumt er entschuldigend ein. In Magdeburg fliegen mitunter die Fetzen, aber mit Michelsen und Matschke hat dieser „Polizeiruf“ zwei herausragende Darsteller, die auch die Zwischentöne bestens beherrschen.

In toller Form: Christina Große

Außerdem gibt es eine dritte exzellente Schauspielerin, die diesen wendungsreichen, aber auch überkonstruierten Fall trägt: Christina Große ist Anja Beelitz, die freundliche Altenpflegerin und Mutter. Warum sollte man dieser sympathischen Frau, die eine schwere Zeit durchmacht und um das Leben ihrer Tochter bangt, misstrauen? Anja versteht es, Mitleid zu wecken, aber Christine Große gibt ihrer Figur so viel Normalität wie möglich mit. Da inszeniert sich kein Opfer mit großen Gesten, das Mitleid fliegt dieser bescheidenen Alleinstehenden von allein zu. Man verfängt sich leicht in dem Lügengespinst, das das Drehbuch von Eoin Moore und Anika Wangard nach einer Idee von Stefan Rogall aufzieht. Weil man Christine Großes Anja gerne glauben möchte. Und weil auch notorische Lügner vielleicht ab und zu die Wahrheit sagen. Nur wann?

Allerdings gibt es ziemlich schnell Grund zu zweifeln: Dass die Entführer eine Altenpflegerin um 100 000 Euro erpressen wollen, können sich die Ermittler nicht erklären – bis Brasch erfährt, dass Anja genau diese Summe geerbt haben soll. Der Polizei verschwieg sie das Erbe. Andere wussten davon, darunter Anjas Ex-Freund Jost (Eckhart Preuß) sowie Kims Arbeitskollegin Michelle (Anna Herrmann). Kurznachrichten auf Kims Handy lassen zudem den Schluss zu, dass sich die Entführte von einem ehemaligen Freund bedroht fühlte.

Das Drehbuch erfordert es leider, dass die Polizei manche Lüge ungeprüft schlucken muss, und auch sonst ist ziemlich viel Krimi-Routine dabei in Jochen Alexander Freydanks Inszenierung. Der Regisseur, dessen Kurzfilm „Spielzeugland“ 2009 mit dem Oscar ausgezeichnet worden war, lässt das Publikum anfangs glauben, Anjas Tochter Kim sei bei der Entführung ums Leben gekommen. Eine Leiche wird am Elbufer gefunden, Anja läuft Brasch verzweifelt schreiend in die Arme, doch ehe die Leiche identifiziert wird, springt Freydank 30 Stunden zurück. Mit einem Countdown wird anschließend eine eher vordergründige Spannung erzeugt. „Dünnes Eis“ wäre gerne ein Thriller, als psychologisches Drama, das sich auf die narzisstische Hauptfigur konzentriert, wäre der Stoff geeigneter gewesen.

„Polizeiruf 110 – Dünnes Eis“; ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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