Polizeiruf : Leere Psychokiste

Wehe, wenn Kommissar Tauber zu malen beginnt. Ein "Polizeiruf 110", der trotz Edgar Selge enttäuscht.

Thilo Wydra
Selge
Edgar Selge spielt Kommissar Jürgen Tauber. -Foto: dpa

Irgendetwas stimmt mit Kriminalhauptkommissar Jürgen Tauber (Edgar Selge) nicht. Der Fall geht ihm nahe, sehr nahe. Mit tiefen Augenringen schleppt er sich durchs Münchner Kommissariat, ein kleiner Bart ist ihm auch schon gewachsen, zum Rasieren kommt er ebenso wenig wie zum Schlafen, was wiederum seine Kollegin Jo Obermaier (Michaela May) mehrfach bemängelt, da er wegen seines Schlafmangels immer unerträglicher wird. Dann sitzen sie beide zusammen vor dem Herrn Staatsanwalt, und Obermaier bittet darum, Tauber vom Fall abzuziehen, er schaffe das nicht mehr, er habe psychische Probleme. Tauber traut seinen Ohren nicht, schreitet energisch aus dem Zimmer, und hernach brüllen sie sich von Schreibtisch zu Schreibtisch an – wie sie ihm nur derart in den Rücken fallen könne. Kein Wort mehr spricht er fortan mit der Kollegin.

Als der Fall sich als vermeintlich unlösbar herausstellt, geht Tauber schlussendlich doch zur Kur. Raus aufs schöne grüne bayerische Land, an einen schönen blauen bayerischen See, wo ihn Obermaier nach zwei Monaten besucht und man tatsächlich sehen darf, wie der regenerierte, gestärkte und nun auch wieder gut rasierte Tauber mit Pinsel und Staffelei am See sitzt und malt! Ja, der einarmige Münchner Kriminalhauptkommissar malt. Fehlte noch, dass er Yoga machte und sich zu Hause einen Buddha aufstellt. Aber ein wirkliches Zuhause, geschweige denn ein Privatleben, wie er selbst sagt, das hat er ja nicht, nicht so wie die verheiratete Kollegin Obermaier, deren Gatte Tarik (Tayfun Bademsoy) ihr nun vermehrt in den Ohren liegt, wann sie denn mal wieder miteinander tanzen gingen.

Der Fall selbst, den der sehr junge Schweizer Regisseur Alain Gsponer („Rose“) inszeniert und zusammen mit Alex Buresch geschrieben hat, ist ein allzu schwacher: In einer ruhigen Reihenhaussiedlung am Münchner Stadtrand geschieht ein brutaler Familienmord. Vater, Mutter und Sohn Harms wurden erschlagen und liegen blutüberströmt im Haus, die einzig Überlebende ist Tochter Maren (Nadja Bobyleva), die in besagter Mordnacht just bei einer Freundin geschlafen hat. Das hat sie gerettet. Ansonsten: Kein Täter, kein Motiv, keine Hinweise – nichts! Der Anblick der grauenvoll zugerichteten Familie Harms scheint Tauber in einen Schockzustand zu versetzen, anders ist sein Irrweg, sein traumatisches und hochaggressives Verhalten nicht zu erklären.

Das Drehbuch dieses „Polizeirufes 110“ ist schwach. Die unzureichende Dramaturgie krankt an zahlreichen Ecken, vieles ist nicht wirklich ausgearbeitet, Figuren werden nicht stimmig erzählt, und die Atmosphäre dieses kalten Films mutet oft sehr befremdend und artifiziell an. Der Fall berührt nicht, und so mag denn auch nur wenig bis gar keine Emotionalität aufkommen.

Bemessen lässt sich die zudem inszenatorische Unstimmigkeit des Krimis, der den übertrieben prosaischen Titel „Wie ist die Welt so stille“ trägt, auch und gerade daran, dass der wunderbare Edgar Selge hier etwas spielen muss, was nicht schlüssig ist, nur an der Oberfläche kräuselt. Man nimmt seinem Kommissar Tauber diese Psychokiste nicht ab – ganz im Gegensatz etwa zu der Folge „Taubers Angst“. Selten war Selge in der kongenialen Rolle des Tauber so enttäuschend wie hier. Doch liegt dies nicht an dem Schauspieler, ein Glück. Thilo Wydra

„Polizeiruf 110: Wie ist die Welt so stille“, ARD, 20 Uhr 15

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