Pop digital : Alles so schön laut hier

Am Sonntag Abend gibt's wieder "Roche & Böhmermann". Jetzt müssten das nur noch mehr Zuschauer mitkriegen: Warum der junge Spartensender ZDFkultur nicht abgeschaltet werden darf.

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Wutentbrannte Gäste soll man aufhalten: Das Moderatorenduo Charlotte Roche und Jan Böhmermann. Zuletzt gab es Spekulationen über das Ende von ZDFkultur.Foto: dpa Foto: dpa
Wutentbrannte Gäste soll man aufhalten: Das Moderatorenduo Charlotte Roche und Jan Böhmermann. Zuletzt gab es Spekulationen über...Foto: dpa

Über deutsche Talkshows wird ja gerne mal geschimpft: immer die gleichen Gäste, die vorhersehbaren Themen, Fragen, Rituale. ZDFkultur kann damit nicht gemeint sein. Seit ein paar Monaten sitzen da Charlotte Roche und Jan Böhmermann sonntagabends an einem schwarzen Tisch mit Deckenleuchter drüber und unterhalten Zuschauer und Gäste mit recht ausgefallenen Gesprächsthemen, gelegentlich auch mit Fäkalrhetorik. Man könnte sagen: Die beiden Moderatoren unterhalten nicht nur, sie erschrecken die Gäste. Kreative Freiheit, so heißt das beim Sender. So frei, dass da schon mal jemand aus Protest das Studio verlässt. Wie heute Abend der HipHop-Musiker Max Herre. Charlotte Roche hatte bei der Aufzeichnung dieser Folge die neue Platte des Musikers ziemlich heftig kritisiert. Herre soll wutentbrannt das Studio verlassen haben, Roche hinterhergelaufen sein und ihren Gast zurückgeholt haben.

Ein Fernsehtipp gegen Langweile für heute Abend also. Und wieder mal eine Empfehlung für den digitalen Sender ZDFkultur, dem ein bisschen Aufmerksamkeit und positive Schlagzeilen guttun. Das Letzte, was aus Mainz zu hören war, ist die Nachricht von der Einstellung des Primetime-Magazins „Der Marker“, welches vor 18 Monaten auch als Markenzeichen für den neuen Spartenkanals ins Leben gerufen wurde. Der ausgezogen war, um dem großen, alten ZDF jüngere Zuschauer ins Boot zu holen. Schon unken Kritiker über den Anfang vom Ende dieses Versuchs. Dazu passen die Vorstöße von Medienpolitikern, die ARD und ZDF einen gemeinsamen, gebündelten Jugendkanal verpassen wollen.

So ein Projekt hat Ulrich Wilhelm, der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), neulich wieder ins Spiel gebracht. Was dahintersteckt? Auch die rundfunkpolitische Großwetterlage. Insider sagen, die Öffentlich-Rechtlichen würden mehr Rechte im Internet haben wollen – Stichwort „Tagesschau“-App etc. – und dafür womöglich im Gegenzug digitale Angebote opfern. ZDF-Intendant Thomas Bellut könnte also eine Art schlachtreife Kuh suchen. Und die Aufgaben des im Mai 2011 aus dem ZDFtheaterkanal hervorgegangenen Senders ZDFkultur dürften dann wiederum verstärkt von 3sat und Arte wahrgenommen werden. Von den anderen digitalen ZDF-Kanälen ZDFneo und ZDFinfo mal ganz zu schweigen.

„Der Marker“ ade, bald auch ZDFkultur ade? Dem widerspricht ZDFkultur-Chef Daniel Fielder vehement. „Es hat ja etliche Formate im ZDF betroffen.“ Das ZDF sei insgesamt in einer schwierigen Personalsituation durch die „beinharten Vorgaben“ der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF). „Also traf es besonders die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jener Formate, die noch nicht so lange am Start sind.“ Fiedler versucht, das Positive herauszuziehen. „Der Marker“ habe als Schaufenster deutlich gemacht, für was ZDFkultur steht. „Mission also erfüllt. Jetzt sind wir so selbstbewusst, zu sagen, dass es auch ohne den ,Marker’ geht.“

ZDFkultur habe im Jahr rund 18 Millionen Euro zur Verfügung, kein Cent sei dafür dem Gebührenzahler mehr auferlegt worden. Von wegen Rundfunkpolitik und Schelte der Privaten. Das bleibe in etwa auch so, für 2013, sagt Fiedler. „Die Einstellung vom ,Marker’ ist nicht der Anfang vom Ende. Das hat uns der Intendant so klar gesagt.“ ZDFkultur werde den Weg, der eingeschlagen wurde, fortsetzen, die Musikkompetenz weiter ausgebaut, zum Beispiel mit Markus Kavkas Magazin „Number One“. Zu den beliebtesten Sendungen im Jahresprogramm gehören allerdings die insgesamt zwölf mehrstündigen Übertragungen von Open-Air-Festivals wie an diesem Wochenende vom Berlin Festival aus Tempelhof. Einzelne Konzerte werden im Laufe der kommenden Woche täglich jeweils ab 19 Uhr wiederholt, am Montag zum Beispiel mit Tocotronic. Schade nur, dass sich diese Popularität vor allem bei einem Publikum zwischen 20 und 40 nicht in Zahlen widerspiegelt. Der Marktanteil von ZDFkultur liegt zwischen 0,1 und 0,2 Prozent. „Wir wissen“, sagt Daniel Fiedler, „dass wir bei den Musikfestivals wie Wacken auf über 250 000 Abrufe in der Online-Mediathek kommen, ähnlich bei ,Roche & Böhmermann’.“ Eine vollständige Darstellung dieser Abrufe, die die Beliebtheit der Plattform für digitale Popkultur insgesamt wiedergeben würde, werde technisch gerade umgesetzt.

Das wird auch Zeit. Fernsehen ist längst kein lineares Medium mehr. Was die Pläne eines gemeinsamen Jugendkanals von ARD und ZDF betrifft: Die Position des ZDF sei eine eindeutige, so Fiedler. „Für uns ist Programmfamilie ein wichtiger Wert, gerade auch für die strategische Ausrichtung in der digitalen Welt. Mit allen drei Kanälen zusammen holen wir beim ZDF jeden Tag deutlich mehr als ein Prozent Marktanteil. Für die kurze Zeit, die wir am Markt sind, ist das überaus erfolgreich.“ Selbst der öffentlich-rechtliche Ereigniskanal Phoenix habe vor 15 Jahren im ersten Jahr seines Bestehens nur 0,0 % Marktanteil gehabt.

Möglich und wünschenschwert also, dass „Roche & Böhmermann“ ihre kreative Freiheit bei ZDFkultur noch länger genießen können, Talkshow-Verächter wieder auf den Geschmack kommen und noch mancher Gast dem Studio entflieht. Immerhin, Kuschel-Moderator Markus Lanz hat den Fragen der beiden forschen Gastgeber am vergangenen Sonntag standgehalten. „Einer der Erfolgsfaktoren von ,Roche & Böhmermann’ ist die spielerische Auseinandersetzung der beiden Protagonisten, die sie mit aller Konsequenz betreiben. Und zwar on air und off air“, verteidigt Fiedler das Duo. Nach den herkömmlichen Talkshow-Gesetzen ein Skandal. Nach den Regeln von „Roche & Böhmermann“ eine Notwendigkeit.

Die ungeplante Szene zwischen Charlotte Roche und Max Herre soll den TV-Zuschauern heute jedenfalls nicht vorenthalten werden.

„Berlin Festival 2012“, ZDFkultur, ab 14 Uhr 30, u. a. mit Franz Ferdinand, The Killers. „Roche und Böhmermann“, 22 Uhr 15, Gäste u. a.: Mark Berling, Mark Herre Rapper Ferris MC

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