Popmusik : Anarchie und Schäferhund

Ein Dokumentarfilm zeigt, warum in Deutschland immer wieder Popmusik verboten wurde. Besonders skurril wurde es bei einem, bei dem man es gar nicht erwarten würde.

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Auch das Lied „Claudia hat ’nen Schäferhund“ von den Ärzten landete auf dem Index.
Auch das Lied „Claudia hat ’nen Schäferhund“ von den Ärzten landete auf dem Index.Foto: dpa

Eine Revolution, die in der Tanzschule angekommen ist, ist tot. „Wenn die Bee Gees anfangen zu singen, dann fangen wir mit dem rechten Bein an“, sagt der bebrillte Tanzlehrer, hinter dem sich Dutzende Jugendliche auf dem Dancefloor einer Großraumdiskothek versammelt haben. An ihren Vokuhila-Frisuren ist zu erkennen, dass wir uns in den späten siebziger Jahren befinden. Dann säuseln die Bee Gees im Falsett „Saturday Night Fever“, und die Vokuhila-Menschen setzen sich mit Discofoxschritten in Bewegung. Bis ziemlich wüst andere aggressive Bilder und Störgeräusche in die Tanzlektion geschnitten werden. Die Sex Pistols singen, nein: grölen „God save the Queen“.

Die Punk-Revolte beendete die Disco-Revolution. In der Bundesrepublik blieb das ein weitgehend friedlicher Umbruch. Allerdings erinnert sich Helmut Fest, Exchef der Plattenfirma EMI, im Dokumentarfilm „Ab 18 – Musik auf dem Index“ daran, dass die Sex-Pistols-Platte nach einigen Wochen aus dem Verkauf zurückgezogen werden musste. „Das ging von den Frauen einiger EMI-Aufsichtsräte aus“, sagt er. „Die hatten Angst, beim Metzger an der Theke beschimpft zu werden.“

In der DDR war es gefährlicher, sich eine Sicherheitsnadel durch die Backe zu ziehen. Links von der SED durfte keine Opposition existieren, Zeilen wie „Wir wollen was anderes: Anarchie“ wurden als Kriegserklärung verstanden. Stasi und Volkspolizei gelang es, die komplette erste Generation von Ost-Punks innerhalb weniger Wochen von der Straße verschwinden zu lassen. Sie wurden verhaftet oder zum Wehrdienst einberufen.

Das Lied einer Dirne

Die Dokumentation von Frank Diederichs ist eine so unterhaltsame wie erhellende Kulturgeschichte des deutschen Pop. 1960 wurde zum ersten Mal eine Schallplatte von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert. „Das Lied einer Dirne“ von der Münchner Sängerin Gisela Jonas befand man als „in geschlechtlicher Hinsicht ordinär“ und gab es erst ab 18 frei. Seitdem landeten 1400 Tonträger auf der schwarzen Liste, von Peter Toshs Drogenhymne „Legalize It“ über „Claudia hat ’nen Schäferhund“ von den Ärzten bis zu Hass-Liedern von Neonazi-Bands wie Bunker 84, Störkraft oder Der Metzger.

Schwerer als politische Verbote wog oft die gesellschaftliche Ächtung. So berichtet der „deutsche Elvis“ Ted Herold von einem Fernsehauftritt, vor dem ihm der Aufnahmeleiter mitteilte, er würde nur von der Hüfte an aufwärts gezeigt. „Aber bewegen Sie sich nicht, wir müssen Sie sonst rausschneiden.“ Rock ’n’ Roll galt als ansteckender Virus. Dabei sang Herold bloß: „Meine Küsse brennen heißer als Wüstenwind.“ Der Leipziger Drummer Thomas Bürkholz schwärmt von Auftritten mit seiner Beatband: „Wir kamen in Hallen mit 2000 Zuschauern, davon 600 kreischende Frauen. Wenn wir anfingen, fielen die ersten in Ohnmacht.“ Bald darauf wetterte Walter Ulbricht gegen „die Monotonie des Jeah, Jeah, Jeah“ und Bürkholz’ Gruppe wurde verboten.

„Ab 18 – Musik auf dem Index“, WDR, Freitag, um 23 Uhr 15

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