PorNeo : Der Gebrauch der Lüste

Freigegeben ab 16: Mit „Hotel Desire“ läuft der erste schwarmfinanzierte Film im Internet - und später auch auf Arte.

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PorNeo in der Präsidentensuite, mit Saralisa Volm und Clemens Schick. Foto: Promo
PorNeo in der Präsidentensuite, mit Saralisa Volm und Clemens Schick. Foto: Promo

Über was soll man sich bei dem neuen deutschen Film „Hotel Desire“ mehr wundern: über den Inhalt oder über die Produktionsweise? Über die sehr explizite Darstellung des Beischlafs zweier namhafter Darsteller oder über dieses sogenannte Crowdfunding, die Schwarmfinanzierung? Über Sex mit Saralisa Volm oder über die Chuzpe, bei Freunden, Gönnern und Publikum via Internet 170 000 Euro einzusammeln, um den Film zunächst ausschließlich im Netz zu zeigen?

Schwer zu sagen. Einfach so an „Hotel Desire“ vorbeigehen lässt sich jedenfalls nicht. Das haben die Macher schon mal erreicht, vorneweg Jung-Regisseur Sergej Moya, 23, und Teamworx-Produzent Sascha Schwingel. Seit Mittwochabend, 20 Uhr, zeitgleich zur Deutschlandpremiere im Cinestar am Potsdamer Platz, ist der mit Herbert Knaup und Jan-Gregor Kremp prominent nebenbesetzte Film für sechs Monate exklusiv bei videoload.de abzurufen. Ein Ticket dort, gültig über 24 Stunden, kostet 2,99 Euro, eine Kinokarte kann doppelt so teuer sein.

Dafür dauert „Hotel Desire“ auch nur knapp 40 Minuten. Moya kann sich rühmen, in der kurzen Zeit dem Thema „Sexualität im Film“ ein neues Kapitel hinzugefügt zu haben: mit der Geschichte eines Berliner Hotelmädchens, das acht Jahre lang keinen Sex mehr hatte und an einem unerträglich heißen Tag an ihrem Arbeitsplatz, dem „Hotel Mira Mare“, mit der Aufmerksamkeit und dem Körper eines blinden (!) Malers beschenkt wird.

Zaghafte Berührung, Nahekommen, hemmungsloser Akt, Sex fast 20 Minuten lang, das alles elegant inszeniert, bewusst nah am Kitsch, wie Moya sagt, dazu elegische Musik. „PorNeo“ nennen das die Macher. Moya wollte den Konventionen des pornografischen Films entfliehen, dem reduzierten, unmenschlichen Vorgang, immer nur auf die Erregung des Betrachters schielend. In seinen besseren Momenten erinnert „Hotel Desire“ denn auch an die berühmte Sexszene mit Julie Christie und Donald Sutherland aus dem 70er-Jahre-Klassiker „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Man mutmaßte damals, dass das nicht gespielt, sondern ein echter Geschlechtsakt war. Die Szene wurde mehrmals gekürzt, um die für eine Veröffentlichung in Kinos notwendige Bewertung zu bekommen.

Wie stark die Schere im Kopf bei Moya war, lässt sich nur mutmaßen. Einen von sieben Drehtagen hat der Regisseur mit seinen bravourösen Schauspielern Saralisa Volm und Clemens Schick in der Präsidentensuite des Regent-Hotels für diese Bettszene gebraucht. Und das Ganze verschwindet nicht im Internet. „Hotel Desire“ hat eine „FSK 16“, eine Freigabe ab 16 Jahre, bekommen und darf ab Mitte 2012 auch im Fernsehen, bei Arte, ausgestrahlt werden.

Ein prestigeträchtiges Thema zur gewitzten Filmfinanzierung, die an Filmschulen schon praktiziert wird. Und wer sich wundert, wer da mitmacht: „Hotel Desire“-Unterstützer, die mehr als 10 000 Euro gezahlt haben, werden am etwaigen Gewinn beteiligt. Markus Ehrenberg

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