Porno mit Anspruch : Sex-Magazine Giddyheft und Jungsheft sind die Ü30-Bravo

Der Ton der Sex-Hefte Giddyheft und Jungsheft ist spielerisch bis anarchistisch. Ein bisschen wie der Jargon unter Freunden in einem der sozialen Netzwerke. Bei einem nimmt es der Gesetzgeber aber ganz genau.

Michael Krause
Frivol: Das Cover vom "Giddyheft".
Das Thema Sexualität mal anders anpacken. „Giddy“ steht im Englischen für Aufregung und Erregung, je nach Kontext mit sehr...Foto: Promo

Wenn ein Porno-Magazin seine Modelle als „lecker Mädchen“ anpreist, das Für und Wider von Sex im Suff abwägt und Autorinnen Tipps zum entspannten Umgang mit Erektionsproblemen geben lässt – dann kann es nicht um Porno im herkömmlichen Sinne gehen. Selbst wenn man nur auf die Bilder schaut, das Label „Porno“ will zu diesem Magazin nicht passen. Das Design des A5-Hefts ist anspruchsvoll, mit einem Schuss Selbstironie. Die Fotografie kommt spontan daher, macht von Modell zu Modell wilde Sprünge. Von zeitgenössischer Snapshot-Fotografie à la Wolfgang Tillmanns bis zu privat anmutender FKK-Ästhetik ist alles dabei. Die Modelle, allesamt Laien, blicken uns selbstbewusst an. Sie haben sich ohne Honorar ausgezogen, „um der Sache willen“, wie Nicole Rüdiger, eine der beiden Herausgeberinnen des „Giddyhefts“, sagt.

„Eigentlich würde ich’s ja am liebsten Ü30-,Bravo‘ nennen“, sagt sie. Aus juristischen Gründen muss es aber als „Porno“ deklariert sein. Eine „Bravo“ für Erwachsene also, ohne Star-Marketing und Foto-Love-Stories, nur mit dem, was an der „Bravo“ immer am meisten zählte: das Thema Sex, und was dabei Schönes wie Schlimmes passieren kann. „Giddyheft“ haben die Kölnerinnen Nicole Rüdiger und Elke Kuhlen ihr im Eigenverlag herausgegebenes Nacktmagazin für Männer getauft. „Giddy“ steht im Englischen für Aufregung und Erregung, je nach Kontext mit sehr frivolen Untertönen. Das „Giddyheft“ ist so ein frivoler Kontext. Es erscheint halbjährlich, kostet sechs Euro und richtet sich an Leser ab 18.

Frivol: Das Cover vom "Jungsheft".
Frivol: Das Cover vom "Jungsheft".Foto: Promo

Geht es um Nacktfotografie, zeigt sich die deutsche Rechtsprechung erstaunlich detailinteressiert. Schon wer Schamlippen und erigierte Penisse nur zeigt, müsse „Porno“ draufschreiben, so Nicole Rüdiger. Ab wann ein Penis als erigiert zu gelten hat, sei von einem Gericht festgelegt worden, sagt Rüdiger. Die Antwort: ab 45 Grad. Da im „Giddyheft“ nur Frauen posieren, weil aus Prinzip keine Penetration gezeigt wird, betrifft diese juristische Feinheit vor allem das „Jungsheft“, das Magazin-Pendant für Frauen. Um hier bei den männlichen Modellen nicht immer den Winkelmesser bemühen zu müssen, haben die beiden Heftmacherinnen den augenzwinkernden Untertitel „Porno für Mädchen“ angefügt.

Seit 2005 machen Nicole Rüdiger und Elke Kuhlen das jetzt schon „hobbymäßig“, wie sie sagen. Mit dem „Jungsheft“ haben die beiden begonnen. Ein Jahr später kam das „Giddyheft“. „Auf Wunsch von Männern, deren Partnerinnen vom ,Jungsheft‘ begeistert waren“, sagt Rüdiger. Die Idee war bei beiden Heften dieselbe. „Sexualität mal anders anpacken. Klar gibt’s auch im Playboy immer eine ,Jacqueline‘, die als Laienmodell ins Blatt kommt. Aber das unrealistische Schönheitsideal bleibt das gleiche.“ Ihre Modelle hätten dagegen eine andere Art von Mut, erklärt Rüdiger. „Den wollen wir zeigen“. Im „Giddyheft“ sieht man selbstverständlich auch mal Tätowierungen, Narben, punkige Frisuren und Piercings.

Der Ton der Hefte ist spielerisch bis anarchistisch. Ein bisschen wie der witzelnde Jargon unter Freunden in einem der sozialen Netzwerke. Der Vergleich mit Facebook und Co. ist dabei gar nicht so abwegig, denn der Grund für das kontinuierlich wachsende Publikum des „Giddy-“ und „Jungsheftes“ ist der enge Draht der beiden Herausgeberinnen zu ihren Lesern.

Die Kölnerinnen sind mit ihren Magazinen in eine Nische vorgestoßen, die bislang niemand bedient. Gemessen an den Special-Interest-Magazinen der Zeitschriftenverlage ist die Auflage von 3000 Stück, die die beiden Hefte jeweils haben, zwar gering. Bedenkt man aber, dass es im Jahr 2007 noch je 1500 Stück waren, ist das eine bemerkenswerte Steigerung. „Wir pflegen den Kontakt zu unseren Lesern“, sagt Rüdiger. So rufen die Herausgeberinnen ihre Leser in jedem Heft dazu auf, Freunde als Fotomodelle vorzuschlagen. Ihre Käufer sind zwischen 18 und Mitte 40. Dass ihre Hefte bei vielen Lesern Toilettenlektüre sind, stört die Kölnerinnen nicht.

Abgesehen von ein paar kleinen Anzeigen für Indie-Marken sind die „Giddy-“ und „Jungshefte“ werbefrei. Der Heftpreis deckt nur die laufenden Kosten. Ein Abo gibt es nicht. Eingetütet und verschickt werden die georderten Hefte nach wie vor selbst. Ob sie mal über andere, digitale Vertriebswege nachgedacht haben? „Natürlich“, sagt Nicole Rüdiger. Doch das ist nicht so einfach. Die großen App-Stores vertreiben keine „Porno“-Magazine. Eine Best-of-App testen sie gerade über eine kleinere Plattform. Für die Abwicklung der Bezahlung können sie aber auch da nicht auf die etablierten Systeme zurückgreifen. Paypal macht keinen Porno.

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