Porträt : Die Mutmacherinnen

Zwei Reporterinnen reisen um die Welt – und der Frage nach: Wie sieht Journalismus in Zukunft aus? Ihre Erlebnisse stehen auf dem "Next Media Blog".

Dominik Drutschmann
Suchen den Durchblick: Die Reporterinnen Amrai Coen (l.) und Caterina Lobenstein haben Journalisten und Blogger in São Paulo, New York, Tokio, Mumbai, Kairo und London getroffen. Über ihre Erlebnisse berichten Sie auf dem „Next Media Blog.“ Foto: Promo
Suchen den Durchblick: Die Reporterinnen Amrai Coen (l.) und Caterina Lobenstein haben Journalisten und Blogger in São Paulo, New...

Am Ende der Reise überwiegen zwei Dinge: Müdigkeit und Mut. Fünf Wochen sind die beiden Reporterinnen Amrai Coen, 26, und Caterina Lobenstein, 29, von Hamburg aus in drei Kontinente gereist. Ihr Ziel: neue Ansätze zu finden, neue Ideen für den Journalismus, für Zeitungen, Magazine, Verlage im digitalen Wandel. In São Paulo, New York, Tokio, Mumbai, Kairo und London. Ende vergangenen Jahres machten sie sich just zu dem Zeitpunkt auf, als die Stimmung in der deutschen Medienbranche deutlich eingetrübt war durch die Einstellung der „Financial Times Deutschland“ und die Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“. Jetzt sind die beiden Reporterinnen zurück – und zuversichtlich.

„Das Allheilmittel gibt es nicht“, sagt Coen. Aber viele interessante Ansätze. In São Paulo etwa, Elf-Millionen-Einwohner-Stadt in Brasilien, berichtete die Tageszeitung „Folha de São Paulo“ zwar über die Vorgänge im Regierungsviertel, nicht aber über die Randgebiete. Dafür erzählt Leandro Machado von dieser Welt, in die die Reporter der „Folha de São Paulo“ keinen Einblick haben, keine Berührungspunkte, weil sie aus den besseren Gegenden der Stadt stammen. Machado lebt in den Favelas und bloggt über Gewalt vor seiner Haustür, von der Angst der Menschen, den schlechten Bedingungen. „Mural“ heißt sein Blog, für den insgesamt 30 junge Journalisten schreiben und der mittlerweile an die Zeitung „Folha de São Paulo“ angegliedert ist. „Damit die Leute besser verstehen, was in den Randbezirken passiert“, sagt Machado, der glaubt, dass der hyperlokalen Berichterstattung die Zukunft gehört.

Finanziert worden ist die Reise in die Zukunft des Journalismus von Hamburg@work, einer Initiative für Medien, IT und Telekommunikation, die von der Stadt Hamburg und Hamburger Unternehmen getragen wird. Ihre Ergebnisse und Erlebnisse haben Coen und Lobenstein auf dem „Next Media Blog“ veröffentlicht. Hier ist auch die Geschichte von Brian Storm zu lesen, der auf Amrai Coens Liste ganz oben stand, als es darum ging, Interviewpartner für das Projekt zu suchen. 2005 hat er „Mediastorm“ gegründet, eine Internetseite, auf der Storm Multimediastücke präsentiert. Es sind Geschichten über den Völkermord in Ruanda, über einen Kameruner, der nach Europa aufbricht. Fotos und Videos verweben sich mit Musik zu einem dicht erzählten journalistischen Stück. Storm zeigt mit seiner Arbeit, dass Qualitätsjournalismus im Internet funktioniert – und dass die Leute bereit sind, dafür zu bezahlen. Auf seiner Seite hat er eine Paywall. Die Zugriffszahlen steigen trotzdem jeden Monat. „Mediastorm“ profitiert von sozialen Netzwerken, auf denen die Multimediastücke verlinkt werden. Für Storm haben Seiten wie Facebook längst die Titelseiten der Tageszeitungen abgelöst.

Dass das Internet, dass soziale Netzwerke wie Facebook als Informationsquelle dienen, haben Coen und Lobenstein in Kairo erlebt. Während sie dort waren, gab es wieder Aufstände. Kristin Jankowski hat das Blog „Arab Spring Collective“ ins Leben gerufen, 50 junge Journalisten versuchen, jenseits der Zensur authentisch über die Unruhen in Kairo zu berichten. Facebook, sagt Jankowski, erfülle in Ägypten eine andere Funktion als in Europa. Nicht mit wem man gerade liiert ist, sei Inhalt der Beiträge, sondern wer gerade festgenommen wurde, verprügelt, eingesperrt. Es ist ein Ort für politische Diskussionen. Für Coen eine neue Erfahrung. Sie selbst ist nicht bei Facebook, ist sich aber sicher: „Wenn ich in Ägypten leben würde, würde ich es nutzen.“

Jankowski erzählt auch von ihren Erfahrungen mit Journalisten in Krisengebieten. Wie Rambos würden die sich aufführen. Eine Einschätzung, die Richi Miyakawa teilt. Er hat das Erdbeben im März 2011 in Tokio mit seiner Handykamera dokumentiert. Er hat viele ausländische Journalisten getroffen, gesehen, wie sie in Japan eingefallen sind, pietätlos, nicht einmal guten Tag sagend, die Familien in ihrem Elend bedrängt haben. Miyakawa hat seine ganz eigene Berichterstattung entwickelt. Oft ist er selbst Zentrum seiner Videos, wie er durch das zerstörte Tokio geht, die Verwüstungen sieht, sie aber nicht begreifen kann. Man sieht Miyakawa dann weinen, sekundenlang. Auf Youtube waren seine Beiträge ein Riesenerfolg; so erfolgreich, dass Spiegel-Online ihm eine Videokolumne angeboten hat. „Manche Journalisten machen Journalismus für andere Journalisten und verlieren den Leser aus dem Blick“, sagt Coen, „das muss sich ändern.“

Nach fünf Wochen, drei Kontinenten und sieben verschiedenen Städten, die Coen und Lobenstein bereist haben, ist es schwierig ein Fazit zu ziehen. Zu unterschiedlich seien die einzelnen Ideen, die Versuche, den digitalen Journalismus anzugehen. Zudem sind die Ausgangslagen in den einzelnen Ländern unterschiedlich. In den USA hat die Krise früher zugeschlagen, die Phase der Schockstarre ist schon überwunden. In ProPublica beispielsweise, einer gemeinnützigen Nachrichtenorganisation für Enthüllungsjournalismus, vereine sich Mut und Pioniergeist, sagt Coen. Der Chef vom Dienst Paul E. Steiger, bis 2007 Chefredakteur des „Wall Street Journals“ und ProPublica-Chefredakteur Stephen Engelbert, früher Reporter bei der „New York Times“, haben ihre Jobs aufgegeben, um mit ihrer Plattform etwas völlig Neues zu starten. ProPublica, ein Team aus Investigativ-Reportern, die von Spendengeldern leben, stellt den Redaktionen seine Recherchen, für die Zeitungsverlage kein Geld mehr haben, kostenlos zur Verfügung. In Asien dagegen boomt der Zeitungsmarkt, die konservative Tageszeitung „Yomiuri Shimbun“ hat in Japan eine Auflage von 13,5 Millionen.

Coen versucht, die Ergebnisse auf den Punkt zu bringen: „Wir als Journalisten dürfen uns nicht verschließen, wir müssen Mut haben. Der digitale Wandel ist keine Bedrohung für den Journalismus, er ist eine Chance.“ Geschlafen haben sie während der Reise wenig, sagt Coen. Die Strapazen aber waren es wert, sie haben einen Nerv getroffen. Die Anfragen von Universitäten, Organisationen und Verlagen stapeln sich auf ihrem Schreibtisch. Dort sollen sie von ihren Erlebnissen berichten. Auch ein Zeichen dafür, dass die Branche nach Antworten sucht. Panik ist allerdings nicht angebracht. Wenn man sich die Beiträge in ihrem „Next Media Report“ anschaut, überwiegt vor allem eines: Zuversicht. Und das macht Mut.

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