Porträt : Nur nicht abheben

Seine Freunde nennen ihn schon Scarlett Johansson: Jonas Nay, der Jung-Star aus dem preisgekrönten Fernsehfilm „Homevideo“.

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Jonas Nay weiß nicht, wer seinen Wikipedia-Eintrag angelegt hat. Menschen, die er nie getroffen hat, nehmen ihn jetzt so wichtig, dass sie an seiner digitalen Biografie mitschreiben möchten. Aber sie kennen ihn nicht gut genug: „Geboren 1990 als Jonas Friedebom“, heißt es in dem Online-Lexikon. „Das war bloß mein Künstlername für meine erste Kinderrolle“, sagt er. „Den hatte ich zu meinem Schutz.“ Schutz gegen die Unwägbarkeiten des Filmbusiness. „Bei uns zu Hause lief nur selten der Fernseher. Sport und Musikmachen haben mich immer viel stärker interessiert, das ist im Prinzip bis heute so.“ Nur, heute interessiert sich das Fernsehen stärker für ihn. Am 2. Oktober ist der Fernsehfilm „Homevideo“, in dem Nay die Hauptrolle spielt, beim Deutschen Fernsehpreis in Köln als bester Film ausgezeichnet worden. Obendrauf hat Nay den Förderpreis verliehen bekommen. „Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass es den gibt“, sagt er.

Wer sich mit dem 21-Jährigen unterhält, glaubt ihm sofort, dass der Ruhm ihn unvorbereitet trifft. Nichts von dem, was er sagt, wirkt einstudiert oder affektiert. Wenn er lächelt, lächeln auch die Augen. Ab und zu bremst er sich: „Ich weiß nicht, ob ich das erzählen sollte.“ Dann fragt er lieber noch mal nach, bei seiner Agentin. In ihre Hand legt er die Dinge gern. Sie war es, die ihn vor eineinhalb Jahren angerufen hat, sagte, sie habe da dieses Drehbuch, das wie gemacht für ihn sei. Ob sie es ihm schicken solle? Damals war sie noch nicht seine Agentin. Aber sie hat recht behalten als sie dachte, dass Jonas Nay eines Tages eine Agentin brauchen würde.

Begonnen hat Nay seine Karriere bei „4 gegen Z“, einer NDR-Kinderserie. Nay spielte darin den pfiffigen Otti, der mit Schwester und Freunden mystische Verbrecher jagt. Auch da war er nur zufällig hineingeraten. Schon als Kind war er fasziniert vom Theater. Darum meldete er sich 2004 auf eine Zeitungsannonce hin, in der Schauspieler gesucht wurden. Ein Missverständnis – als Nay begriff, dass für eine Fernsehproduktion gecastet wurde, hatte er quasi schon seine erste Hauptrolle in der Tasche. Danach folgten für den gebürtigen Lübecker immer mal wieder kleinere Auftritte, im „Großstadtrevier“ zum Beispiel. Jetzt, im Oktober 2011, klingelt sein Mobiltelefon ständig, seitdem die Kamera bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises nicht von ihm lassen wollte. Ein frisches Gesicht. Während der Laudatio schlägt Nay verlegen die Augen nieder. Gerade so, wie es Jakob Moormann immer tut, den er in seinem ersten großen Film spielt.

„Homevideo“ schildert auf unvoreingenommene, beklemmende Weise, wie ein Schüler-Streich, durch ein soziales Netzwerk multipliziert, einen Jungen zugrunde richtet. Der 15-Jährige Jakob findet ein höchst intimes Video von sich, das in die Hände von Mitschülern gelangt ist, ins Internet gestellt. Es kreist in seiner Klasse, in seiner Schule, und Hannah, die er liebt, die ihn liebt, zieht sich wieder zurück. Jakob wird zum Vogelfreien, der mit seiner sich auflösenden Familie, mit der Liebe, schließlich mit Suizidgedanken kämpft. Für den Film muss Nay sich prügeln, sich eine Waffe in den Mund schieben, sich ausziehen, sich selbst befriedigen. All das tut er höchst eindringlich und doch niemals plakativ.

Und das, obwohl er sich bislang nicht zum Schauspieler ausbilden ließ. Nay drehte „Homevideo“ zwischen Abitur und Zivildienst. Letzteren hat er wegen der Fernseharbeit zurückstellen dürfen. Inzwischen hat er den Dienst in einer Behinderten-Einrichtung nachgeholt. Jetzt ist er wieder am Drehen. Unter anderem wird er am ersten Weihnachtstag in der ARD-Verfilmung des Grimm-Märchens „Jorinde und Joringel“ zu sehen sein.

Nay sagt: Die Rolle des Jakob Moormann sei seine bisher schwerste gewesen. „Nicht wegen der Onanier-Szene, sondern wegen der psychologischen Aspekte. Eine depressive Seite hat wohl jeder.“ Und so ganz weit weg von diesem Jakob sei er auch nicht. Momente wie den, in dem Jakob sich zurückzieht, auf seiner Gitarre zupft und bloß mit sich allein sein will, kenne er auch – und Typen wie die, die Jakob fertigmachen. Viel schlimmer aber sei: „Ich glaube, ich hätte in meiner pubertärsten Phase auch nicht die Courage gehabt, mich auf Jakobs Seite zu stellen.“

Jonas Nay hat Selbstvertrauen, aber er ist nicht von sich eingenommen. Er lässt keine Gelegenheit aus, Danke zu sagen und auf diejenigen hinzuweisen, die Anteil an seinem Erfolg haben: Kilian Riedhof, der Regisseur von „Homevideo“, seine Familie, seine Band, sein Handballteam. Wie die Eltern von Jakob Moormann so haben sich auch Jonas Nays Eltern getrennt. „Das lief aber anders ab“, sagt er. Obwohl er inzwischen in Hamburg wohnt, weil es ihn in die Großstadt zog, fährt er, wenn es irgend geht, nach Hause, nach Lübeck. Dann geht er zum Training, probt mit seiner Band und isst mit Geschwistern und Mutter zu Abend. Der Förderpreis beim Fernsehpreis war mit 15 000 Euro dotiert. „Ich habe mir eine Bahncard 50 gekauft“, sagt Nay.

Verändert habe sich ansonsten nichts. „Ich bin durch den Film ja auch nicht zum Teenie-Star geworden. Wenn, sprechen mich eher die Eltern an“, sagt er. Ganz unbemerkt ist seine Karriere aber auch von seinen Altersgenossen nicht geblieben. Seine Handballkollegen nennen ihn jetzt Scarlett Johansson. Und wenn es mal etwas rüder zugeht auf dem Feld, rufen sie: „Passt auf sein Gesicht auf! Das ist sein Kapital!“

Fragt man ihn jedoch, wie das ist in der glamourösen Welt des Filmgeschäfts, wehrt Jonas Nay ab. „Da habe ich doch allenfalls kurz mal reingeluschert.“ Es ist keine Koketterie. Jonas Nay ist cool, weil er es nicht darauf anlegt, cool zu sein. Seiner Freundin, einer Medizinstudentin, hat er sich nicht wie Jakob in einem Internet-Chatroom angenähert. Sondern sie um einen Tanz gebeten. Er hat die Gruppe „Concerted“ gegründet. Er spielt Gitarre und Klavier. Das war immer sein eigentlicher Traum: eine Musikkarriere. Deswegen hat er sich auch entschieden, Filmmusik-Komposition zu studieren, per Fernstudium, so dass er weiterhin schauspielern kann. Das wolle er auf jeden Fall weitermachen. Beim Nur-malkurz-Reinluschern wird es allen Anzeichen nach nicht bleiben.

„Homevideo“, ARD, 20 Uhr 15

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