Porträt : Sie will doch nur spielen

Eine Dokumentation über das Leben von Steffi Graf - vor die Kamera trat der medienscheue Ex-Tennisstar dabei aber nicht.

Jürgen Löhle
17 Jahre alt ist Steffi Graf, als sie 1987 die French Open gewinnt. Foto: SWR
17 Jahre alt ist Steffi Graf, als sie 1987 die French Open gewinnt. Foto: SWRFoto: SWR

Ein junges Mädchen, getrieben von einem übertrieben ehrgeizigen Vater, der ihr die Jugend raubt – ist das Stephanie Maria Graf, die alle nur Steffi nennen? Oder doch eher die hochtalentierte, eiskalte Killerqueen, die auf dem Tennisplatz ihre Gegnerinnen mit gnadenloser Konsequenz von einer Ecke zu anderen hetzte und eigentlich nie richtig zufrieden war, nicht mal im Erfolg? Steckt am Ende ein kaltes Ego hinter der wohl erfolgreichsten Einzelsportlerin Deutschlands?

Sportlich ist die Badenerin ein Mythos. Menschlich aber ein Mysterium. 22 Grand-Slam-Turniere hat sie in 17 Jahren Profitennis zwischen 1982 und 1999 gewonnen, 377 Wochen stand Steffi Graf an der Spitze der Weltrangliste, insgesamt gewann sie 107 Turniere. Aber wer heute Martina Navratilova, die immer noch aktive Grand Dame des Tennis zu Graf fragt, erhält eine verblüffende Antwort: „Glauben Sie mir, ich habe so oft gegen sie gespielt, aber ich kenne sie eigentlich nicht.“

Gestellt hat die Frage Friedrich Bohnenkamp, Redakteur und Autor beim Südwestrundfunk (SWR) in Baden-Baden. Er hat ein 100-minütiges Porträt über die Frau mit den vielen Facetten produziert, das Erinnerungen weckt und viele Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. Neben Navratilova beispielsweise die Argentinierin Gabriela Sabatini. Aber auch Boris Becker, der heute ohne Scheu einräumt, dass er in Kindertagen im Leistungszentrum Leimen als „schlechtester der Jungs, manchmal zur Strafe gegen das beste Mädchen spielen musste“. Also gegen Graf.

Bohnenkamp schafft es, sich dem Mysterium zu nähern, auch wenn es ihm nicht gelungen ist, Graf exklusiv vor die Kamera zu bringen. Dafür sieht man sie entspannt auf einem Höllenritt in einem Kampfjet der Bundeswehr, in einem ihrer seltenen Schaukämpfe oder bei einem Training mit Andrea Petkovic, derzeit Aushängeschild im deutschen Frauentennis.

Mit 13 Jahren wurde Steffi Graf Profi, ein schlaksiges, scheues Mädchen mit dünnen, rastlosen Beinen und mit einem unbändigen Willen. Sie wollte doch nur spielen und gewinnen. Dass eine ganze Nation sie zur Heilsbringerin hochpeppte, war ihr unangenehm. In Berlin haben sie später sogar ein Stadion nach ihr benannt. Heute will da keiner mehr hin, es fehlt sogar das Geld für den Abriss. Auf dem Platz, das war ihre Welt, ein paar Quadratmeter Sicherheit.

Als 1995 ihr Vater Peter Graf wegen Steuerhinterziehung verhaftet wurde, ereilte sie die Nachricht bei den US Open New York. Sie hat vor der Kamera geheult, war verzweifelt – und hat trotzdem das Turnier gewonnen. Ihr wohl größter Sieg und die Bilder davon bewegen, weil man den Menschen sieht.

Seit 1999 ist Stephanie Graf verheiratet mit André Agassi, Mutter zweier Kinder und lebt in Los Angeles. Sie engagiert sich für traumatisierte Kinder. Und vor allem ist sie entspannter. Jürgen Löhle

„Steffi Graf – ein Porträt“, 22 Uhr 30, SWR

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