Primetime : Das wurde auch Zeit

Doch kein Grund zur Empörung: In „Die Mongolettes – Wir wollen rocken!“ werden Behinderte „Opfer“ einer Sat1-Komödie.

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Verliebt: Tom (Max von Thun) und Kollegin Maria (Katharina Wackernagel). Foto: Sat1
Verliebt: Tom (Max von Thun) und Kollegin Maria (Katharina Wackernagel). Foto: Sat1

Bei Filmen, in denen Behinderte mitspielen, sind die eigentlichen Behinderten meistens diejenigen, die sich für normal halten. Zum Beispiel Tom (Max von Thun). Bei ihm stimmt zwar die Chromosomenzahl, dafür gibt es im Sozialverhalten ein paar Lücken. Aus Toms Traum, mit der Rockmusik seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde nichts, das will der Kindskopf irgendwo jenseits der 30 nicht einsehen. Tom stümpert und schwindelt sich durchs Leben, bringt nie etwas zu Ende. Trotz abgebrochenen Studiums mogelt er sich als Musiklehrer an eine katholische Förderschule. Diesmal ist Scheitern verboten: Erstens braucht Tom dringend das Geld, zweitens gibt es da die hübsche Kollegin Maria (Katharina Wackernagel).

Den Dienstagabend pflastert Sat1 mit gutherzigen Komödien, einem bunten Liebes-Allerlei mit Wohlfühlmusik im Sonnenschein. Zu dem Genre gehört, dass die Figuren oft etwas klischeehaft geraten und die Geschichten Kurs auf ein Happy End nehmen. Auch die Komödie „Die Mongolettes – Wir wollen rocken!“ wird nach bewährtem Muster abgespult. Dennoch: Dass hier Darsteller mit Trisomie 21, besser bekannt als Downsyndrom, nicht nur Staffage sind, ist für Sat1 und diesen konfliktscheuen Sendeplatz durchaus lobenswert. So hat Anna Lange als 15-jährige Fredi, Tochter von Maria, eine tragende Nebenrolle und füllt diese mit viel Charme und positiver Ausstrahlung aus. Wie zwei weitere Darsteller mit Trisomie 21 steht sie auch für den Berliner „Circus Sonnenstich“ auf der Bühne.

Die jugendlichen Behinderten werden von Florian Gärtner (Regie) und Jürgen Matthäi (Buch) nicht als Kranke, sondern als Menschen mit Talenten, Sorgen und Leidenschaften präsentiert. Dass einige Rollen von professionellen Schauspielern übernommen wurden, die nur Behinderte spielen, merkt man allerdings. Im Zentrum bleibt dann doch Toms Figur. Mit seinen Schützlingen übt er laute Rockmusik statt den Gospel seiner Vorgängerin. Der vermeintliche Versager erweist sich als Mann mit Sinn für die Werte des Daseins: „Es ist egal, ob man keine Kohle hat oder Downsyndrom, völlig egal. Es geht nicht darum, was man hat. Es geht darum, wer du bist.“ Am Ende schwingen der Bischof und die Schulleiterin in Ordenstracht das Tanzbein – zu „Highway to Hell“ von AC/DC. Nun ja, wer’s glaubt. „Die Mongolettes“ sind eher zu gut gemeint. Andererseits: Warum sollen nur Nicht-Behinderte „Opfer“ vorhersehbarer Sat1-Komödien werden? Dennoch setzte es vor der Ausstrahlung Kritik, vor allem wegen des Titels, der sich des als diskriminierend verstandenen Begriffs „Mongolismus“ bedient. Die Kritiker witterten eine quotentreibende Geschmacklosigkeit des Senders. Im Film geben die Jugendlichen selbst ihrer Band den Namen „Mongolettes“.

Mirko Schulze, Produzent des Films und selbst Vater einer Tochter mit Trisomie 21, hat auf die Vorwürfe reagiert. Er habe keinen politisch korrekten Film machen wollen. Sondern einen Film „über Jugendliche in der Pubertät. Und die haben in meinen Augen das Recht, ob ,behindert’ oder nicht, politisch unkorrekt mit sich und ihrer Situation umzugehen“. Wenn der Titel Kontroversen auslöse, „halte ich das für die Sache dienlicher als ein Titel, der suggeriert, dass wir als Gesellschaft im Umgang mit Behinderten alles richtig machen. Das tun wir nicht“.

Tatsächlich hätte vor allem der Verband der Musiklehrerinnen an katholischen Förderschulen, sollte es ihn geben, Grund zur Empörung. Toms Vorgängerin ist die Karikatur einer überkorrekten und noch dazu unmusikalischen Musikpädagogin, natürlich mit Brille. „Ihr seid nun mal nicht wie andere Kinder“, sagt sie frohgemut zu ihrer Klasse. „Ihr seid eben – besonders.“ Thomas Gehringer

„Die Mongolettes – Wir wollen rocken“, Sat1, 20 Uhr 15

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