Print lebt! : Im Dienst der Liebe

Ein Handbuch zeigt die erstaunlich bunte deutschsprachige Presse im Ausland. Allein Paraguay hat 13 deutschsprachige Blätter.

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In weiter Ferne so nah. Mit Blättern wie der deutschsprachigen „Madeira“ (rechts oben) will der englische Herausgeber „richtig Geld verdienen“. Foto: Kai-Uwe Heinrich
In weiter Ferne so nah. Mit Blättern wie der deutschsprachigen „Madeira“ (rechts oben) will der englische Herausgeber „richtig...

Irgendwann hat Björn Akstinat herausgefunden, dass es in Paraguay Indianer gibt, die Deutsch sprechen, Plattdeutsch. Sie leben irgendwo in der Pampa, zu ihren Siedlungen führen keine asphaltierten Straßen, sondern nur breite Sandwege. Der 40-jährige gebürtige Niedersachse Akstinat macht sich Hoffnung, dass diese Indianer nicht ganz abgeschnitten von der Welt leben, sondern vielleicht sogar deutschsprachige Presseorgane lesen. Zum Beispiel „Die Zeitung“, die eigentlich eine Zeitschrift ist und alle 14 Tage in der Hauptstadt Asunción in einer Auflage von rund 700 Exemplaren erscheint. Oder vielleicht auch nur den Rundbrief „Im Dienste der Liebe“, den eine von Mennoniten betriebene Leprastation dreimal im Jahr veröffentlicht.

13 deutschsprachige Blätter in Paraguay hat Akstinat in seinem jetzt erschienenen „Handbuch der deutschsprachigen Presse im Ausland“ (IMH-Verlag, 322 Seiten, 38 Euro) aufgelistet, insgesamt aus 86 Ländern von Ägypten bis Zypern etwas mehr als 1200 Titel. Es ist das erste Kompendium dieser Art, zunächst nicht viel mehr als ein ausführliches Adressbuch mit Angaben zu Erscheinungsweise, Auflage, Redaktions- und manchmal auch Anzeigenleitung – aber eben auch eine wahnsinnige Fleißarbeit. In Österreich und der Schweiz erscheinende Zeitungen hat Akstinat allerdings nicht aufgelistet. Besonders viele Titel fand er in Italien – Südtirol –, Spanien und den USA. In Bozen erscheint auch das größte Organ überhaupt, das im Buch vorkommt, die Tageszeitung „Dolomiten“ mit einer Auflage von 50 000 Exemplaren.

Noch acht deutschsprachige Tageszeitungen gibt es im nicht deutschsprachigen Ausland – zum Beispiel den „Nordschleswiger“ als Zeitung der deutschsprachigen Minderheit in Dänemark, das „Grenzecho“ in Belgien, weitere Titel im französischen Elsass, in Rumänien, Italien und Namibia. Um auf die hohe Zahl von Publikationen zu kommen und die Vielfalt zu dokumentieren, haben Akstinat und sein Rechercheteam den Begriff „Presse“ weit gefasst.

Gelistet sind auch viele Mitteilungsblätter von Kirchengemeinden, ein Ferienhauskatalog eines Vermittlers in Dänemark oder eine Kundenzeitschrift eines Auspuffherstellers in Slowenien. Manche von ihnen erscheinen nur alle paar Monate oder sogar nur einmal im Jahr. Andere Organe haben deutlich größere Relevanz. Zum Beispiel „L’Osservatore Romano“, die Zeitung des Vatikan, die es als Wochenausgabe in deutscher Sprache gibt. Das Propagandablatt der kubanischen Regierung, die „Granma“, gibt es monatlich 16-seitig auf Deutsch. Mit Staatsgeld am Leben halten sich eine ganze Reihe von Blättern, zum Beispiel auch die wöchentlich erscheinende „Hermannstädter Zeitung“, die zu Zeiten des Ceausescu-Regimes noch „Die Woche“ hieß, weil auch die deutschsprachige Minderheit in Siebenbürgen zu Sibiu nur Sibiu sagen durfte.

Die Zielgruppen sind sehr verschieden. Mal richtet es sich an die deutsche Minderheit, mal an deutsche Touristen, in anderen Fällen an deutschsprachige Geschäftsleute. Auch Blätter für Aussteiger gibt es, zum Beispiel den auf der Kanareninsel Gomera erscheinenden „Valle-Boten“. In Sofia gibt es das „Bulgarische Wirtschaftsblatt“, in Aufmachung und auf lachsrosa Papier gedruckt der „Financial Times“ ähnelnd. Einige Titel erscheinen seit Jahrzehnten. Seit 2011 gibt es die deutschsprachige „Madeira“, mit der der englische Herausgeber „richtig Geld verdienen will“, wie Akstinat sagt. Die Geschichten zu all den Blättern werden im Buch nur in einigen wenigen Fällen knapp erzählt – doch gibt es, wo vorhanden, eine Internetadresse. Immer häufiger haben auch die Auslandszeitungen eine Onlineausgabe.

Der Autor verfolgt mit seinem Handbuch so etwas wie eine Mission. Er ist über Praktika bei der „Prager Zeitung“, den „Israel-Nachrichten“ und beim deutschen Dienst der BBC zum Thema gekommen, hat inzwischen das Netzwerk „Internationale Medienhilfe“ gegründet, um eine Zusammenarbeit der Redaktionen anzustiften. Regelmäßig reist er als Berater zu Redaktionen. Sein Handbuch ließ er sich vom Auswärtigen Amt fördern, dafür soll jede Botschaft künftig eines im Bücherregal haben.

Akstinat wünscht sich einen festen Ansprechpartner im Regierungsapparat für die deutschsprachigen Auslandsmedien, wie es ihn etwa in Österreich gebe. Die deutsche Sprache werde „nur unzureichend gefördert“, meint er. Als Außenstaatsministerin Cornelia Pieper jüngst sein Handbuch als „beachtliche Premiere“ würdigte, widersprach sie ihm in diesem Punkt: „Staatliche Beratung oder gar Steuerung schafft keine Leserschaft.“

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