Print-Online-Streit beim "Spiegel" : Cordt Schnibben rechnet mit Wolfgang Büchner ab

Jetzt, weil Wolfgang Büchner geht, sei er ein "glücklicher, freier Mensch, der wieder gern zur Arbeit fährt", schreibt Cordt Schnibben auf Facebook. Er rechnet in einem wütenden Beitrag mit dem ehemaligen "Spiegel"-Chef ab.

von
Cordt Schnibben ließ auf seinem Facebook-Profil "in eigener Sache" Dampf ab.
Cordt Schnibben ließ auf seinem Facebook-Profil "in eigener Sache" Dampf ab.Screenshot: TSP

Cordt Schnibben fährt wieder gern zur Arbeit. 15 Monate lang hat er das augenscheinlich nicht getan – so las es sich zumindest wenige Stunden nach dem Abgang des ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs Wolfgang Büchner. Denn da veröffentlichte Schnibben einen Facebook-Post „in eigener Sache“: Eine Abrechnung mit Büchner, Geschäftsführer Ove Saffe und allen Medienjournalisten des Landes gleich dazu. Man kann das geschmacklos finden oder nicht, der Tenor des Textes jedenfalls ist unmissverständlich: Bei Schnibben hatte sich einiges angestaut. Der Leiter des „Spiegel“-Ressorts „Gesellschaft“ war stinksauer.

Büchner sei der „falsche Mann am falschen Ort“ gewesen, schreibt Schnibben. Er wirft Büchner vor, Online und Print gegeneinander „in Stellung gebracht“, Diskussionen mit Redakteuren „vermieden“ und sich der Covergestaltung (Königsdisziplin beim „Spiegel“) nur „in Viertelstündchen“ gewidmet zu haben. Ergo: Büchner sei kein Blattmacher gewesen. Und auch Büchners vielbeschworene Digitalstrategie, die zunächst als „Eisberg“, dann als „Spiegel 3.0“ mehr Ärger denn Erfolg stiftete, fleddert Schnibben: Sie sei „zu unausgegoren, zu ängstlich, zu gestrig“ gewesen. Die Medienwelt erfährt an dieser Stelle außerdem, Schnibben sei Büchners „digitaler Scout“ gewesen, der auf dem gesamten Globus nach Inspiration für digitales Storytelling und dergleichen mehr gesucht habe. Allein: Büchner habe sich nicht wirklich dafür interessiert.

Eine Digitalstrategie verlangt gemeinsame Ressortleiter, schreibt Schnibben

„Meine Dialoge mit ihm wurden nie zu Gesprächen“, schreibt Schnibben. Das liest sich ein wenig so, als hätte er bei Büchner statt gegen eine Wand gegen regelrechte Festungsmauern gepredigt. Was, sollte diese Behauptung der Wahrheit entsprechen, von Büchner sicher nicht wohlüberlegt war: Cordt Schnibbens Magazin-Titelgeschichte „Mein Vater, ein Werwolf“ vom April dieses Jahres, war auch für Online so exzellent aufbereitet, dass ganz Digital-Deutschland in Jubel ausbrach. Das hätte Büchner vielleicht doch etwas zu denken geben sollen.

Das Echo auf den Facebook-Post war geteilt. Schnibben, der den Text auch über Twitter mit der Botschaft verbreitete „Wütend soll man nie Tweets schreiben, ich hab’s gemacht. Über @spiegel natürlich“ wurde daraufhin von eifrigen Nutzern – unter anderem von Marion Horn, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“ daran erinnert, dass er als „digitaler Scout“ offensichtlich nicht wisse, dass der offizielle Twitter-Account des „Spiegel“ @DerSPIEGEL heiße und dass ein Facebook-Post kein Tweet sei. Andere dankten Schnibben für seine offenen Worte. Viele fragten sich aber sowohl bei Twitter als auch bei Facebook, warum Schnibben erst jetzt mit seinen Eindrücken an die Öffentlichkeit ging. Manche Nutzer konstatierten deshalb: „Nachtreten ist billig“. Die allermeisten fragten sich, wie denn eine künftige Digitalstrategie des „Spiegel“, die Print und Online zu Gleichberechtigten macht, aussehen könnte. Schnibben bezog dazu nochmals Stellung: „Zur Umsetzung einer Digitalstrategie braucht man gemeinsame Ressortleitungen, aber sie sind noch keine Strategie“. Nils Minkmar, europäischer Kulturkorrespondent des „FAZ“-Feuilletons enthielt sich auf Twitter einer dezidierten Meinung zu Schnibbens Wutausbruch, stellte aber fest: „Es ist auf jeden Fall sehr gut geschrieben“.

Ja, schreiben kann Cordt Schnibben. Glaubt man dem Post, wird er dieser Profession jetzt wieder voller Leidenschaft und Energie frönen: „Seit heute bin ich wieder optimistisch und ein glücklicher, freier Mensch“.

Autor

11 Kommentare

Neuester Kommentar