Programmierter Streit : Der falsche Sieg

„Mein Kampf“ als Zeitschrift? Besser wäre eine kommentierte Ausgabe. Aber Bayerns Finanzbeamte blocken, obwohl es gute Gründe für eine andere Haltung gäbe.

Ernst Piper
Peter McGee.
Peter McGee.Foto: dapd

Am 30. April 1945 setzte Adolf Hitler seinem Leben durch einen Schuss in die Schläfe ein Ende. Mit diesem Datum setzt die Schutzfrist für Hitlers literarische Hinterlassenschaft ein, die 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers endet. Die Gemeinfreiheit beginnt am 1. Januar des Folgejahres, in diesem Fall am 1. Januar 2016.

Schon heute sind in einer 14-bändigen, sorgfältig kommentierten wissenschaftlichen Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte fast alle Schriften Hitlers lieferbar. Nur „Mein Kampf“, das mit Abstand bekannteste und wichtigste Werk, fehlt in dieser Ausgabe. Der Grund dafür ist die Angst, eine solche Neuausgabe der fatalen Kampfschrift würde vor allem im Ausland als falsches Signal wahrgenommen. So argumentiert das Bayerische Finanzministerium seit Jahrzehnten. Dem Freistaat Bayern sind 1945 durch das alliierte Kontrollratsgesetz Nr. 2 alle Vermögenswerte des Zentralverlags der NSDAP Franz Eher Nachf. zugefallen, einschließlich des Copyrights aller dort erschienenen Bücher.

Eine Neuausgabe von „Mein Kampf“ verhindert der Freistaat Bayern bis heute unter Berufung auf § 86 StGB, der die Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen untersagt. Der Verkauf einzelner Exemplare des Buches verstößt dagegen nach einer Entscheidung des BGH von 1979 nicht gegen § 86 StGB, da es sich bei dem Buch „um eine vorkonstitutionelle Schrift handelt, aus deren unverändertem Inhalt sich eine Zielrichtung gegen die in der Bundesrepublik Deutschland erst später verwirklichte freiheitliche demokratische Grundordnung noch nicht ergeben konnte.“

„Mein Kampf“ ist also nicht verboten, auch wenn Neonazis das immer wieder behaupten, um die Bundesrepublik als undemokratischen Zensurstaat zu brandmarken. Tatsächlich kann man das Buch antiquarisch kaufen. Von den etwa zehn Millionen Exemplaren, die bis 1945 erschienen, sind noch etliche im Umlauf. Auch bei eBay kann man das Buch für wenige Euro ersteigern. Eine von Christian Zentner kommentierte Auswahl, über deren Qualität man streiten kann, ist seit 35 Jahren lieferbar (die 20. Auflage erschien 2009), ebenso Tonträger mit einer Lesung aus „Mein Kampf“ von Helmut Qualtinger. Und wer gerne am Bildschirm liest, kann „Mein Kampf“ auf zahllosen Seiten im Internet finden, unter anderem übrigens bei „The Pirate Bay“, einer Seite, die von der schwedischen Piratenpartei betrieben wird. Den Text herunterzuladen ist dann allerdings illegal, so wie jeder unautorisierte Download von urheberrechtlich geschütztem Material.

Auch Amazon, das größte Internet-Kaufhaus der Welt, hat „Mein Kampf“ im Angebot. Eine englische Übersetzung ist erhältlich, sie kostet 25 Dollar, gebraucht entsprechend weniger. Und für 30 Dollar kann man auch die deutsche Originalausgabe bekommen, allerdings nicht bei der deutschen Filiale des Hauses (www.amazon.de), sondern nur bei der amerikanischen (www.amazon.com), die aber gerne nach Deutschland liefert.

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