Public Shaming im Internet : Schäm dich!

Ein sexistischer Witz, ein rassistischer Tweet – wer im Internet den Zorn der Massen auf sich zieht, wird hart bestraft. Ursache und Wirkung stehen dann häufig in keinem Verhältnis mehr zueinander.

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Foto: mauritius images/United Archives
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Es war eine unangenehme Mischung aus Schadenfreude und Sensationsgier, die vor einiger Zeit durch die sozialen Medien waberte. Damals schien es, als warte das ganze Netz darauf, dass eine gewisse Justine Sacco am Flughafen in Kapstadt landen würde – um kurz darauf festzustellen, dass ihr Leben aus den Fugen geraten ist. Mit nur 170 Twitter-Followern war die 30-jährige PR-Managerin im Dezember 2013 keine Berühmtheit im Netz. Doch ihr letzter Tweet vor dem Start verbreitete sich während des elfstündigen Fluges rasend schnell. „Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white“, hatte sie geschrieben. Es baute sich eine Welle der Empörung auf, „rassistisch“ und „verachtenswert“ wurde Sacco genannt. Selbst ihr Arbeitgeber sah sich gewungen, öffentlich zu reagieren.

Genüsslich malten sich Twitter-Nutzer aus, was Sacco erwarten würde, wenn sie nach der Landung ihr Telefon wieder anschaltete. Der Hashtag #HasJustineLandedYet gehörte weltweit zu den meistgenutzten. Als sie endlich ankam, wartete schon ein Twitter-Nutzer mit gezückter Kamera auf sie. Ihren Job hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits verloren.

Das Phänomen heißt "Public Shaming"

Die Geschichte von Justine Sacco ist das Paradebeispiel dessen, was im Netz immer häufiger zu beobachten ist: „Public Shaming“ nennt es der britische Autor Jon Ronson in seinem Buch „So You’ve Been Publicly Shamed“. Das Phänomen ist eine Art von virtueller Steinigung, eine Hexenjagd im Netz, eine Strafe am digitalen Pranger. Vor einigen Jahren waren es vor allem Unternehmen, Prominente oder Institutionen, die den Zorn der Massen in Form von Shitstorms zu spüren bekamen. Doch jetzt kann es jeden treffen. „Macht, Einfluss und Prominenz sind keine Schlüsselkriterien mehr, um jemanden zu attackieren. Es geht jetzt um die sofort verständliche Normverletzung“, sagt der Medienwissenschaftler und Buchautor Bernhard Pörksen. Jüngstes Beispiel in Deutschland: der frauenfeindliche Instagram-Post von Journalist Tilo Jung zum Weltfrauentag. Zu sehen war eine Frau, die am Strand in den Rücken getreten wird und ins Wasser fällt.

Es reicht ein geschmackloser Witz, ein rassistisches Statement oder ein sexistischer Tweet, herausgegriffen aus dem Strom der Nachrichten. Wenn dieser tausendfach im Netz verbreitet und kommentiert wird, wenn sich der Hass auf den Verfasser aufschaukelt, dann kann das Existenzen zerstören. Dann wird zuweilen unter einem Hashtag oder auf einer Facebookseite die Entlassung der Person gefordert. So war es etwa bei einer 32-Jährigen aus dem US-Bundesstaat Massachusetts, die ein respektloses Bild vor einer Gedenkstätte gepostet hatte. Ihr wurde gekündigt. Eine 22-jährige Amerikanerin, die sich zu Halloween als Opfer des Boston Marathons verkleidet und das Bild auf Facebook gestellt hatte, verlor ebenfalls ihren Job. Tilo Jung hat kürzlich auf einer Google-Veranstaltung zunächst angekündigt, „aus dem Journalismus rauszugehen“. Inzwischen hat der Macher von „Jung und naiv“ noch einmal darüber nachgedacht und seine Meinung wieder geändert.

140 Zeichen lassen keinen Platz für differenzierte Argumente

Doch warum können sich Empörungswellen im Netz mit so zerstörerischer Kraft aufschaukeln? Die Natur der sozialen Medien trägt zumindest dazu bei. Meinung ist hier oft schwarz und weiß – vor allem im Leitmedium des Shitstorms, Twitter. „Bei 140 Zeichen ist kein Platz für differenzierte Argumente, entweder man ist dafür oder dagegen“, erklärt der Professor und Social-Media-Forscher Jürgen Pfeffer. Der binäre Code heißt: retweeten oder nicht, liken oder eben nicht. „Die Strukturen der Netzwerke machen es möglich, einen Tweet oder Beitrag mit nur einem Mausklick an eine große Menge weiterzuleiten“, sagt Professorin Sonja Utz, die Nutzung und Effekte sozialer Medien erforscht. Weil man dabei das Gegenüber nicht sehen könne, sei der Ton zum Teil aggressiv und beleidigend. Durch die ständige Verfügbarkeit der Netzwerke kämen viele Äußerungen außerdem spontan und unüberlegt.

Dafür, dass das „Public Shaming“ im Netz so gut funktioniert, ist aber auch die sogenannte „Filterblase“ in den sozialen Medien verantwortlich. „Diese beruht darauf, dass meine sozialen Kontakte mir in der Regel ähnlich sind und auch in den Interessen große Überschneidungen haben“, sagt Pfeffer. Viele Facebook-Freunde einer Person seien auch untereinander befreundet. „Da kann schnell der Eindruck entstehen, dass die ganze Welt zu einem bestimmten Thema eine eindeutige Position hat. Das erleichtert es, diese Position auch anzunehmen.“ Das Ganze werde technisch verstärkt, da von den Social-Media-Plattformen vermehrt Information gezeigt würden, die auch die Freunde mögen. „Trotzdem muss sich jeder Einzelne, der postet oder teilt, bewusst machen, dass er möglicherweise ein Beteiligter ist im großen Spiel der Menschenjagd“, sagt Pörksen.

Dabei darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass Kritik in den sozialen Medien durchaus ihre Berechtigung hat. Dass Menschen etwa für Rassismus, Respektlosigkeit oder Sexismus im Netz sensibilisiert werden, das ist – da sind sich alle einig – richtig und wichtig. Social Media gibt denen, die sonst kaum gehört werden, die Gelegenheit, auf Unrecht und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Empörung ist in vielen Fällen verständlich. „Erst in der Zusammenballung der vielen entwickelt sich eine Art fünfte Gewalt, die zur Bestrafung schreitet, Sühne fordert oder den Rücktritt verlangt“, sagt Pörksen. Die Strafe, die dem Einzelnen durch die anonyme Masse auferlegt wird, scheint dabei oft deutlich härter als verdient. Pörksen spricht von einer „neuen Asymmetrie zwischen Verfehlung und Strafe“. Letztere könne ein Leben lang stigmatisieren und bleibe unter den „Ewigkeitsbedingungen des Netzes“ für immer sichtbar.

Die Presse wirkt wie ein Katalysator

Doch welche Rolle spielt die Presse bei diesen virtuellen Steinigungen? Wie viel Schuld hat sie daran, dass sich etwa Arbeitgeber dem Druck beugen und einen Angestellten wegen eines dummen Tweets feuern? „Unsere Forschung zeigt, dass für so gut wie alle Online-Shitstorms traditionelle Medien essenziell waren“, sagt Pfeffer. Ein Online-Phänomen werde von einem Journalisten entdeckt, er berichtet darüber – und erst dann werde es einer breiten Öffentlichkeit bekannt und damit massiv verstärkt. „Es gibt – verglichen mit der Gesamtbevölkerung – noch relativ wenige Twitter-Nutzer. Wenn die traditionellen Medien ein Phänomen aufgreifen, wird es der Masse bewusst“, sagt auch Professorin Utz. Der Tagesspiegel hat wie viele andere Medien ebenfalls über Tilo Jung und Justine Sacco berichtet – schließlich handelte es sich um Themen mit Nachrichtenwert.

Die Betroffenen sind aber am Ende oft nicht nur ihre Job los. Autor Ronson hat viele von ihnen kennengelernt. Er schreibt: „Sie schienen irgendwie gebrochen – tief verwirrt und traumatisiert.“ Ronson erfuhr in den Gesprächen die Geschichten hinter den Tweets und Posts. Sacco etwa sagte: „In Amerika leben wir ein bisschen in einer Blase, was die Geschehnisse in der Dritten Welt betrifft. Über diese Blase habe ich mich lustig gemacht.“ Niemals hätte sie gedacht, dass andere das ernst nehmen würden. Tilo Jung hatte mit seinem Post auf einen Urlaub in Südafrika angespielt – losgelöst von diesem Kontext war der Witz nur für seine Freunde verständlich. Diese Hintergründe interessieren aber ohnehin kaum jemanden mehr, wenn die Nachricht schon tausendfach verbreitet wurde – und die virtuelle Steinigung bereits begonnen hat.

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