Relaunch für die Zeitschrift : Der „Stern“-Singer

Die Auflage sinkt. Jetzt will der neue "Stern"-Chefredakteur Dominik Wichmann das Hamburger Magazin wieder zum Thema machen - und geht dafür nicht nur in die Preis-Offensive.

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Als für Dominik Wichmann klar war, dass er, der Chefredakteur des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“, in die Chefredaktion des „Stern“ wechseln würde, ging er ins Archiv der Bayerische Staatsbibliothek in München. Er setzte sich an einen Schreibtisch, fing an zu blättern, zu kopieren. Alte „Stern“-Ausgaben, ein Querschnitt durch alle Jahrgänge, von der ersten Ausgabe 1948 bis heute. Drei Tage lang. Hängen blieb er vor allem in den 80er Jahren, die Grafik, das Layout der damaligen Zeit gefielen Wichmann besonders gut. Die Ideen nahm er im Juli 2011 mit nach Hamburg, als Grundlage für das, was er sich vorgenommen hat: den „Stern“ wieder zum Leuchten zu bringen.

Am heutigen Donnerstag liegt nun die erste, neu gestaltete Ausgabe am Kiosk. Auf den ersten Blick hat sich der Titel nicht groß verändert, doch wer genauer hinsieht, entdeckt, dass der weiße Stern auf rotem Grund ein wenig abgerückt ist vom Heftrand, der Schriftzug „Stern“ bauchiger und vor allem freigeräumt ist von Barcode, Nummer- und Preisangaben. Er steht für sich allein und betont auf dem Cover bereits das, was der „Stern“ wieder insgesamt werden soll – eine starke, wiedererkennbare Marke.

Zuletzt hatte der „Stern“ an Glanz verloren. Wie „Spiegel“ und „Focus“ kämpft er gegen sinkende Auflagen. Ein Minus von 8,6 Prozent musste er im 4. Quartal 2012 bei einer verkauften Auflage von rund 789 000 Exemplaren verzeichnen, 817 000 Exemplare waren es noch im Vorjahreszeitraum. Wichmann, 41, hat den „Stern“ deshalb in den vergangenen Monaten zusammen mit den beiden langjährigen Chefredakteuren Thomas Osterkorn und Andreas Petzold, mit denen er seit Januar eine Dreierspitze bildet und die er am 1. Mai als alleiniger Chefredakteur ablöst, entkernt und neu zusammengebaut. Nicht radikal, aber doch so, dass quasi einen neuer Corpus entstanden ist, der das widerspiegelt, was Wichmann am „Stern“-Erscheinungstag Donnerstag so reizt: „Man ist noch in der Woche drin, stellt sich aber schon aufs Wochenende ein.“ Und so soll auch der neue Aufbau funktionieren, den Wichmann am Dienstagabend in Hamburg vorstellte.

Der Corpus beginnt, logisch, mit dem „Kopf“. Hier ist das Segment „Diese Woche“ untergebracht mit den doppelseitigen „Bildern der Woche“, aktuellen Themen, Umfragen, auch die „Zwischenruf“-Kolumne von Hans-Ulrich Jörges wurde aus der Heftmitte hierher versetzt. Hier geht es ums Zeitgeschehen, Informationen, hier darf sich über große Grafiken gebeugt, darüber nachgedacht werden, was die Welt im innersten zusammenhält.

Auf den „Kopf“ folgt das „Herz“, das, wofür der „Stern“ bisher geschlagen hat und weiterhin schlagen soll: die großen Reportagen, Fotostrecken, ausführliche Interviews. In der ersten Ausgabe werden zehn Ex-Priester porträtiert, die ein Ende des Zölibats fordern; das passende Titelthema zur Papst-Wahl. Im Interview blickt Michail Gorbatschow auf seine politische Karriere und das Leben und den Tod seiner Frau Raissa zurück.

Nach dem „Herz“ gibt es eine Art Verdauungstrakt, das „Extra“ mit Service- und Verbraucherthemen. Gestartet wird mit Genuss und gutem Essen, für die nächsten Ausgaben sind Specials zu Finanzen, Mode und Auto geplant. Den Abschluss des Corpus bildet der „Bauch“: das „Journal“, hier wird’s gemütlich, hier darf aufs Wochenende geblickt werden mit Film-, Musik,- Buch- und Fernsehkritiken, Kurzporträts von Schauspielern, Schriftstellern oder Sängern. Neu ist die Reise-Rubrik „Leben, wo andere Urlaub machen“, die mit Landschaftsfotos und Rezept wie ein Auszug aus der „Landlust“ wirkt. In der ersten Folge geht’s nach Föhr, quasi ein kleiner Gruß aus der Küche an Wichmann, der gerne auf der Insel weilt.

Was sich auffällig durch das ganze Magazin zieht, sind die zahlreichen Prominenten, die künftig ihren Platz im „Stern“ haben werden. Sie werden begleitet „Auf dem Weg zur Arbeit“ wie Produzent Nico Hofmann, sie dürfen wie Filmemacher Dominik Graf einen Nachruf auf Dieter Pfaff schreiben, wie BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken ihr Lieblingsbuch vorstellen oder wie Grünen-Fraktionschefin Renate Künast Kochtipps geben. Sogar ins Bett geht’s künftig mit den Promis. In der ersten Folge erzählt Moderator Jörg Pilawa, ob er gut schläft und wovon er träumt (die Rubrik gibt’s übrigens schon im „Zeit“-Magazin).

Ist der „Stern“ jetzt die neue „Gala“? Sicher nicht, die Promi-Stücke sind nur ein Teil der großen Rubriken-Offensive, die Wichmann unternommen hat und die durchaus sinnvoll ist. Denn die Rubriken geben dem Leser ein Gerüst, etwas Erwartbares, Wiedererkennbares und Überraschendes zugleich. Die Leser wissen, dass es diese Formate gibt, nicht aber, was darin steht. Deshalb steht das Konzept der „Wundertüte“, das „Stern“-Gründer Henri Nannen einst benannt hat, auch nicht auf dem Spiel. „Wir machen weiterhin alle Themen, denn wir müssen das pralle Leben abbilden“, sagte Wichmann. Das heißt, dass die große Reportage mal ein Wirtschaftsthema sein kann, mal politisch oder wie in der aktuellen Ausgabe eben ein Gesellschaftsthema. Gleiches gilt für Interviews und Fotostrecken.

Im Vordergrund stehen soll nicht die „vage Hoffnung auf einen Scoop als Kaufgrund“, sondern die Wiedererkennbarkeit. Die Leser sollen die Formate klar benennen können, also nicht von irgendeinem, sondern von diesem einen Interview, dieser einen Reportage im „Stern“ reden. Dann entstehe Relevanz. Entscheidend sei nicht, dass die Geschichten erzählt würden, sondern wie. Neu ist deshalb nicht nur die Heftstruktur, sondern auch das Layout. Eine so genannte „Tanzspalte“, ein leerer, weißer Streifen, bringt mehr optische Leichtigkeit. Die 80-er Jahre-Elemente, die Wichmann so begeistert haben, finden sich modernisiert in der neuen Schrift wieder. Umstrukturiert hat Wichmann ebenso die Redaktion, Managing Editors und Directors heißt nun das Führungspersonal, das Print und Online besser miteinander verzahnen soll.

Weniger als eine Million Euro habe die Neuaufstellung des „Stern“ gekostet, sagte Wichmann am Dienstag: „Es muss eben nicht immer dicke Hose sein.“ Einen merklichen Effekt auf die Auflage dürfte der Gruner + Jahr-Vorstand allerdings erwarten. Dafür gibt es Anschubhilfe. 25 Millionen Euro für Werbung. Dazu kostet der „Stern“, sonst für 3,50 Euro am Kiosk zu haben, zum Neustart nur einen Euro, ein Effekt, der schnell verpuffen wird. Erst danach wird sich zeigen, wie wohl sich der Leser im neuen Corpus „Stern“ tatsächlich fühlt. Im Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek findet er in jedem Fall seinen Platz.

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