Reportage über Fremdenfeindlichkeit : Herrschaft des Mobs

„Dunkles Deutschland“: Eine RBB-Reportage hinterfragt die Front der Fremdenfeinde und entdeckt dabei Erstaunliches - in fast allen Bundesländern.

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Die Turnhalle in Nauen, in der Flüchtlinge untergebracht werden sollten. Foto: rbb
Die Turnhalle in Nauen, in der Flüchtlinge untergebracht werden sollten.Foto: rbb

Die unglaublichsten Szenen in dieser Reportage kommen ganz am Ende. Da werden Fahrzeuge vom Technischen Hilfswerk und Handwerkern, die syrischen Flüchtlingen in Dresden beim Start in Deutschland helfen wollen, von Leuten angepöbelt. Es wird „Verräter!“ und „ Penner!“ skandiert, in die Wagen getreten. Kurz zuvor hatte es einen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft gegeben. Gleichzeitig begrüßt der hiesige Bauunternehmer Ingolf Brumm die Neuankömmling aus Syrien in deren neuem Zuhause mit Salz und Brot. Auf die Frage des Reporters, wie er reagieren würde, sollte ihm der Brandstifter begegnen, sagt Brumm: „So idiotisch wie es klingt, ich würde dem einen Arbeitsplatz geben bei mir.“ Den Menschen, die ihn anonym als „antideutsches Asylantenschwein“ bezeichnen, den Menschen, die drohen: „Wir bringen dich zur Strecke“.

Deutschland im Herbst 2015. 500 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in diesem Jahr. Wer sind die Brandstifter? Woher kommt der Fremdenhass? Vor allem: Gibt es eine (schweigende) Übereinkunft aus bürgerlichem Unmut und Rechtsextremismus? Den Fragen gehen Jo Goll, Torsten Mandalka und Olaf Sundermeyer in der Doku „Dunkles Deutschland“ nach. Die Autoren begeben sich auf Spurensuche in Sachsen, Brandenburg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Treffen auf AfD-Vize Alexander Gauland, für den die Anhänger der Pegida-Bewegung „natürliche Verbündete“ sind. Dazu Bilder aus Oberbayern, Reichertshofen, wo sich der Protest gegen Flüchtlinge mit der Sorge um „unsere Kinder“ kaschiert. Am Ende heißt es auch hier: „Nein, zum Heim“. Aus Angst vor Vergewaltigungen.

Hass auf alles Fremde

Für Rechtsextremismusforscher Hajo Funke hat Pegida die Atmosphäre in Deutschland nachhaltig verändert: „Der rassistische Protest entwickelt sich zu einem Extremismus der Mitte. Neonazis und vermeintlich besorgte Bürger vereinen sich im Hass auf alles Fremde.“ Bernd Oehler, Pfarrer aus Meißen, sieht in dem durch Pegida verursachten Klimawandel eine Ermutigung für die Täter, die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte begehen, wie in seiner Stadt. NPD-Mann Sebastian Schmidtke freut sich indes über den „Erfolg“, wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen, weil dann vorerst keine Flüchtlinge in die Stadt kommen können. Es ist schon immer wieder erstaunlich, mit welcher Offenheit solche Sätze in die Kamera gesagt werden.

In dieser Doku ist viel die Rede von der „Herrschaft des Mob“. Doch es gibt auch Hoffnung. In Dortmund hat sich Widerstand gegen den Block aus Rechtsextremisten formiert. Kaum Anschluss bürgerlicher Kreise - weil sich Polizei und Politik an die Seite der Flüchtlinge gestellt haben, so Insider. Ein Ingolf Brumm allein reicht nicht. Markus Ehrenberg

„Dunkles Deutschland - Die Front der Fremdenfeinde“, Montag, ARD, 22 Uhr 45

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