Reportage von Antonia Rados : Die Bauchtänzerin und die Salafistin

Krisenreporterin Antonia Rados hat in Kairo eine Reportage über zwei ungleiche Schwestern verfasst. Doch mit ihrer Zuspitzung schießt sie weit über das Ziel hinaus.

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RTL-Reporterin Antonia Rados (M.) mit zwei Schwestern, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Dina (l.), ist Ägyptens bekannteste Bauchtänzerin. , Rita ist Salafistin.  
RTL-Reporterin Antonia Rados (M.) mit zwei Schwestern, die nicht unterschiedlicher sein könnten: Dina (l.), ist Ägyptens...Foto: RTL

Die eine ist Bauchtänzerin, die andere strenggläubige Salafistin. Die eine tritt knapp bekleidet öffentlich auf, die andere verhüllt sich bis auf einen Schlitz für die Augen komplett: Dina (46) und Rita (48), die sich jetzt Rokkaya nennt, sind Schwestern in Kairo. Die offenkundigen Gegensätze könnten nicht größer sein, wie geschaffen also für eine Reportage über die Zerrissenheit der ägyptischen Gesellschaft. „Die größten Tragödien spielen sich immer innerhalb der Familien ab“, behauptet Antonia Rados, die taffe österreichische Reporterin, die für RTL durch die Krisengebiete der Welt reist und ab und zu eine für Privatsender äußerst rare Spezies liefert: die Auslands-Doku.

Zwischen Dezember 2012 und Dezember 2013 hat sie die Schwestern mehrfach besucht. In dieser Zeit tobten in Ägypten zum Teil Unruhen, im Sommer wurden Präsident Mursi und die Moslembruderschaft gestürzt. Die Krawalle bilden die Kulisse für den Film – und einen starken Kontrast: Draußen fliegen die Steine, aber drinnen, in einem Luxushotel, tanzt Dina im Glitzerfummel für eine Hochzeitsgesellschaft. „Die Tänzerin mit den knappsten Kostümen im Land“ (Rados) verdient pro Abend ein paar tausend Euro, wohnt in einem bewachten Villenviertel und taucht aus Sorge vor den Religiösen immer erst kurz vor ihren Auftritten auf. Ihre Schwester Rita, eine ehemalige Nachtclubsängerin, wurde vor 13 Jahren von Salafisten „bekehrt“. Die geschiedene Frau lebt zurückgezogen, Rados begleitet sie zum Einkaufen, zu einer Freundin und auch zu ihrer Koranschule. Ritas Gesicht sieht man nur auf alten Fotos.

Die interessante Geschichte wird in Grund und Boden gequatscht

Leider wird diese interessante Geschichte, über die Antonia Rados auch ein Buch veröffentlicht hat, im RTL-Sound in Grund und Boden gequatscht. Rados fährt hierhin, läuft dorthin, sie ist nicht nur häufig im Bild, sondern redet auch beinahe in einem fort. Von den Schwestern sind dagegen bemerkenswert wenige O-Töne zu hören. Sogar als mal beide vor der Kamera miteinander diskutieren, bleiben nur einige harmlose Wortfetzen übrig, die jedoch von der Reporterin zu einem großen Streit aufgeblasen werden. Gleich zu Beginn hatte die krisenerprobte Rados martialisch einen „Krieg der Schwestern in Kairo“ angekündigt, doch im Film wirken die Schwestern ganz und gar nicht wie „Feindinnen“. Es mag eine Entfremdung geben, Misstrauen, aber Dina unterstützt Rita finanziell, beide sitzen friedlich in der Küche, feiern gemeinsam mit ihrer aus den USA zu Besuch gekommenen Mutter. „Ich traue meiner Schwester, aber nicht den Salafisten“, sagt Dina.

Was Rados immerhin am Rande zum Thema macht, ist die Gewalt der Männer in Ägypten, die Macht, die sie über Frauen ausüben. Eine deutsche Konvertitin berichtet von ihrer Angst und von Übergriffen, die Reporterin nennt Kairo die „Stadt mit der höchsten Frauenbelästigungsquote der Welt“. Auch Ritas Persönlichkeitswandel hat offenbar mit solchen Erfahrungen zu tun. Rados geht fair und gleichzeitig distanziert mit der Salafistin um. Von Dina dagegen zeigt sie ein heimlich gefilmtes Internetvideo, in dem die Startänzerin mit einem reichen Ägypter im Hotelbett zu sehen ist und das vor Jahren für einen Skandal gesorgt hat. Es soll belegen, dass Dina in ihrer Heimat als „alles andere als eine Respektsperson“ gilt. Und nebenbei belegt es, dass RTL alles andere als diskret ist. Thomas Gehringer

„Meine Schwester, meine Feindin“; RTL, Sonntag, 23 Uhr 20

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