Russisches Fernsehen : Putins Massenmedienwaffe

Früher „Russia Today“, heute RT. Der Zweck des Auslandssenders aber ist gleich geblieben: BBC und CNN Paroli bieten. Den Präsidenten wird es freuen.

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Wladimir Putin bei Russia Today in Moskau.
Wladimir Putin bei Russia Today in Moskau.Foto: picture alliance / dpa

Die Uhren ticken nicht einfach anders bei RT, es sind auf andere Zeitzonen eingestellte Uhren, die bei diesem Fernsehsender den Takt vorgeben. Sie hängen an einer Wand in einem Moskauer Vorort und zeigen die Zeit in London und New York an, jenen Städten, die nach Ansicht der russischen Regierung für das „angelsächsische Meinungsmonopol" stehen. RT soll dieses Monopol brechen.

Alles wirkt neu an der Massenmedienwaffe des Kremls. Die Redaktionsräume sind es wirklich, der Einzug in eine ehemalige Teefabrik außerhalb der hektischen Innenstadt dauert an – Techniker montieren letzte Banner in sanftem Grün, der unschuldigen Unternehmensfarbe. Der Name selbst ist neu, früher hieß der Sender Russia Today, doch so viel Russland im Namen war dem Geschäft nicht zuträglich. Und obwohl RT 2005 gegründet wurde, wirkt die Idee, dass eine russische Regierung ihre Meinung auf Englisch und seit kurzem auf Spanisch und Arabisch in die Welt hinaussendet, auch stark gewöhnungsbedürftig.

So viel Frische schlägt sich auf die Mitarbeiterstruktur nieder, wie Redaktionsleiter Alexej Nikolov betont: „Wir haben einen der jüngsten Newsrooms der Welt, das ist ein großer Vorteil.“ Im weiträumigen Büro von Nikolov, der aussieht wie die dynamische Version eines ZDF-Verwaltungsrats, stehen neben der Tür ein Golfschläger und eine Kalaschnikow mit aufgesetztem Bajonett. Sein eigenes Gewehr? „Nein“, sagt er ernst, „das ist ein Geschenk, aber ich bin auch mit so einem rumgerannt.“ Dass er in alle medialen Schützengräben springen würde, die der Kreml ihm aufzeigt, daran lässt Nikolov keine Zweifel. „Wir bringen den Menschen die Nachrichten, die sie ohne uns nicht zu sehen bekommen.“

Dass sich die Position von RT in allen wichtigen Fragen mit der offiziellen Regierungssichtweise deckt, betont Nikolov wie andere Mitarbeiter von sich aus und gerne. Es ist diese Offensivverteidigung, die verhindern soll, dass RT der fehlenden Objektivität bezichtigt wird, die es laut Sender ohnehin nicht gibt. Während Nikolov seinen Besuch ins Büro von Chefredakteurin Margarita Simonyan weist, fällt der Blick auf eine historische Schreibmaschine. Darin steckt ein Blatt Papier mit den Worten: „Albtraum der NSA“.

Simonyan kommt gerade erst rein, sie trägt blaue Schlabber-Kleidung, ihr Kind habe sie auf Trab gehalten, erklärt sie. Ein orthodoxes Kreuz, das um ihren Hals baumelt, ist der sichtbarste Schmuck, für eine russische Frau ist die gerade einmal 33-Jährige geradezu sensationell nachlässig gekleidet.

Mehr als ein Dutzend Bildschirme verwandeln ihr Büro in einen flimmernden Nachrichtenfluss. „Wir müssen nicht Russlands Image verbessern, sondern nur die Sichtweise unseres Landes transportieren“, sagt Simonyan. Sie spricht präzise, angriffslustig, bei kritischen Nachfragen stellen sich ihre Augenbrauen zum Gegenangriff auf.

Der Kreml lässt uns nicht

Wie viel Prozent der mehr als 300 Millionen Dollar, die Russlands Regierung RT zur Verfügung stellt, wieder reingespielt werden? „Um die fünf Prozent", sagte sie. Ob RT geschlossen würde, wenn die Opposition die Macht übernimmt? „Keine Ahnung, frag sie.“ Warum RT nicht auf Russisch sendet? „Der Kreml lässt uns nicht.“

Es gab viel Getuschel in Russland, als die damals 25-Jährige zur Chefredakteurin eines so ambitionierten Senders wurde. Sollte sie damals zu jung für ihren Posten gewesen sein, ist Simonyan in ihre Rolle reingewachsen. Als eine Assistentin Kaffee bringt, ermahnt Simonyan sie, die Weltkarte wieder in ihr Büro zu hängen, die den Umzug in die neue Sendezentrale nicht geschafft hat. Die Assistentin erklärt kleinlaut, dass die Karte nicht gut an der neuen Wand aussehen würde, gelobt aber sofortige Besserung. Simonyan dreht sich wieder um, kehrt zum Thema zurück, zu ihrem Sender: „Wenn eine US-Drohne in Libyen abstürzt, berichten alle über die Drohne. Wir nehmen uns der 13 Menschen an, die sie am gleichen Tag umgebracht hat.“

Als die Rede auf den Krieg zwischen Georgien und Russland im Jahr 2008 kommt, lässt Simonyan sofort einen „Spiegel“-Artikel bringen, in dem klar steht, dass die Truppen des georgischen Präsidenten Saakaschwili den ersten Schuss abgegeben haben. Der Fünf-Tage-Krieg war für Russland traumatisch, weil der militärische Konflikt so klar gewonnen, wie der Krieg der Bilder verloren wurde. Auch wenn im Nachhinein eine Kommission der EU zum Schluss kam, dass Georgien – nach zahlreichen russischen Provokationen – den Krieg begonnen hatte, beherrschte Saakaschwili die Programme von CNN und BBC. Die Rolle, die RT in der globalen Medienwelt spielen soll, ist nur vor dem Hintergrund dieses Debakels zu verstehen.

Es ist die offizielle Position von RT, darauf hinzuweisen, dass „die gleiche Story auf 20 verschiedenen Kanälen nichts bringt“. Diese Konsenssoße, in der alle westlichen Sender schwimmen würden, ließe sich am besten mit dem Gewürz „russische Sichtweise“ garnieren. Bei den Zuschauerzahlen scheint diese Strategie aufzugehen. Als erster TV-Sender überhaupt verzeichnet RT auf Youtube mehr als eine Milliarde Zuschauer, in den meisten US-Großstädten kann von den ausländischen Sendern nur noch die ehrwürdige BBC mit den RT-Quoten mithalten - das Programm der Deutschen Welle beispielsweise soll in der US-Hauptstadt Washington zehn Mal weniger Menschen interessieren.

Es ist eine Mischung aus Anti-Amerikanismus, angedeuteten Verschwörungstheorien und einem rotzig-frechen Sexappeal, der RT zum ersten globalen nicht-angelsächsischen Medienspieler nach Al Jazeera macht. Coups gelangen dem Sender mit der Verpflichtung des legendären US-Talkmasters Larry King, mit einer eigenen Sendung für den Wikileaks-Gründer Julian Assange sowie mit einer Emmy-Nominierung für die ausführliche Berichterstattung über die Occupy-Wall-Street-Proteste in New York.

Sogar eigene Stars hat RT schon hervorgebracht, Stars wie Abby Martin, eine notorisch fluchende Frau, die wie ein Modell aussieht, sich wie ein Punk benimmt und mit ihrer Sendung „Breaking the Set“ eine wachsende Fangemeinde in den USA besitzt. In einem Einspieler lässt Martin einen Bildschirm bersten – RT hat zur Vernichtung alter Ideen, zum Bildersturm auf die Welt angesetzt, lautet die Botschaft.

Von solchen Extravaganzen sind die meisten Mitarbeiter in der Moskauer Zentrale weit weg. Sie produzieren Nachrichten für einen russischen Sender, den es bis auf wenige übersetzte Beiträge im Netz nicht auf Russisch zu empfangen gibt und der deshalb im Bewusstsein der meisten Russen nicht existiert. Die jungen Leute hier stört das nicht. Ein Techniker erklärt, dass ihm Politik egal sei, zeigt auf einen riesigen grünen Raum voller Kameras und sagt: „Das ist modernste Technik. Wir könnten hier Avatar nachdrehen.“ Ob sie nicht manchmal einen Anti-Putin-Beitrag machen wolle, wird eine junge Redakteurin gefragt. „Nein. Das machen doch schon so viele Sender auf der Welt.“

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