Russland : Medien kämpfen gegen Kreml-Popaganda

Immer mehr Medien wollen über die Kreml-Propaganda aufklären. An politischen Grabenkämpfen wollen sie sich aber nicht beteiligen.

René Bosch
Täglich durchsuchen Margo Gontar und ihre Kommilitonen das Netz nach gefälschten Berichten. Die größten Aufreger präsentiert die Moderatorin in einer Videoshow.
Täglich durchsuchen Margo Gontar und ihre Kommilitonen das Netz nach gefälschten Berichten. Die größten Aufreger präsentiert die...Screenshot: Tsp

Deutsche Panzer und Konzentrationslager in der Ukraine, Verschwörungen gegen das Volk in Deutschland, eine neue Finanzkrise in einem unvorstellbaren Ausmaß. Es sind nur einige der Themen, die täglich über die russischen Fernseh- und Computerbildschirme gehen, ausgestrahlt von Sendern wie Rossia24, Sputniknews oder RT, ehemals Russia Today. Sie alle werden vom Kreml finanziert, um die russische Sicht der Dinge in die Welt zu tragen. Seitens der Europäischen Union lässt man spätestens seit der Ukraine-Krise keinen Zweifel mehr daran, was man von derlei russischen Nachrichtensendern und Websites hält, von „Desinformation“ ist in EU-Kreisen die Rede, im März dieses Jahres vereinbarte man, ein Kommunikationsteam zu gründen, seit Anfang September habe dieses nach Angaben von EU-Vertretern seine Arbeit aufgenommen. Dabei wolle man nicht auf Gegenpropaganda setzen, sondern aufklären und aktiv über die Politik und Werte der EU informieren.

Nicht nur von offizieller Seite aus formen sich Gruppen

Doch nicht nur von offizieller Seite aus formen sich Gruppen, die über die Informationen, die die Kreml-Medien streuen, aufklären wollen. „Der Diskurs, der in Europa über Russland geführt wird, verschiebt sich immer stärker“, sagt Martin Krohs, Herausgeber und Gründer von Dekoder. Zusammen mit vier weiteren Osteuropa-Experten startete er vor Kurzem die Website dekoder.org, auf der Texte von unabhängigen russischen Journalisten ins Deutsche übersetzt und kostenlos online gestellt werden.

„Wir wollen mit unserer Website keine Meinung machen, sondern zu hören geben, was im liberalen russischen Sektor geschrieben wird“, sagt Krohs. Man wolle sich dabei nicht an den Grabenkämpfen beteiligen, keine Partei unterstützen, so der Herausgeber weiter. Auch von der EU-Initiative grenzt sich Dekoder deutlich ab. „Wir konnten das Projekt mit einer Anschubfinanzierung aus unserem privaten Umfeld starten und treten jetzt an große deutsche Kulturstiftungen heran, um die weitere Finanzierung zu sichern. Für uns ist wesentlich, dass die Spender keine politische Agenda verfolgen, damit sind zum Beispiel Parteistiftungen ausgeschlossen.“ Dekoder begrenzt sich nicht auf Krisen oder den Kreml, sondern bietet ein breitgefächertes Angebot von Artikeln, von Reportagen aus Straflagern in der Taiga bis hin zu einer Kulturgeschichte der „Walenki“, russische Filzstiefel, die Modedesigner in Russland für sich wiederentdeckt haben.

Auch die BBC will dem Kreml-Sender RT Paroli bieten

Auch die BBC will dem Kreml-Sender RT Paroli bieten und plant ein russischsprachiges TV-Programm. Ein anderes Ziel verfolgt die ukrainische Website stopfake.org, sie beschäftigt sich explizit mit Falschberichten im Ukraine-Konflikt. Gegründet wurde das Projekt im März 2014 von ukrainischen Journalismus-Studenten, PR-Experten, Übersetzer und Programmierer sind zum Team hinzugestoßen.

Diese sind auch nötig, nach Angaben von StopFake seien sie vermehrt Ziel von Hacker-Angriffen. Auch bei StopFake ist Transparenz wichtig. Stiftungen und Spender, zum Beispiel das Außenministerium der Tschechischen Republik, sind auf der Seite offen einzusehen. StopFake zeigt disproportional viele Fälschungen von russischer Seite, auf Fälschungen und Zensur in ukrainischen Medien wird nur vereinzelt hingewiesen. Diese sind hingegen gut belegt und zeigen die Herangehensweise der Fälscher deutlich. Jede Woche veröffentlicht das Kollektiv ein Video, in dem sie aufgedeckte Fälschungen widerlegen.

Während sich Teile der russischen und ukrainischen Zivilgesellschaft im Internet zusammenfinden und sich so gegen die Übermacht der Staatssender organisieren, müssen diese ihre Gürtel enger schnallen. Nach dem Preisverfall des Öls hatte die russische Regierung für 2015 Haushaltskürzungen von 15 Prozent verkündet, auch Rossia24, Sputniknews und RT sind davon betroffen. Vor allem die Auslandssender trifft dies nach Einschätzungen von Medienexperten besonders hart. Neben den Kürzungen sind diese auch vom Fall des Rubels betroffen, sie verlieren bis zu 46 Prozent ihres Budgets. Dass dem Chefpropagandisten der Sowjetunion in den 1970ern, Mikhail Suslov, zugeschriebene Zitat „man spart nicht an Ideologie“ scheint im heutigen Russland nicht mehr zu gelten.

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