• Sanft & Sorgfältig: „Wir sind vogelfrei“: Olli Schulz und Jan Böhmermann im Interview

Sanft & Sorgfältig : „Wir sind vogelfrei“: Olli Schulz und Jan Böhmermann im Interview

Nun auch im ganzen Land zu hören: Jan Böhmermann und Olli Schulz über gute Radio-Comedy, sinnvolle Nischen und das richtige Kreuz am Sonntag.

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Olli Schulz (r.) und Jan Böhmermann
Olli Schulz (r.) und Jan BöhmermannFoto: rbb/Oliver Ziebe

Olli Schulz und Jan Böhmermann haben im Herbst 2012 gemeinsam mit Radio Eins vom RBB die Sendung „Sanft & Sorgfältig“ (sonntags, 16 bis 18 Uhr) entwickelt. Eine Art Comedy-Meinungsmagazin. Ab kommenden Sonntag übertragen fünf weitere ARD-Radioprogramme die vor allem auch via Podcasts erfolgreiche Show, darunter N-Joy (NDR). Schulz, 40, ist SingerSongwriter und hat auf Pro7 das Impro-Format „Schulz in the Box“. Böhmermann, 33, moderiert bei ZDFneo „Neo Magazin“ und ist auch mit einem Bühnenprogramm auf Tour.

Ich habe nur 20 Minuten fürs Interview, da kann ich nicht so viele Rücksichten nehmen. Ist das okay?

SCHULZ: Nur zu. Ich hab’s auch eilig, muss gleich meine Tochter von der Kita abholen.

Gut, dann frage ich mich, wie lange Sie das noch so machen wollen.

BÖHMERMANN: Was denn?

Sie starten am Sonntag Ihre Show „Sanft & Sorgfältig“ bundesweit bei „fünf weiteren jungen ARD-Radioprogrammen“, wie es in der Pressemitteilung heißt. Olli Schulz, Sie sind bald 41, Jan Böhmermann 33. Wird’s nicht bald Zeit als Showmann im ZDF?

BÖHMERMANN: Nein, das sehen wir ganz anders. 40 ist das neue 29. Außerdem, wenn Sie sehen könnten, was Olli Schulz für einen austrainierten Körper hat. Der ist keine 40.

SCHULZ: Ich habe mit Jan ja einen jungen Kollegen an meiner Seite, der mir im Zweifelsfalle sagt, was in der Zielgruppe, was bei Youtube, Facebook oder Twitter los ist.

Ihr Humor ist nicht unbedingt jedermanns Geschmack, geht öfter an Grenzen. Die RBB-Klientel ist, sagen wir mal, durchaus konservativ oder zumindest älter. Haben Ihnen Ihr Chef Robert Skuppin oder die Intendantin Dagmar Reim schon mal in die Sendung reingeredet?

BÖHMERMANN: Ich habe diese Namen noch nie gehört. Im Ernst, wir sind da am Sonntagnachmittag ja auch nicht so verschwörerisch unterwegs wie einst Ken Jebsen bei Radio Fritz. Und an die Grenzen gehen zur Zeit, glaube ich, nur die Russen. Wir sind vogelfrei, was die Gestaltung von „Sanft & Sorgfältig“ betrifft. Oft wissen wir ja beide vorher selber nicht, was in der Sendung passiert, welche Themen wir in den zwei Stunden ansprechen.

Gab’s schon mal wütende Mails, Anrufe?

SCHULZ: Nicht, dass ich wüsste. Wir sollten aber auch lieber über den Erfolg der Radio-Show reden als über etwaige Kritikaster.

Wer es noch nicht gehört hat: In „Sanft & Sorgfältig“ diskutieren Sie über die Probleme der Welt mit sich selbst und mit den Hörern. Zwischen Liebeskummer, Kassetten-Tapes und Ukraine-Krieg. Die Gespräche sind nicht unbedingt zielführend. Sie schweifen ab, ufern aus, übertreiben.

SCHULZ: Wir sind auch gespannt, wie das jetzt in den anderen Bundesländern ankommt. Vor allem in Baden-Württemberg, unserem Lieblings-Bundesland.

Stellen Sie Ihr Programm mit der bundesweiten Ausstrahlung um?

BÖHMERMANN: Wir wären gerne Fashion-Queens und werden ab Sonntag verstärkt das Thema Mode ins Programm nehmen. Vielleicht auch mithilfe einer App. Die soll laut RBB aber noch nicht sendetauglich sein. Da sind uns andere ARD-Sender und Formate technisch weit voraus.

SCHULZ: Das Thema Drogenkonsum werden wir eben nicht mehr nur über die Hasenheide in Kreuzberg spielen, sondern bundesweit abklopfen.

Sie sind ja schon ein komisches Duo. Ich nenn’ Ihnen jetzt mal drei Entertainer-Paare, und, Sie sagen mir, wem Olli Schulz und Jan Böhmermann am ehesten gleichen oder nacheifern wollen: Dean Martin und Jerry Lewis, Thomas Gottschalk und Günther Jauch oder Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt.

BÖHMERMANN: Eindeutig: Dean Martin und Jerry Lewis. Mit mir als Dean Martin.

SCHULZ: So siehst du aus. Ich wäre mehr für Dieter Hallervorden und Helga Feddersen.

Spaß beiseite, wenn in Deutschland von guten Nachwuchs-Moderatoren die Rede ist, fallen eben meist nur zwei Namen: Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Was machen Sie falsch?

SCHULZ: Na ja, in meinem Alter von Nachwuchs zu sprechen ist ja an sich schon Comedy. Ich denke Jan und ich sind halt sehr speziell und bewegen uns daher – noch – in der Nische, aber das passt schon.

„Sanft & Sorgfältig“ wäre doch eigentlich auch fernsehtauglich, ähnlich wie es Bettina Rust mit ihrer „Hörbar Rust“ beim RBB macht. Sie könnten dann ja noch Palina Rojinski im Studio haben.

BÖHMERMANN: Spielen Sie jetzt auf die Optik, das Aussehen bei uns beiden an? Das ist absolut nicht nachvollziehbar. Die Palina hat außerdem auch ein eigenes Format. Nein, wir sind mit dem Radio-Format voll und ganz zufrieden.

Ungewöhnlich genug ist: Für „Sanft & Sorgfältig“ sitzen Sie, Herr Böhmermann, manchmal im Kölner Studio und Olli Schulz in Babelsberg.

SCHULZ: Die besten Sendungen sind seltsamerweise die ohne Sichtkontakt, wenn Jan in Köln ist. Wir haben uns dann so viel mitzuteilen, was uns über die Woche auf den Nägeln brennt. Es ist nichts abgesprochen. Es wird viel spontan gelacht. Vielleicht ist das auch der Reiz der Sendung.

Sind Sie privat befreundet?

SCHULZ: Soweit das eben geht, wenn man so weit entfernt voneinander wohnt. Wenn Jan in Berlin ist, ist er bei mir in Grunewald herzlich willkommen.

Am 25. Mai gibt’s ja noch etwas, außer „Sanft & Sorgfältig“ im Radio.

BÖHMERMANN: Ich gehe zur Europawahl. Möglicherweise auch für die Show mit Mikrofon an den Wahlkabinen. Schreiben Sie ruhig, ich schwanke bei meinem Kreuz noch zwischen Marxistisch-Leninistischer Partei und FDP.

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