Schattenkabinett des deutschen Fernsehens : Die Welt als Pose

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen setzt auf junge Moderatoren, die eine ebenso junge Zielgruppe zurück vor den Fernsehschirm holen sollen. Sie stellen ihre Unkonventionalität zur Schau und die Gäste müssen mithalten: Wie die TV-Moderatoren neuen Typs funktionieren.

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Charlotte Roche und Jan Böhmermann.
Charlotte Roche und Jan Böhmermann.Foto: dpa

Der Dreh läuft unter dem Arbeitstitel Krisenfrühstück. Sarah Kuttner ist dazu mit einem Fernsehteam ins Tonstudio von Tobias Jundt von der Band Bonaparte gekommen. Die Redakteurin drapiert Aufschnitt auf einem Tisch. Der Künstler, sagt sie, habe darum gebeten, Essen mitzubringen. Jundt schaut skeptisch auf die Salami. Die Redakteurin bietet an, die Wurst wegzuräumen. Kuttner und Jundt setzen sich an den Tisch, Kuttner legt sich ein Brötchen auf ihren Teller. „Sieht super aus, wenn Leute beim Reden essen“, sagt sie, lächelt, als würde sie Jundt zu etwas Verbotenem anstiften, das nur ein unangepasstes Individuum wie sie als vorgestrige Etikette entlarvt, und das sogar im Fernsehen.

„Ist das Publikum ein noch aufnahmefähigeres in Zeiten, in denen draußen alles kacke ist?“, fragt Kuttner. Eine halbe Stunde interviewt sie den Musiker zur Wirtschaftskrise. Jundt war es zu kurz. Er gibt sich enttäuscht. „Du hast super Sachen gesagt“, beschwichtigt Kuttner. Sie nimmt die Wirtschaftskrise persönlich. Das ist der Kern ihres Moderierens: die Massentierhaltung oder die Tabuisierung des Todes, mit was auch immer sich ihre Sendung „Bambule“ beschäftigt, auf sich zu beziehen. Stellvertretend für eine junge Zielgruppe, die sich angeblich aus der deutschen Öffentlichkeit verabschiedet hat zur Selbstbespiegelung in den sozialen Netzwerken.

Kuttner soll diese Gruppe für die Öffentlich-Rechtlichen zurückgewinnen. Eine Handvoll Moderatoren ist darauf angesetzt, darunter Charlotte Roche und Katrin Bauerfeind. Ausgerechnet das als bieder geltende ZDF hat sie engagiert und auf seinen Digitalkanälen ZDFneo und ZDFkultur Sendeplätze für sie geschaffen. Die Moderatoren sollen schon aufgrund ihres Lebenslaufes für einen gewissen Anspruch stehen. Bauerfeind war im Ensemble von Harald Schmidt, dem letzten Neuerer des Fernsehens. Kuttner hat ebenso wie Roche einen Roman geschrieben. In Zeitungen werden die Moderatoren bereits als „Schattenkabinett“ des deutschen Fernsehens gehandelt. Was macht sie aus?

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Schon bei Kuttners Anmoderation zum Thema Wirtschaftskrise wird deutlich, dass es sich um kein gewöhnliches öffentlich-rechtliches Produkt handelt. „Finanzkrise, Euro-Krise, oben gegen unten. Ey, das alles klingt total beschissen, auch furchteinflößend“, sagt sie, läuft dabei durch die Gänge ihrer Redaktion. „Wenn wir den Kopf in den Sand stecken, wird uns diese Ignoranz nicht irgendwann von hinten richtig in den Arsch beißen?“

Kuttners Markenzeichen ist das moralische Selbstgespräch. Dabei spricht sie häufig von wir. Sie gemeindet sich ein in eine „Junge-Erwachsenen-Bewegung“, die Leute, die „irgendwo außerhalb wohnen“, mit Hipstern verwechselten. „Wir setzen uns vor unseren Mac und checken Facebook“, „wir kaufen unseren Haustieren zum Geburtstag total krassen Kram“. In jeder Ausgabe von „Bambule“ trifft sie immer neue verallgemeinernde Aussagen über die jungen Städter. Sie agieren offenbar sehr konform. Kuttners Sendung ist monothematisch, Bauerfeind hat ein gemischtes Magazin. Roche moderiert mit Jan Böhmermann eine Talkshow. Dann gab es bis vergangenen Donnerstag die Show „neoParadise“. Doch Pro 7 hat die Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf abgeworben.

Der Formenkanon des Fernsehens bleibt also unangetastet. Doch Jan Böhmermann grenzt sich von der Herangehensweise herkömmlicher Talkshows ab. Moderatoren gehe es um „leichte Unterhaltung“ und „gute Gags“, sagte der Moderator einmal. Den Gästen gehe es darum, „ihre Bücher und CDs zu verkaufen“. Kein Moderator interessiere sich für diese Bücher und CDs. Auch Kuttner teilt diese illusionslose Sicht, wenn sie Zweifel daran äußert, dass Jundt sich gerne länger mit ihr unterhalten hätte: „Für den ist es ein Job, mit mir ein Interview zu führen. Ich glaube nicht, dass er seit einer Woche darauf wartete, mit jemandem über die Krise zu reden.“ Ein ignoranter Interviewer, ein Gast ohne Mitteilungsdrang. Fernsehen als interesseloser Raum. Diese etwas überhebliche Haltung ist die Prämisse für die neuen Sendungen. Der Moderator neuen Typs gibt sich als Durchblicker. Was macht er draus?

Jan Böhmermann sagt, er wolle die „kontrollierte Sprengung“. Fünf Gäste werden bei „Roche & Böhmermann“ dafür um einen Tisch platziert. Die Runde soll so informell rüberkommen wie ein Küchengespräch bei einer Party. Einmal steht Roche auf, um, ihrem Image als Expertin für Feuchtgebiete entsprechend, am offensichtlich unter den Achseln schwitzenden Böhmermann zu riechen. Darauf hin zieht sie der geladene Wissenschaftsjournalist, Ranga Yogeshwar, zur Seite. „Ich auch“, sagt er, riecht an Roche und identifiziert den Geruch als „Aluminiumchlorid“.

Das Lustigste an „Roche & Böhmermann“ ist Böhmermann, der mitunter geistreich monologisieren kann. Das Zermürbendste ist, wie an allen der hier besprochenen Sendungen, die zur Schau getragene unbedingte Unkonventionalität der Moderatoren und die unter Mithaltezwang stehenden Gäste. Dazu zählt auch der inflationäre Gebrauch der Worte „Scheiße“ und „Kacke“. Als würde sich noch jemand darüber aufregen.

„Wenn ich es richtig verstanden habe, sind Depressionen richtig scheiße“, sagt Katrin Bauerfeind beispielsweise in einer Anmoderation. „Nicht falsch verstehen, auch einen Arm abhaben ist richtig Scheiße.“ Es folgt ein Bericht über eine junge Frau, die unter einer Depression litt. Sie hat ein Buch darüber geschrieben. Bauerfeind macht das von Böhmermann kritisierte Verkaufsfernsehen für Kulturprodukte. Artig hält sie Bücher in die Kamera und sagt Tourdaten von Bands auf, allerdings mit verstellter Stimme: „Die Maccabees, das ist eine begnadete Band aus London. Sie spielt in München und in, keine Ahnung, googeln Sie doch selbst.“ Dazu zieht sie eine Augenbraue hoch. Keiner beherrscht die Coolnesspose so perfekt. Bauerfeind ist die personifizierte Ironie. Sie setzt die Ironie als schlichte Vernebelungsstrategie ein, denn sie macht zutiefst konventionelles Fernsehen. „Wir sind die letzte Sendung im Medienkosmos, der du die Ehre gibst. Danke“, beginnt Bauerfeind das Interview mit Klaas Heufer-Umlauf. Dann lachen beide laut und falsch.

Klaas Heufer-Umlauf kann sich zusammen mit Joko Winterscheidt den einzigen echten Normbruch der Magazine auf die Fahnen schreiben. Winterscheidt kniff, von Heufer-Umlauf angestiftet, scheinbar einer Messehostess in den Busen. Das ist geschmacklos, nicht innovativ. Heufer-Umlauf entschuldigte sich: Winterscheidt habe den Kniff nur angedeutet. Der Humor der beiden ist im Grunde reines Imponiergehabe. Winterscheidt sitzt breitbeinig im Studio, als er beispielsweise die Moderatorin Ina Müller neben sich aufs Sofa bittet. „Als ich sagte, dass du kommst, meinte einer in der Redaktion: ,Ah, die. Die redet so gerne übers Bumsen“.“ Die so Begrüßte stutzt kurz. Sie will keinesfalls altbacken rüberkommen bei den urbanen Zuschauern, als deren Sprachrohr sich die Schattenkabinettsmitglieder ausgeben.

Sicherheitshalber lassen sich Winterscheidt und Heufer-Umlauf in der Redaktion „die Jungs“ nennen. Winterscheidt ist bereits 34 und Familienvater. Während Müller sich abmüht, welches Synonym für Beischlaf mehr und welches weniger ihren Geschmack treffe, streicht sich Winterscheidt zufrieden die Haare aus dem Gesicht. An die Stelle der Gefälligkeit klassischer Moderatoren ist die Selbstgefälligkeit getreten.

„Bauerfeind 28:30“, ZDF Kultur, heute, 19 Uhr 15. ,„Bambule“, Donnerstag, ZDFneo, 23 Uhr. „Roche & Böhmermann“, ab 3.3. neue Sendungen um 22 Uhr, ZDF Kultur. „neoParadise“ mit Joko Winterscheidt/Klaas Heufer-Umlauf wird bei Pro 7 am 25. Februar als „Circus Halligalli“ wiedergeboren.

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