Medien : Schmutziger Journalismus?

Reporter, Scoops, Lügen: Die „Nationalakademie“ von „Tempo“ und die Folgen

Ralf Schönball,Marc Felix Serrao

Dieses Unternehmen war ausgezeichnet geplant: Die „Deutsche Nationalakademie“ hatte eine Website, eine zentrale Einwahl, und im Ernstfall war Akademie-Präsident Wendelin Däubler sogar telefonisch erreichbar. Die Ehrendoktorwürde wurde knapp 100 Prominenten auf teurem Papier höflich angetragen. Am Anschreiben war nur schwer zu erahnen, dass sie damit die Ziele einer rechtsextremen Einrichtung unterstützen würden. Wer sich von der Schmeichelei nicht gleich einlullen ließ und weiterlas, konnte das braune Gedankengut erkennen.

Dass dieses Unternehmen nur ein Coup des Magazins „Tempo“ war, wussten da nur wenige. Die meisten lehnten die Ehrungen ab. Aus unterschiedlichen Gründen. Nur wenige empörten sich über den Inhalt. 14 Prominente wollten die Ehrung annehmen. Die „Tempo“-Macher folgern in der gestern erschienenen Jubiläumsausgabe, die zehn Jahre nach dem verlegerischen Aus noch einmalig produziert wurde: „Rechte Parolen und rechtes Gehabe haben eine große Anziehungskraft. Gerade für die Elite.“

Doch diese These ist heikel: Viele derjenigen, die zunächst die Ehrendoktorwürde annehmen wollten, sagten kurze Zeit später wieder ab. In zwei Fällen war die Familie der „Geehrten“ selbst Opfer der Nazi-Tyrannei geworden. „Mein Onkel erteilte als Regensburger Oberbürgermeister Hitler Redeverbot und kam dafür ins KZ“, sagt Unternehmer Claus Hipp. Deshalb sei auch sein Vater von den Nazis aus der Stadt gemobbt worden. „Ich danke Ihnen, dass sie mich über die Deutsche Nationalakademie aufgeklärt haben“, so der Unternehmer zum Tagesspiegel. Die Propaganda-Anlage zum Schreiben habe er nicht gesehen.

Rolf Bossi ebenso wenig. Der Staranwalt wollte den Titel der „Nationalakademie“ zunächst annehmen und begründete dies mit dem Werteverfall im Lande und den Risiken für die Heranwachsenden. Als er von dem „Tempo“-Artikel erfuhr, wonach er empfänglich für radikales Gedankengut sei, kündigte er rechtliche Schritte gegen die Blattmacher an. Sein Vater sei von den Nazis hingerichtet worden. Er habe nichts mit dieser Ideologie zu schaffen. Und in dem an ihn gerichteten Brief stehe davon auch kein Wort. Dagegen zögerte „Mr. Tagesthemen“ a.D., Ulrich Wickert, nicht lange mit seiner Ablehnung: „Ich habe nichts getan, das auch nur annähernd in die Nähe der Wissenschaft kommen würde“, sagte er dem Tagesspiegel. Er habe auch den Verdacht gehabt, „dass etwas Rechtes dahinterstehen könnte“. Hellhörig sei er geworden wegen der Kombination von „Nationalakademie“ und „Elite“. ZDF-Moderator Peter Hahne: „Ich habe vier Minuten im Internet recherchiert und wusste, dass das Quatsch ist.“ Für die Gutgläubigen unter den zu Ehrenden hat Hahne nur wenig Verständnis: „Udo Walz besitzt die Chuzpe zu glauben, dass er als Friseur einen Ehrendoktor kriegt.“

Für „Tempo“-Chefredakteur Markus Peichl zeigen Reaktionen wie die von Wickert und Hahne, „dass vernünftige Leute sofort erkennen konnten, dass das ein Fake ist“. In dem Akademie-Anschreiben stehe explizit, dass die Annahme der Ehrendoktorwürde „ein Zeichen der Unterstützung für die Ziele und das Programm“ derselben sei. Mit dem „Geschrei“ derer, die zugesagt haben, habe er gerechnet. „Das war in den achtziger Jahren auch immer so.“

Durfte „Tempo“ täuschen, um die Spur der rechtsextremen Gesinnung aufzunehmen? Im Pressekodex steht: „Journalisten geben sich grundsätzlich zu erkennen. Unwahre Angaben des recherchierenden Journalisten über seine Identität sind grundsätzlich mit dem Ansehen und der Funktion der Presse nicht vereinbar.“ Ist das also noch Journalismus?

Für den Kommunikationswissenschaftler und „Tempo“-Kenner Bernhard Pörksen schon. Als „schmutzige Soziologie“ bezeichnet er die Methode des Magazins: Es behaupte einen Trend und erfinde ein Experiment, um seine Behauptung zu belegen. Mit legitimen verdeckten Recherchemethoden à la Günter Wallraff habe das nur begrenzt etwas zu tun. Am „Nationalakademie“-Artikel fehlt Pörksen der Tiefgang: „Ich erfahre nicht, ob irgendein Star-Friseur wirklich rechtsextrem ist.“ Man erkenne nur „den Informationsstress und das Geltungsbedürfnis, das die Medienprominenz bestimmt“. Die Zitate derer, die die Ehrendoktorwürde akzeptierten, seien häufig erstaunlich pauschal. Kein Wunder: Diese Prominenten seien umringt von Leuten, die ihnen Entscheidungen abnehmen. „Was die Story zeigt, ist der Mangel an politischer Aufmerksamkeit der Vorzimmer.“

Pörksen warnt bei aller Kritik davor, den so genannten „New Journalism“ pauschal zu diskreditieren. So würden Kritiker oft den berüchtigten Interview-Erfinder und früheren „Tempo“-Mitarbeiter Tom Kummer erwähnen. Pörksen: „Den hält man in der Szene für einen publizistischen Kleinkriminellen, der der Sache immens geschadet hat.“

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