Schreiben über Depression und Suizid : Der Enke-Effekt

Eine Herausforderung: Die Berichterstattung über Depression und Suizid birgt Gefahren.

von
Je größer der Bericht über einen Suizid ausfällt, desto häufiger kann es Nachahmer geben, warnen Experten.
Je größer der Bericht über einen Suizid ausfällt, desto häufiger kann es Nachahmer geben, warnen Experten.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Geht es nach den Psychotherapeuten, sind Depression und Suizid für Journalisten heikle Themen. Da ist zum Beispiel der Fall Robert Enke. Als sich der Bundesliga-Torwart im November 2009 an einem Bahnübergang das Leben nahm, schnellte die Zahl der Nachahmer in die Höhe, immer mehr Menschen sprangen vor Züge.

Kam es in den Jahren zuvor zu durchschnittlich 2,3 „eisenbahnsuizidialen Handlungen“ pro Tag, stieg die Zahl am Todestag Enkes zunächst auf drei an und kletterte dann auf einen Höchststand von neun Vorfällen täglich. Nach eineinhalb Wochen sank die Zahl wieder, der Durchschnittswert vor 2009 wurde aber nicht mehr erreicht.

Verantwortlich dafür soll unter anderem die Berichterstattung sein. Steigt die Zahl der Beiträge und ist der Tote noch dazu prominent, lässt sich ein Anstieg der Suizide auf Bahngleisen empirisch feststellen. „Werther-Effekt“, sagen Psychotherapeuten dazu.

Am Mittwoch kamen in Berlin Journalisten zum Presseseminar „Berichterstattung über psychische Erkrankungen und Suizide“ zusammen. Eingeladen hatte die Deutsche Bahn Stiftung. Gemeinsam mit Experten und Betroffenen wurde zunächst der Begriff der Depression erörtert und deren mögliche Folge, eben der Suizid.

Pro Jahr erkranken 4,9 Millionen Menschen an einer Depression

Depression gilt als „Volkskrankheit“. Jeder fünfte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens daran, pro Jahr sind es rund 4,9 Millionen Menschen. Experten gehen davon aus, dass die Mehrheit der jährlich 10 000 Suizide sowie der 150 000 Suizidversuche Folge einer nicht ausreichend behandelten Depression sind. „Betroffene nehmen einen negativen Teilaspekt ihres Lebens und stellen diesen ins Zentrum“, sagte der Psychiater Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

In dem Seminar wurde auch die grundsätzliche Rolle der Medien diskutiert. Was wiegt schwerer: Die gesellschaftliche Verantwortung, durch bestimmte Kriterien Suiziden vorzubeugen, oder doch die Pflicht zur umfangreichen Berichterstattung? Vor allem da herrschte Uneinigkeit zwischen den Experten und Journalisten.

Dass über nicht-prominente Suizidfälle in der Regel nicht berichtet wird, ist bereits in vielen Redaktionen Usus. Aber ein Robert Enke müsse ins Blatt, fanden die Medienvertreter, genauso wie der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz, der seine Maschine zum Absturz gebracht haben soll.

Wenn man schon berichte, sagte Ulrich Hegerl, solle man darauf verzichten, Ort, Art und Motive der Menschen zu nennen. Auch romantisierende Phrasen wie „Jetzt hat ihre gequälte Seele endlich Ruhe“ sollten vermieden werden. 2011 hatte der Presserat die „Bravo Girl“ für die detaillierte Beschreibung eines Selbstmordes gerügt.

Alles richtig zu machen, ist im Redaktionsalltag schwer

„Selbstmord“ ist laut Hegerl übrigens ein ebenso schwieriger Begriff wie „Freitod“, da es weder ein klassischer Mord ist, noch der Tat eine völlig freie, von äußeren Umständen unbeeinflusste Entscheidung zugrundeliegt. Hegerl empfiehlt die Verwendung der Begriffe „Suizid“ oder „Selbsttötung“.

Es gibt auch Maßnahmen, die präventiv wirken können. Die Nachahmungsgefahr sinke, wenn der Suizid als Folge einer behandelbaren Erkrankung dargestellt werde, so Hegerl. Auch Expertenmeinungen und der Verweis auf Hilfekontakte seien nützlich, zudem könne man alternative Lösungen anbieten.

Im Alltag einer Nachrichtenredaktion sei das aber gar nicht so einfach, wandte ein Teilnehmer ein. Zwar könne man diese Kriterien bei einer ersten Berichterstattung durchaus unterbringen. Wenn aber, wie bei Robert Enke, wochenlang berichtet werde, könne man nicht jedes Mal Hintergrundinformationen einbringen.

Dass sich die Deutsche Bahn der Themen Depression und Suizid annimmt, ist indes kein Zufall: Im Laufe seines Berufslebens überfährt ein Lokführer durchschnittlich zwei Menschen, was wiederum zu Traumatisierungen führen kann.

Eine Doppelseite zum Thema Suizid finden Sie am Sonnabend in unserer Beilage Mehr Berlin.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar