Schwächephase : Jeden Tag der gleiche Brei

US-Serien, Castingshows, Dauer-Talk: Selten waren die Fernsehsender einfallsloser. Marktführer RTL ist vorneweg.

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Freud und Leid. Die Ex-Turnerin Magdalena Brzeska und Tänzer Erich Klann freuen sich über den Sieg in der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“. 5,20 Millionen Zuschauer sahen am Mittwoch zu, ein deutlicher Rückgang zu 2011, als 6,35 Millionen einschalteten. Foto: dpa
Freud und Leid. Die Ex-Turnerin Magdalena Brzeska und Tänzer Erich Klann freuen sich über den Sieg in der RTL-Tanzshow „Let’s...Foto: dpa

Das Fernsehen steht still. Nicht erst mit der Fußball-EM vom 8. Juni an, sondern seit Jahresbeginn. Die Medienforscher registrieren, wie das Publikum längst reagiert hat. Von Entzug zu sprechen, wäre allerdings übertrieben, Ermüdung passt besser. Die sich über Jahre stetig steigernde Sehdauer hat im ersten Quartal 2012 einen Knick erfahren. Durchschnittlich vier Stunden und zwei Minuten verbrachten die Deutschen vor dem Apparat, das sind laut Media Control sechs Minuten weniger als in den ersten drei Monaten 2011.

Zwei Programme sind vor allem betroffen, RTL und ARD, im vergangenen Jahr mit einem Marktanteil von 14,1 Prozent respektive 12,4 Prozent die Nummer eins und die Nummer zwei im deutschen Zuschauermarkt. Bezogen auf die ersten fünf Monate 2012 ist der Privatsender auf 13,1 Prozent gesunken, das Erste auf 11,9 Prozent. Während die Verluste bei der ARD über die Dauerthemen „Gottschalk Live“, Talkshow-Flut, Showmisere längst in der Öffentlichkeit angekommen sind, findet die Schwächephase beim Marktführer in der Diskretionszone statt.

Dabei ist das Minus erheblich. RTL hatte im Zeitraum Januar bis Mai 2011 im Gesamtpublikum einen bärenstarken Marktanteil von 14,4 Prozent erreicht, aktuell liegt er bei 13,1 Prozent und damit noch unter dem Wert von 2010 (13,3 Prozent). Gravierender ist der Verlust noch in der geheiligten Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer. Von 19,5 Prozent im vergangenen Jahr ging es runter auf 17,4 Prozent, das ist bares Werbegeld, was dem – keine Angst – immer noch superb verdienenden Privatsender entgangen ist.

RTL Television ist wach, ehrgeizig und von der Unternehmensmutter Bertelsmann genug getrieben, die Zeichen an der Wandtabelle als Fingerzeig zu deuten: Was schwächelt, darf nicht schwach werden. Das ist die Aufgabe von Anke Schäferkordt, sie hat RTL zum Blühen gebracht. Sie ist jetzt Chefin von RTL Television, der Mediengruppe RTL Deutschland (unter anderem RTL Television, Vox, Super RTL, RTL Nitro. n-tv, RTL 2) und seit April 2012 auch CEO der RTL-Group zusammen mit Guillaume de Posch. Viel, vielleicht zu viel an Aufgaben. Schon heißt es, dass Tom Sänger, Unterhaltungschef von RTL Television und damit der wichtigste Programmverantwortliche im Kölner Sender, an die Seite von Schäferkordt rücken werde. Fächert man die Woche nach Marktanteilen auf, dann ist die Dringlichkeit da. Von Montag (2012: 14,5 Prozent/2011: 15,8 Prozent ) über Mittwoch (14,3/15,4 Prozent) bis zum Sonntag (10,8/11,7 Prozent) gibt es keinen Programmtag, an dem RTL im Vergleich zu 2011 nicht deutlich verloren hat. In der Zielgruppe verschärft sich der Trend im Jahresvergleich: Montag (17,9 zu 19,8 Prozent) über Mittwoch (18,0 zu 20,4 Prozent) zu Sonntag (14,5 zu 15,5 Prozent).

Die nachlassende Attraktivität des RTL-Programms ist strukturell, nicht punktuell, anders: Ein Fernsehprogramm, das sich in seinem Angebot von Jahr zu Jahr im Sinne der Nachfrage mehr und mehr perfektioniert hat, hat sich in den Stillstand seiner Entwicklung und in den Überdruss einer wachsenden Zahl an Zuschauern hinein gesendet. Die Erfolgsgaranten wackeln: „Wer wird Millionär?“, der Klassiker mit Günther Jauch, ist in seiner 13. Staffel angreifbar geworden. Am Montag wie am Freitag kann die Konkurrenz mit (Krimi-)Fiktion die Quizshow überflügeln. Dienstag war der RTL-Tag der Super-Serien. „Dr. House“ hat früher als „CSI: Miami“ an Zugkraft verloren. Was aber die Lage dramatisiert: Die Produktion beider US-Serien ist eingestellt. Ob „The Glades“ da wirklich ein erster Ersatz sein kann? Wohin im RTL-Programm geschaut wird, alles ist auf Fortsetzung getunt: „DSDS“ gibt es gefühlt, seit es RTL gibt, „Das Supertalent“ läuft in Staffel sechs, der Bauer sucht seine Frau seit 2005, am Donnerstag will „Cobra 11 – Die Autobahnpolizei“ mit immer größeren Crashorgien locken. Es hilft wenig bis nichts. Fernsehen funktioniert nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt als Perpetuum mobile. Der Arbeitsauftrag für RTL ist umfassend: Nicht ein einzelner Progammtermin braucht Erneuerung, sondern eine Vielzahl an Programmen.

Ob RTL den Schuss aus dem Publikum gehört hat? Unterhaltungschef Sänger sagt beispielsweise, „zwar hat ,DSDS’ Marktanteile abgegeben, aber wir sind sicher, dass ein stark verändertes Konzept auch in Zukunft Erfolg haben wird“.

Das Glück von RTL ist die Apathie der Konkurrenz, der nicht viel mehr eingefallen ist als die Kopie vom Original – siehe Quiz- und Castingflut. Das Fernsehen von heute ist ein Fernsehen der Klone. Das Publikum wendet sich ab.

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