Schweizer "Tatort" über Flüchtlinge : Plädoyer für ein Umdenken in der Asylpolitik

Im Schweizer "Tatort" hadern die Luzerner Kommissare mit der Asylpolitik der Eidgenossen. Und mit einer Bürokratie, die aus Menschen UMAs - Unbegleitete minderjährige Asylsuchende - macht. Auch ohne laute Töne ist der Film dramatisch.

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Razzia im Dealermilieu: Bei den Mordermittlungen arbeitet Kommissarin Ritschard (Delia Mayer, l.) mit Drogenfahnder Hofstetter (Andreas Krämer) zusammen.
Razzia im Dealermilieu: Bei den Mordermittlungen arbeitet Kommissarin Ritschard (Delia Mayer, l.) mit Drogenfahnder Hofstetter...Foto: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Bevor das Schicksal Griechenlands zum alles dominierenden Thema wurde, bestimmte vor allem eine Frage die europäische Agenda: Wie soll mit dem wachsenden Zustrom von Einwanderern und Asylsuchenden umgegangen werden? In der Schweiz meint man, darauf bereits eine Antwort gefunden zu haben. Im Jahr 2012 wurde die Asylpolitik massiv verschärft, es gibt nun weniger Antragsmöglichkeiten, und Flüchtlinge können binnen 100 Tagen abgewiesen werden. Eine Volksbefragung gegen diese Verschärfung scheiterte ein Jahr später.

Der Schweizer „Tatort“ greift das Thema an diesem Sonntag auf. Genauer gesagt ist die „Tatort“-Folge „Schutzlos“ ein klares Plädoyer an die Eidgenossen, ihre Haltung in der Asylpolitik noch einmal zu überdenken.

Der ARD-Krimi beginnt mit einem Raub im Luzerner Drogenmilieu. Ein maskierter Täter überfällt in einer Wohnung eine Gruppe von Schwarzafrikanern, die gerade dabei sind, Rauschgift zu portionieren. Ein Dealer stellt sich dem bewaffneten Räuber in den Weg und wird niedergeschlagen. Später wird seine Leiche unter einer Brücke aufgefunden.

Die Kommissare Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) finden schnell heraus, dass es sich bei ihm um einen nigerianischen Jugendlichen mit Namen Ebi Osodi (Charles Mnene) gehandelt hat. Die Polizei hatte ihn schon mehrfach beim Dealen erwischt. Er hatte den Status als UMA – eines unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden –, der erst beim Erreichen der Volljährigkeit abgeschoben werden kann.

Regisseur Manuel Flurin Hendry, der zusammen mit Josy Meier auch das Drehbuch geschrieben hat, inszenierte den „Tatort“ auf eher nüchterne Weise. Es gibt keine künstlichen Dramatisierungen, selbst Musik wird nur sehr sparsam eingesetzt. Dadurch entsteht ein Kontrast zu den Emotionen der Ermittler. Vor allem Liz Ritschard verliert zunehmend die Distanz. Das Schicksal einer dunkelhäutigen jungen Frau, die für die Ermittlungen immer wichtiger wird, beschäftigt sie sehr. Die Frau, Jola West, wird von Marie-Helene Boyd beeindruckend gespielt.

Die Schweizer sind keine herzlosen Unmenschen – daran lässt diese „Tatort“-Zuarbeit des Schweizer Fernsehens keinen Zweifel. Für die Paragrafen des Gesetzes gilt das nicht. Repräsentiert wird das geltende Recht durch einen Vertreter der Einwanderungsbehörde. „Und Sie sind sich wirklich sicher, dass sie vergewaltigt wurden?“ fragt er die fassungslose Jola West. Ob er in seinen Befragungen immer so einfühlsam sei, will Flückiger wissen.

„Ich bin kein Sozialarbeiter, ich bin ein Beamter, und ich habe einen gesetzlichen Auftrag zu erfüllen, das Asylgesetz“, erklärt der Mann von der Behörde. Die Schilderungen von Jola sind für ihn kein Schicksal, sondern zunächst einmal eine Behauptung. Zudem sei ihre Geschichte widersprüchlich und einfach nicht glaubwürdig. „Wenn sie in Italien vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen wurde, ist sie selber schuld?“, fragt Flückiger und erhält zur Antwort: „Im Sinne des Asylgesetzes? Ja.“ Mit dieser formalistischen Haltung ist der Beamte nicht allein, Polizeichef Mattmann (Jean-Pierre Cornu) sähe es am liebsten, den Fall als Auseinandersetzung im Drogenmilieu schnell zu den Akten zu legen.

Bevor Flückiger und Ritschard die Tat aufklären, decken sie auf, welche Folgen die restriktive Einwanderungspolitik in der Schweiz haben kann. Wie Asylsuchende, die nicht arbeiten dürfen, in die Kriminalität abrutschen können, weil ihre Familien daheim auf Geld warten. Geld, mit dem sie die Wucherkredite zurückzahlen, die sie für die Flucht der Jugendlichen aufgenommen haben. Die Kriminellen sitzen dabei nicht nur in Afrika. Mit der Not der Asylanten machen auch in der Schweiz – und bei uns – skrupellose Verbrecher gute Geschäfte.

Auf laute Töne wird verzichtet, der "Tatort" ist auch so dramatisch genug

Auf laute Töne kann dieser „Tatort“ verzichten, dafür ist das Geschehen dramatisch genug. Nur eines bleibt unklar: Was hat es mit den merkwürdigen Migräne-Attacken und Halluzinationen auf sich, unter denen Flückiger leidet? Werden diese Beschwerden einen Einfluss auf die Ermittlungen haben? Wird eine Legende gestrickt, um ihn herauszuschreiben? In dieser „Tatort“-Saison werden diese Fragen nicht abschließend beantwortet. Mit der Folge „Schutzlos“ geht der Sonntagabend-Krimi in die Sommerpause. Diese endet am 6. September, wie sie begonnen hat: Mit einer Folge aus der Schweiz. Der Titel: „Sniper“.

„Tatort: Schutzlos“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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