Sechsteilige Arte-Serie zum Kapitalismus : Die Jagd nach Gold

Kapitalismus, quo vadis? Diese Frage stellt sich jetzt eine sechsteilige Arte-Dokumentation.

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Die Filmautoren auf kapitalistischer Spurensuche: Am chinesischen Fließband.
Die Filmautoren auf kapitalistischer Spurensuche: Am chinesischen Fließband.Foto: ARte

Dem Fall der Mauer folgte der Zusammenbruch des Ostblocks. Die Sache schien klar: Da seine Alternative gescheitert war, musste der Kapitalismus das bessere System sein. Gut 20 Jahre, etliche Börsencrashs und Staatskrisen später ist Ernüchterung eingekehrt. Einerseits. Andererseits findet sogar Sahra Wagenknecht die Idee der sozialen Marktwirtschaft ganz in Ordnung. Wo also soll’s langgehen?
Das fragt sich auch der Fernsehsender Arte in seinem Programmschwerpunkt „Kapitalismus, quo vadis?“ Herzstück ist eine sechsteilige Doku-Reihe mit dem nüchternen Titel „Der Kapitalismus“. Thema ist weniger die aktuelle Wirtschaftspolitik. Stattdessen geht es um Geschichte und Theorien – ein umfassender Ansatz, der im Fernsehalltag zwischen Börsentipps und Markenchecks ungewöhnlich und lobenswert ist. Die erste Folge („Adam Smith und der freie Markt“), die zur Rezension vorlag, lässt auf eine Art kritischen Grundkurs schließen.

"Gold und Silber hob die Gesellschaft aus den Angeln"

Unterstützt durch Historiker, Ökonomen, Anthropologen und Soziologen wird die These vertreten, der Kapitalismus sei eine Folge der Entdeckung Amerikas. Die Jagd nach Edelmetallen ließ den Handel explodieren. Von Europa aus trieben private Gesellschaften einen schwunghaften Handel mit Rohstoffen und Sklaven. In England wurden Kleinbauern enteignet, damit Großgrundbesitzer sich wegen der Nachfrage nach Wolle der Schafzucht widmen konnten. „Die Entdeckung von Gold und Silber hat die Gesellschaft aus den Angeln gehoben“, kommentieren die Autoren. Dieser blutige Gründungsmythos des Kapitalismus irritiert nur insofern, als dass es keine Gegenmeinung gibt. Was in wissenschaftlichen Kreisen unwahrscheinlich ist. Gibt es keine Adam-Smith-Fans mehr?

Der schottische Philosoph, der als Gründer der Nationalökonomie gilt, hatte im 18. Jahrhundert als Erster den Segen des freien Marktes beschrieben. Ihm wird zweierlei vorgeworfen. Er „entschied sich, vor der Sklaverei die Augen zu verschließen“. Dass Menschen seit jeher gehandelt und getauscht hätten, zweifelt der Film an. Vielmehr hätten sich Gemeinschaften durch Geben und Nehmen organisiert. Das Filmteam lässt sich das von Ureinwohnern im Amazonas-Gebiet bestätigen, die Fische früher in einen Topf warfen und gemeinsam verspeisten. Zudem geht es nach China, Mexiko und Haiti und in eine bolivianische Silbermine. Also kein trockenes Experten-Fernsehen. Der erste Teil ist schon deshalb unkonventionell gestaltet, weil er auf die üblichen Spielszenen verzichtet.

Dem Gesamtwerk Adam Smiths gerecht zu werden, ist nicht das Ziel der Autoren. Immerhin geht es in der direkt anschließenden Folge ebenfalls um ihn: Darum, wie Passagen seines Hauptwerks „Der Wohlstand der Nationen“ aus dem Kontext gerissen und für politische Zwecke benutzt wurden. Die folgenden Filme beschäftigen sich mit David Ricardo und Thomas Malthus (Folge 3), Karl Marx (4), Friedrich von Hayek und John Maynard Keynes (5) sowie Karl Polanyi (6).


„Der Kapitalismus“ (1+2), Arte, Dienstag, 20 Uhr 15. Weitere Doppelfolgen am 21. und 28. Oktober

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