Serie "Altes Geld" : "Keiner geniert sich, ein Arschloch zu sein"

Böses Fernsehen? Das können Österreicher besser. Der ORF hat ein rabenschwarzes Sittenbild aus der noblen, aber grundverdorbenen Welt der Milliardäre herausgebracht: die achtteilige Serie „Altes Geld“.

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Handschuhe aus Menschenhaut. Udo Kier spielt in „Altes Geld“ den Patriarchen Rolf Rauchensteiner, dem sein Nazivater in SS-Uniform im Traum begegnet.
Handschuhe aus Menschenhaut. Udo Kier spielt in „Altes Geld“ den Patriarchen Rolf Rauchensteiner, dem sein Nazivater in SS-Uniform...Foto: ORF

Du, glückliches Österreich, hast es besser. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Deutschlands pflegt man lieber miesepetrige Krimiformate. Das Thema Dekadenz, eine Reichen-Serie als saftiger, dekorativer und allegorischer Stoff, das ist hierzulande nicht zu erkennen. Seit „Das Erbe der Guldenburgs“ und „Der Fürst und das Mädchen“ ist nicht viel Geldadel nachgekommen und eine geschmacklose Neureichen-Pseudodoku wie „Die Geissens“ bei RTL II ist keinesfalls satisfaktionsfähig.

Der ORF jedoch hat nun ein rabenschwarzes Sittenbild aus der noblen, aber grundverdorbenen Welt der Milliardäre herausgebracht: die achtteilige Serie „Altes Geld“. Und weil der Mammon schon im Titel steht, ist der neue, Maßstäbe setzende Streich von Regisseur David Schalko für’s Erste auch nur für Geld zu haben: als DVD, Stream oder Download. Die Ausstrahlung erfolgt dann im Herbst. Diese Marketingstrategie entspricht dem sich immer stärker individualisierenden Fernsehkonsum, sagt David Schalko im Gespräch und prophezeit: „Fernsehsender bekommen immer stärker eine Herausgeberfunktion, sie werden Verleger.“

Der Autor, Regisseur und Produzent Schalko, Jahrgang 1973, wird es wissen, er ist schon ein paar Tage im Geschäft und hat mit Hymnen und Preisen überhäufte Formate wie die „Sendung ohne Namen“, „Die Aufschneider“ (mit Josef Hader) und die grandiose Serie „Braunschlag“ entwickelt. Diese sperrige Groteske um ein bankrottes Dorf im Waldviertel, das sich mittels Ufo-Landeplatz und vor allem einer Marienerscheinung gesundstoßen will, bringt es gar zu einem Remake in den TV-Serien-verwöhnten USA.

"Eine Welt, die völlig ohne Liebe auskommt"

Nach diesem abgründigen Ausflug in die dunkelösterreichische Provinz setzt Schalko seine Trilogie zum Thema Gier und Korruption mit der Saga der superreichen und superdysfunktionalen Familie Rauchensteiner fort. Die monströse Addams-Family ist nichts gegen die anämische Eiseskälte der Rauchensteiner und ihrer Hofschranzen aus Politik, Service und Security. „Erzählung ohne Empathie“ nennt David Schalko seine so erlesene wie absurde Versuchsanordnung. „Es ist ein Schauermärchen über eine Welt, die völlig ohne Liebe auskommt.“ Wobei es durchaus welche gibt. Geschwisterliebe mit einer Fixierung auf Analverkehr zwischen Jana (Nora von Waldstätten) und ihrem Bruder Jakob (Manuel Rubey), der anfangs noch glaubt, dass er sich in Afrika unter linken Gutmenschen vor Vaters Allmacht verstecken kann.

Diesen Vater, den Patriarchen Rolf Rauchensteiner, dem sein Nazivater in SS-Uniform im Traume begegnet und der unter den Familiendevotionalien ein Paar Handschuhe aus Menschenhaut hortet, spielt Udo Kier. Der ursprünglich besetzte Burgtheater-König Gert Voss starb fünf Tage nach Beginn der Dreharbeiten, was Schalko zu einer eiligen Ersatzsuche nötigte. Einen Schauspieler mit ähnlicher Ausstrahlung wie Voss wollte er nicht. „Das wäre dann ein B-Voss geworden.“ Also kam er auf einen ganz anderen Typus, auf Kier.

So anders als die hiesige Fernsehware

„Der passt perfekt in diese manierierte, durchgeknallte Welt.“ Und zwar auf eine durchaus zurückgenommene, stille Weise, wie „Altes Geld“ mit seinen schicken Settings, dem wie gemalt wirkenden Look, der elegisch-enervierenden Pianomusik und dem lethargisch-lakonischen Erzählfluss überhaupt weitgehend auf Slapstick und Burleske verzichtet. Eine Ösi-Kombi, die so anders ist als hiesige Fernsehware, dass sie ob ihrer Risikofreude staunen macht.

So wie der präzise Einsatz geschliffener, vergifteten Pfeilen gleichender Dialogsätze, die Schalko – inspiriert von der Dekadenzliteratur des 19. Jahrhunderts – geschrieben hat. „Musikalität der Kriegsführung“ nennt er den durch dieses „verbale Kung Fu“ hervorgerufenen Effekt. Eloquenz als Mittel der Affektsteuerung und Triebkompensierung unter Leuten, die körperlich ausgetragene Konflikte als unfein und gewöhnlich empfinden.

Das klingt in „Altes Geld“ dann so: „Du musst aufhören, dich ständig umzubringen, das ist unter deiner Würde.“ Oder: „Das ist der Vorteil in dieser Familie: Keiner geniert sich, ein Arschloch zu sein.“ Schön auch das höfliche Bedauern, mit dem die großartige Sunnyi Melles, die der fremd poussierenden Milliardärsgattin Liane eine beißend aggressive Introvertiertheit verleiht, dem Gatten mitteilt: „Weißt du, es wäre vielleicht alles anders, wenn du anders wärst.“

Eine Kaste, abseits der Regeln der Normalverdiener

Das ist er aber nicht. Deswegen braucht er nun auch dringend eine neue Leber. Und das Rauchensteiner-Kind, das ihm eine besorgt, bekommt das ganze Erbe. Perfide! Doch wie das so geht mit lebenswichtigen Organen: Wenn man mal eines braucht, ist natürlich keins aufzutreiben. Selbst für einen Reichen nicht, der Politiker auf seiner verdeckten Gehaltsliste führt.

„Liebe ist was für den Mittelstand“, sagt Liane Rauchensteiner einmal. Dem schließt sich ihr Erfinder Schalko mit seiner Erkenntnis „Moral ist was für den Mittelstand“ an. Er will mit „Altes Geld“ eine Kaste zeichnen, die sich von den Regeln der Normalverdienergesellschaft verabschiedet hat. „Die nicht mehr greifbar oder zur Verantwortung zu ziehen ist und ihre eigenen Gesetze macht.“ Und zugleich der österreichischen „Freunderlwirtschaft“ eins überbraten.

Die sei ja fast schon Staatsräson, sagt Schalko. „In den vergangenen zehn Jahren gab es eine zweistellige Zahl von Untersuchungsausschüssen im Parlament, die alle eingestellt worden sind.“ Wobei seine Serie keinerlei appellativen, moralischen oder weltverbesserischen Ansatz pflegt. Das ist nicht David Schalkos Stil, der sich in der langen, zutiefst defätistischen und erbittert komischen Erzähltradition österreichischer Selbstzerfleischung geborgen weiß.

Ach ja. Die Berlinale hatte sich übrigens dafür interessiert, „Altes Geld“ im Februar in ihrer neuen Serien-Schiene zu zeigen. Ist dann aber doch nicht passiert. Was für ein Fehler!

„Altes Geld“ ist als DVD-Box im Handel und bei Hoanzl (www.hoanzl.at) erhältlich, sowie unter flimmit.com/altes geld als Stream oder Download.

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