Serie : Verschwindende Welten

ZDFneo zeigt britische Serienqualität im Doppelpack: „Ripper Street“ und „The Fear“. Das ist fast so gut wie "Breaking Bad".

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Richie Beckett (Peter Mullan) aus „The Fear“
Richie Beckett (Peter Mullan) aus „The Fear“Foto: ZDF

Richie Beckett will ein angesehener Mann sein in Brighton. Der ehemalige Gangsterboss ist jetzt Hotelbesitzer und Hauptsponsor eines Bauprojektes, das den Westpier auf Hochglanz polieren soll. Seit 15 Jahren habe er keinen Ärger in der Stadt, entgegnet er seinem älteren Sohn Cal, der sich auf Geschäfte mit einer albanischen Bande einlassen will. „Ich will nur meinen Frieden.“

Doch den bedrohen nicht nur Eindringlinge von außen. Beckett kann von einer Sekunde auf die andere ausrasten – und sich später nicht mehr daran erinnern. Ein Fahrradfahrer, der sich an der Ampel leichtsinnig mit der Hand an Becketts Limousine abstützt, und der Boss der albanischen Mafia bekommen das in der ersten Folge von „The Fear“ zu spüren. Seine Familie glaubt, er habe wieder mit dem Trinken angefangen. Beckett selbst beginnt zu ahnen, dass er mehr und mehr die Kontrolle verlieren wird. „Da passiert etwas in meinem Kopf“, sagt er seiner Frau Jo, die mindestens ebenso besorgt darüber scheint, dass ihr Gatte plötzlich wieder „kuscheln“ möchte.

Der britische Vierteiler ist vor allem die Show von Hauptdarsteller Peter Mullan, einem Kind der schottischen Arbeiterklasse, der dem europäischen Kinopublikum einst durch seine Rolle in Ken Loachs „Meine Name ist Joe“ auffiel und zuletzt der Kleinstadttyrann in Jane Campions Miniserie „Top of the Lake“ war. Der 54-jährige Mullan ist ein wuchtiger Typ, dem man ohne Weiteres jede Brutalität abnimmt, ein bisschen so wie Chemielehrer Walter White alias Bryan Cranston, der Protagonist der US-Serie „Breaking Bad“.

Was ist Realität? Was zählt im Leben?

Die Miniserie „The Fear“, die das britische Seebad Brighton als blutig umkämpften Schauplatz krimineller Familien zeigt, ist sicher kein beschaulicher Wohlfühlkrimi. Eher eine originelle Mischung aus hartem Gangsterstoff und präziser Verfallsstudie: Richie Beckett, der alte Boss, der Macher, der immer alles regelte und kontrollierte, bekommt Alzheimer. Seine Welt verschwindet einfach, Stück für Stück, doch es geht nicht nur um fehlende Erinnerungen. Becketts Wahrnehmung verändert sich, auch sein Lebensgefühl. Was ist das: Realität? Und: Was zählt noch im Leben? „The Fear“ ist spannend – und intelligent.

Vor dem Channel-4-Vierteiler zeigt ZDFneo noch eine weitere britische Serie und bietet somit am Montagabend Qualität im Doppelpack. „Ripper Street“ ist auf andere Weise eine herausragende Krimivariante: Die üppige Ausstattung versetzt das Publikum ins London des Jahres 1889 zurück, wenige Monate nach dem letzten, nicht aufgeklärten Mord von Jack the Ripper. Wieder wird im düsteren Stadtteil White Chapel eine Frau mit aufgeschlitzter Kehle gefunden. Im Mittelpunkt steht Inspector Edmund Reid (Matthew Macfadyen), der auf moderne Ermittlungsmethoden schwört, auf Fotografie, Spurensicherung und eine gründliche medizinische Untersuchung der Leiche. Sein ganzer Stolz im Büro ist ein Telegraf. Draußen in White Chapel allerdings gleichen die Straßen noch Kloaken.

Kein Kostümfest, sondern Zeitportrait

Reid steht für den Aufbruch in die Moderne am Ende des 19. Jahrhunderts, aber auf seinem Oberkörper hat die Vergangenheit Wunden geschlagen. Gemeinsam mit einem schlagkräftigen Kollegen und einem amerikanischen Arzt klärt er in jeder der acht Folgen ein Verbrechen auf. „Ripper Street“ hat nichts von der Betulichkeit einer Kostümserie alten Schlags und liegt zugleich als sorgfältiges Zeitporträt im Trend. Insofern ist es logisch, dass das ZDF die BBC-Serie ab Freitag auch in sein Hauptprogramm holt, auf den dürftig beachteten Sendeplatz am späten Abend, auf dem zuvor „Mad Men“ lief. Der Privatsender RTL, der „Ripper Street“ bereits in seinem Pay-TV-Ableger RTL Crime gezeigt hatte, verzichtete noch darauf. Und dass „The Fear“ allein beim ebenfalls dürftig beachteten ZDFneo versendet wird, zeigt einmal mehr, wie schwer sich das deutsche Fernsehen mit außergewöhnlichen ausländischen Produktionen tut.

„Ripper Street“, Montag, ZDFneo, 22 Uhr; „The Fear“, ab 22 Uhr 50

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