Medien : Sex allein zieht nicht mehr

Aus für „Praline“ – Bauer arbeitet an neuen Titeln

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Wenn Zeitschriften eingestellt werden, ohne dass man es merkt, erscheinen sie wohl schon recht lange unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So erging es 2005 „Wochenend“ und „Piep“, zwei Erotikblätter aus der Verlagsgruppe Bauer; fast wäre es so auch „Praline“ ergangen. Im Oktober wird das Sexmagazin, das 1954 ursprünglich als Illustrierte mit dem Schwerpunkt Reisen gegründet wurde, eingestellt. In den letzten Jahren war es nur zweimal auffällig geworden: als die FDP-Politiker Dirk Niebel und später Silvana Koch-Mehrin Kolumnisten des Blattes wurden. „Alle Deutschen, die älter als 18 sind, haben das Wahlrecht. Es ist für die Politik daher wichtig, alle Schichten der Gesellschaft anzusprechen. Nicht alle schauen Sender wie Phoenix, wie die Quoten zeigen“, begründete Koch-Mehrin dem Tagesspiegel vor zwei Jahren ihr Engagement.

Doch weder verhalfen die Politiker „Praline“ zu mehr Seriosität noch umgekehrt. Die Kaufquoten des Blattes waren schon damals tief gefallen. Die verkaufte Auflage von einst 800 000 Exemplaren wurde zuletzt in der Nachwendezeit erreicht. 2000 waren es noch 200 000. Die letzte Auflagenmeldung stammt vom Herbst 2005 mit 65 000 Exemplaren. Seitdem lässt Bauer die „Praline“-Auflage nicht mehr prüfen.

Im Umfeld von Bauer werden die Einstellungen von „Piep“, „Wochenend“ und „Praline“ damit begründet, dass sich der Hamburger Verlag nach und nach von seinen Schmuddelheften trennen wolle: wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit, aber auch aus Imagegründen. Direkt damit in Beziehung will sich Bauer ohnehin nicht bringen lassen. Die Blätter erscheinen bei Tochterunternehmen, deren Namen keinen Rückschluss auf die Bauer-Herkunft geben. Zuletzt soll auch ein Käufer gesucht worden sein, um „Praline“ & Co. zu veräußern, zu weit hätten die Preisvorstellungen jedoch auseinander gelegen, heißt es.

Für die Bedürfnisse, die diese Blätter einst befriedigt haben mögen, gibt es außerdem jede Nacht, anonym und kostenlos, Fernsehsender wie DSF, Eurosport und andere – nicht zu vergessen das Internet. Dort verdient Bauer mit Seiten wie schluck-alles.de, strange-sex.de oder fuck-net.de viel Geld. Das Impressum verweist jeweils auf die Inter Content KG, ebenfalls eine Tochterfirma von Bauer.

Lieber, wenn auch ebenso inoffiziell beschäftigt sich Bauer mit zukunfts-, weil anzeigenträchtigeren Projekten, etwa einem Frauenmagazin mit dem Arbeitstitel „Franz“ oder dem Magazin „Talk“. Für mehr Qualität sprechen zudem Wechsel in den Chefredaktionen von „Matador“ (Peter Praschl statt Stefan Gessulat) und „Revue“ (Norbert Lewandowski statt Peter Bartels).

Ganz entsagt Bauer dem Schmuddel nicht: Derzeit wird das verbliebene Erotikmagazin „Coupé“ umpositioniert. Das Blatt, das in den 90ern 600 000 Hefte verkaufte und nun 87 363, eifert dem französischen Vorbild „Chock“ und seiner amerikanischen Variante „Shock“ nach. Bedürfnisse werden hier auch befriedigt: Ekel, Voyeurismus und Sensationsgier. Zu sehen sind Fotos von Knochenbrüchen, verwesenden Leichen oder brennenden Menschen. usi

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