Shitstorm : Wie das Netzgetöse zum Medienereignis wird

Die Entladung, schrieb Elias Canetti, ist der Augenblick, in dem sich alle gleich fühlen. Das ist die Magie des „Shitstorm“, der Empörungswelle aus dem Netz. Für die demokratische Streitkultur aber ist reine Empörung tödlich, meint unsere Autorin.

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Vom Sturm verweht. Schon das Erwähnen von Reizworten (Netzsperren, Anonymität) reicht aus, um den "Shitstorm" zu entfesseln.Alle Bilder anzeigen
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31.03.2012 21:47Vom Sturm verweht. Schon das Erwähnen von Reizworten (Netzsperren, Anonymität) reicht aus, um den "Shitstorm" zu entfesseln.

Es ist zurzeit nicht schwer, sich online unbeliebt zu machen. Der Autor und Musiker Sven Regener hat das diese Woche genauso erlebt wie FDP-Generalsekretär Patrick Döring. Joachim Gauck stand ausnahmsweise nicht in der Schusslinie, dafür haben Sigmar Gabriel und Norbert Lammert ein bisschen was abgekriegt. „Shitstorm“ war der Anglizismus des Jahres 2011, gemeint ist die spontane Wutbürgerwelle im Internet. Und davon gibt es mittlerweile fast täglich eine neue.

Früher waren Hitler oder Auschwitz die roten Tücher, die man schwenkte, wenn man unbedingt medial gescholten werden wollte. Heute sind es – nicht nur, aber vor allem – Law-und-Order-Thesen zur digitalen Gesellschaft, mit denen Politiker binnen Stunden zur unfreiwilligen Netzberühmtheit aufsteigen können. Oft reicht ein Nebensatz in einem Interview, eine verrutschte Formulierung, ein einzelnes Reizwort: Er hat Netzsperren gesagt! Er will die Vorratsdatenspeicherung! Er ist gegen Anonymität im Internet! Er verurteilt die Gratis-Mentalität! Er warnt vor dem kriminellen Potenzial im Internet! Er beklagt die Tyrannei der Massen!

Kaum sind die Satzfetzen im Umlauf, schon bellt die Netz-Öffentlichkeit lautstark zurück. Die Gegenrede, die zum Shitstorm wird, lässt die argumentative Auseinandersetzung dabei meist schnell hinter sich und mutiert zur wüsten Beschimpfung, zur persönlichen Diffamierung. Die Standardvorwürfe: keine Ahnung, selbst schuld, Internet nicht verstanden, blöd, hässlich, Arschloch. Die Geschwindigkeit des Echtzeitmediums leistet der Entsachlichung ebenfalls Vorschub: Keiner will der Letzte sein, der sich bloggend oder twitternd zu einem vermeintlichen Skandal oder einer verbalen „Entgleisung“ äußert.

„Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die Entladung“, schreibt Elias Canetti in „Masse und Macht“. „Sie ist der Augenblick, in der alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten los werden und sich als Gleiche fühlen.“ Übertragen auf die Psychologie des Shitstorms heißt das: Die spontan Empörten fühlen sich aufgrund der Diskursexplosion, die sie innerhalb ihrer digitalen Mikroöffentlichkeit auslösen, schnell als mächtige Gemeinschaft. Das Kollektiv wiederum wirkt selbstverstärkend, eventuell auch radikalisierend. Wer sich umgeben von Gleichgesinnten glaubt, die alle einen gemeinsamen Feind im Blick haben, schreit vielleicht noch ein bisschen lauter.

Hören sollen das aber nicht nur die Gescholtenen, sondern auch die „alten“ Massenmedien. Denn denen kommt bei der Entstehung von Shitstorms eine wichtige, wenn auch zwiespältige Rolle zu: Einerseits gehört es zu einer ausgewogenen politischen Berichterstattung, die Kritik aus dem Netz aufzugreifen und zu dokumentieren. Andererseits wird unter dem Deckmantel der Objektivität gern auch mal süffisant und genüsslich aus den persönlichen Beleidigungen zitiert. Aus der Wut einiger Tausender lässt sich prima Infotainment für Millionen stricken. Der Shitstorm selbst wird zum Medienereignis.

„Ich kann mir vorstellen, dass Parteien diese Form der Kommunikation nervös macht“, sagte Patrick Donges, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Greifswald. „Da kann sich innerhalb weniger Stunden etwas zusammenbrauen, das man nicht sieht, dem man nicht vorbeugen und das man in seinen Folgen kaum einschätzen kann.“ Denn nicht immer geht dem Shitstorm eine aktuelle populistische Provokation voraus. Manchmal, das konnte Joachim Gauck in den letzten Wochen erleben, entwickeln sogar Zitate aus lange vergessenen Interviews ein spätes Eigenleben. „Politikerinnen und Politiker nehmen das natürlich als Kontrollverlust wahr“, so Donges, „als eher zufälliges Ereignis, dem sie machtlos ausgesetzt sind.“

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