Show statt Information : Programmdirektor verhindert „Brennpunkt“ zur Spähaffäre

ARD-Programmchef Volker Herres überstimmt die Chefredakteure der Sender. Die Show "Die deutschen Meister" hätte dafür verschoben werden müssen

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Die ARD rühmt sich zu gerne, dass das Erste das führende Informationsprogramm im deutschen Fernsehen sei. Wenn dem so ist, hätte die ARD dann nicht am Donnerstag einen „Brennpunkt“ zur Späh-Affäre nach der „Tagesschau“ setzen müssen? Die Chefredakteure der ARD-Sender hatten sich einstimmig dafür ausgesprochen, ARD-Programmdirektor Volker Herres aber hat sein Veto dagegen eingelegt. Als Programmchef darf er das. Aus ARD-Kreisen hieß es, Herres beurteile den Skandal um das abgehörte Handy von Kanzlerin Angela Merkel als „nicht wichtig genug“. Eine fatale Fehleinschätzung von Herres, lautete wiederum die Einschätzung der Chefredakteure.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb in seinem Blog, Herres sorge sich womöglich um die Quoten der 20-Uhr-15-Show „Die deutschen Meister“ in der Moderation von Kai Pflaume. Politische Sondersendungen gelten in der ARD-Programmdirektion offenbar als Risiko für die Quote und den sogenannten „Audience Flow“ (Zuschauerfluss).

Merkwürdig ist das Verhalten schon, weil die ARD in der Regel nicht zögert, das große Thema des Tages mit einem „Brennpunkt“ nach der „Tagesschau“ aktuell und umfassend zu unterfüttern. Bei der letzten Flut gab es Tag für Tag eine Sondersendung. Tatsächlich wird Wetterkapriolen bevorzugt ein „Brennpunkt“ eingerichtet. Was stimmt: Die NSA-Affäre hat sehr weite Teile der Bevölkerung bislang nicht interessiert, mit dem „Anzapfen“ des Mobiltelefons von Merkel hat das Thema aber eine massenattraktive Aufmerksamkeit bekommen. „Die deutschen Meister“ hätten eine Verschiebung um eine 15 Minuten vertragen können, oder?

Die Talkshow „Beckmann“ im Ersten um 22 Uhr 45 am Donnerstag jedenfalls änderte sein Thema schnell hin zum „Handy-Gate“. Nichts anderes unternahm „Maybrit Illner“ im Zweiten um 22 Uhr 15. Statt katholischer Kirche ging es um den „Lauschangriff aufs Kanzleramt – Sind die USA noch unsere Freunde?“.

Sehr ehrenwert das alles, doch gab es weder im Ersten einen „Brennpunkt“ noch im Zweiten ein „ZDF-Spezial“. In beiden Programmen tobte Unterhaltung, Show und Krimi. Joachim Huber

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