Medien : Siege über das Nichts

Eine Wette bei Thomas Gottschalk bringt weder die Gesellschaft noch den Einzelnen weiter – doch sie stärkt das „Wir-Gefühl“. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum „Wetten, dass..?“ auch nach 25 Jahren noch funktioniert

Georg Seeßlen

Die ZDF-Sendung „Wetten, dass..?“ gibt es jetzt seit 25 Jahren, und das will schon etwas heißen. Wieso wird man dieser letzten Form der „großen Samstagabend-Unterhaltung“ nicht überdrüssig, wieso ist sie nicht wie andere dieses Genres so zeittypisch, dass man sie mit einem verklärten Lächeln ins imaginäre Museum seiner Medien-Biografie stellt? Warum wird sie nicht wenigstens zum nostalgischen „Klassiker“, sondern funktioniert, als käme sie immer noch gerade recht?

„Wetten, dass..?“ ist ganz einfach die Essenz des (deutschen) Fernsehens. Alles, was es in unserem Leitmedium gibt, die Intimität und den Glamour, Spannung und Alltäglichkeit, Knabbergebäck und „Bild“-Schlagzeile, Größenwahn und Muckertum, es steckt auch in „Wetten, dass..?“. Das Konzept dieser Sendung ist so einfach und offen, dass es gleichsam das Fundamentale von Unterhaltung trifft, ein symbolisches Spiel, das zugleich nichts und die ganze Welt bedeutet, so einfach, dass es jedes Kind versteht, so dramatisch, dass sich der verbohrteste Kritiker beim „Mitfiebern“ ertappt, so vielfältig, dass sich jeder Zuschauer das eine oder andere dazudenken kann.

Das Konzept, sagt man, wurde von Frank Elstner während einer schlaflosen Nacht in knapp zwei Stunden vollständig entwickelt. Alle großen Ideen werden während schlafloser Nächte entwickelt, und länger als zwei Stunden darf man nicht über sie nachdenken. „Wetten, dass..?“ inszeniert die Erinnerung an vergangene Fernsehzeiten, in denen sich die Familie am Samstagabend noch einmal um das elektronische Lagerfeuer versammelte und dabei ein bisschen glücklich war. Nicht als Nostalgie-Show, sondern in einer bizarren Zeitlosigkeit. „Wetten, dass..?“ ist nicht von gestern oder von heute, sondern von nie und immer.

Das Konzept ist in der Tat bemerkenswert einfach: Eine Person führt durch das Programm, ist Showmaster, Spielleiter, Talk-Host und Pausenclown in einer einzigen Person. Das Programm besteht aus drei etwa gleich wichtigen Teilen: Aus dem eigentlichen Spiel – jemand behauptet, eine seltsame, garantiert sinnfreie Aufgabe allein oder im Team lösen zu können, und es kann gewettet werden, ob das zu schaffen ist oder nicht. Aus dem Plaudern mit prominenten Gäste, die ihrerseits eine Wette abgeben müssen, und wenn sie verlieren, irgendeinen kleinen Blödsinn treiben müssen (jedenfalls war es früher Blödsinn, heute ist es in der Regel eine weitere PR-Aktion). Zum Dritten gibt es „Showblöcke“. Mainstream-Pop, was sonst. Bemerkenswert ist die Treue der Sendung zu ihren Prominenten; Peter Maffay und Udo Jürgens haben es in der Geschichte der Sendung jeweils zu elf mehr oder weniger musikalischen Auftritten gebracht, gefolgt von Herbert Grönemeyer mit zehn Auftritten; unter den Rate-Prominenten führt Iris Berben mit sieben, vor Franz Beckenbauer, Mike Krüger oder Harald Juhnke mit sechs Teilnahmen. Verlässlichkeit ist Trumpf; es ist eine wohlgeordnete Welt.

Die Wetten, um die es geht, umfassen das übliche Repertoire. Athletische Übungen, perfektes Teamwork, extremes Training von sinnlichen Wahrnehmungen und Erinnerungen. Manchmal haben diese Vorstellungen tatsächlich artistisches Format, manchmal sogar eine surrealistische Poesie im Umgang mit der Alltagstechnologie wie dem Automobil. 1987 gelang es einem Wett-Team, während einer 400 Meter langen Fahrt in Schräglage auf zwei Rädern einen Reifen zu wechseln, und bei der Jubiläumssendung Nummer 100 wurde ein 8,8 Tonnen-LKW, auf dem obendrauf noch ein VW Golf stand, auf vier Biergläser gestellt. Die Wetter in „Wetten, dass..?“ zeigen nicht nur sensationelle Fähigkeiten, sie erzeugen auch Traumbilder ihres und unseres Lebens. Sie entwickeln kleine Wunder aus der banalen Alltagswirklichkeit, und schon deshalb fiebern wir um ihren Erfolg. Jede gewonnene Wette ist ein Sieg über die Mühe und Arbeit eines gewöhnlichen Lebens, und mittlerweile auch ein Sieg über die Arbeits- und Sinnlosigkeit. Wir alle helfen zusammen, um dem Einzelnen zu einem Sieg über das Nichts zu verhelfen. Paradoxerweise mit Hilfe eines Bedeutungs-Nichts. Wir feiern in „Wetten, dass..?“ Leistungen, mit denen garantiert weder die Gesellschaft noch der Einzelne etwas anfangen können. Das ist ein bisschen anarchistisch, und das ist ein bisschen opportunistisch. Der Mensch als „Wetten, dass..?“-Kandidat ist zugleich Widerspruch und Erfüllung des Max Weber’schen Leistungsmenschen, ohne den bekanntlich der Kapitalismus und sein Mittelstand nicht funktionieren könnte.

Auf jeden Fall ist es ein wohliges Gefühl des „Wir“, das in „Wetten, dass..?“ produziert wird, ein Reihenhaus-Glück im Massenrausch. Natürlich liegt das auch an den Moderatoren. Sie verkörperten zu ihren Zeiten die Ideale des deutschen Kleinbürgertums, Frank Elsners Sparkassen-Angestellten-Langweiligkeit ebenso wie Wolfgang Lipperts Pudel-Charme und Thomas Gottschalks gezielt schlechten Geschmack in Bezug auf Klamotten und Musik: ewig jung und nie gefährlich.

„Wetten, dass..“ hält hartnäckig die Illusion aufrecht, dass es Dinge gibt, die die „ganze Familie“ und die „ganze Gesellschaft“ interessieren. Dabei ist durchaus hilfreich, dass die Sendung mittlerweile ihre eigene Mediengeschichte hat, deren Höhepunkte man sich in schlaflosen Nächten gern ins Gedächtnis ruft:

Am 14. Februar 1981 strahlte das ZDF in Zusammenarbeit mit dem österreichischen und dem Schweizer Fernsehen die erste Ausgabe aus. Regie und Konzept hatten noch einige Haken – etwa der groteske Einfall, die Sessel der Gäste je nach dem Wettstand hydraulisch in die Höhe zu heben. Bis zur 39. Sendung am 4. April 1987 moderierte der Erfinder der Show Frank Elstner. Thomas Gottschalk übernahm vom 26. September 1987 (Folge 40) bis zum 2. Mai 1992 (Folge 75). Insgesamt 36-mal führte er durch die Sendung, die mittlerweile zu den populärsten ihrer Art geworden war. Sein Nachfolger wurde Wolfgang Lippert, der vom September 1992 bis November 1993 neunmal moderierte. Ein Intermezzo, das nicht besonders gut funktionierte. Mit Folge 85 am 15. Januar 1994 kehrte Gottschalk zurück, und seitdem ist es wohl endgültig „seine“ Sendung. Er feierte seine 100. Sendung am 27. März 2004; im selben Jahr wurde die insgesamt 150. Sendung ausgestrahlt, und nun, am 14. Februar, kann man das 25-jährige Jubiläum feiern, noch immer im Quoten-Hoch.

Es ist eine Geschichte der Verlässlichkeit, Veränderungen betreffen nie die Substanz des Ganzen. In den ersten Jahren durften alle Gäste zu jeder Wette ihre Stimme abgeben; „Wettkönig“ war, wer am häufigsten richtig lag. Seit 1987 bestimmt die Zuschauerabstimmung mit der elektronischen Zählmaschine TED den besten Anbieter zum Wettkönig; die Gäste beschränken sich auf die Wette, für die sie Pate stehen. Bis 2001 bestimmte ein Zuschauer aus dem Saal gegen den Moderator (die „Saalwette“), seitdem wettet der Moderator gegen die jeweilige Sendestadt (die „Stadtwette“).

Zum Erfolgskonzept gehört, dass „Wetten, dass..?“ eine Massenveranstaltung ist, live und unterwegs durch die Mehrzweckhallen dieser Welt. Die Inszenierung der Massen ist Bestandteil der Show, die Art, wie der Show-Master sie zugleich bedient und domptiert. Und zum großen Wir-Gefühl bei „Wetten, dass..?“ gehören die kleinen Skandale: In der 25. Folge im Dezember 1984 stürmten Umweltaktivisten mit Transparenten mit intelligenten Aufschriften wie „Nicht wetten – Donauauen retten“ vor die Kameras; im Oktober 1987 inszenierten Brigitte Nielsen und Cher einen Zickenkrieg, weil sie beide die fast gleichen mehr oder weniger schicken Designer-Klamotten vorführten, 1988 gelang es dem Titanic-Redakteur Bernd Fritz, sich unter falschem Namen mit einer falschen Wette (Buntstifte am Geschmack erkennen!) in die Sendung zu schleichen und den simplen Schwindel vorzuführen, mit dem er die Regeln der Wette unterlaufen hatte.

Was „Wetten, dass..?“ also von dem Identitäts- und Zusammenrück-Gedudel der Musikantenstadl unterscheidet ist, dass die Welt für die Konstruktion des imaginären „Wir“ nicht ausgeschlossen wird, sondern im Gegenteil, sie wird hereingeholt in unseren großen Fernsehabend. Und dazu gehört auch, dass die Welt vor allem aus ihrer Vermarktung besteht. „Wetten, dass..?“ inszeniert sich zwar als große Erinnerung an die besseren, die öffentlich-rechtlichen Zeiten der deutschen Fernsehunterhaltung. Aber zur gleichen Zeit gibt es auch kaum eine schamlosere Vermarktungsmaschine. Die Sendung „gehört“ nicht mehr dem ZDF, sondern der Firma Dolce Media der Gebrüder Thomas und Christoph Gottschalk, die die Rechte für etwa 500 000 Euro erwarben.

„Wetten, dass..?“ ist Meta-Fernsehen, ein Bildschirmmythos: Fernsehen wie wir es von früher kennen und wie es vielleicht nie gewesen ist: Heimat stiftend, Harmonie bildend, lustig bunt und spannend, hat es die Welt für einen Abend wieder heil gemacht. Nur hinterher. Hinterher blieb immer ein komisches Gefühl zurück.

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