"Slow TV" als Quotenknüller : Hektik verboten

Stricken, Holzhacken, Fischen: Norwegens „Slow TV“ kommt nach Deutschland. Hier ging tiefenentspanntes Fernsehen zuerst auf Sendung - mit dem "Aquarium" des ORB

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Gelassener geht es nicht. Die Fische im einst legendären „ORB Aquarium“.
Gelassener geht es nicht. Die Fische im einst legendären „ORB Aquarium“.Foto: picture-alliance / dpa

Keine Schießerei, kein Drama, keine Dialoge. Langsam zieht die norwegische Fjordlandschaft vorbei. Eine Kuh läuft drei Schritte, eine Flagge weht im Wind. 134 Stunden, 42 Minuten und 45 Sekunden lang war das alles, was beim Norwegischen Rundfunk (NRK) über den Bildschirm flimmerte. 3,2 Millionen der fünf Millionen Norweger schauten einer Schiffspassage entlang der Hurtigruten zu. Das Phänomen des „Slow TV“ sorgt in Norwegen bereits seit fünf Jahren für Rekordquoten, berichtet epd-Autorin Nora Frerichmann aus Oslo.

Dabei geht es vor allem um Fernsehen in Echtzeit. Der Blick auf den Fernsehschirm gleicht dem Blick aus dem Fenster. „Man muss das Gefühl bekommen, wirklich da zu sein“, sagt Thomas Hellum, Projektmanager des öffentlich-rechtlichen NRK. Ohne vorgeschriebene Geschichte, ohne Höhepunkte, ohne dramaturgische Eingriffe – das widerspricht allen Regeln des Fernsehmachens. Es gibt keine schnellen Schnitte, die Formate sind kaum bearbeitet. „Das ist so falsch, dass es schon wieder richtig ist“, sagt der Norweger.

Die Idee für die norwegischen Formate stammt aus dem Nachtprogramm der ARD und ihrer Dritten Programme in den 1990er Jahren. Als Reaktion auf die kommerziellen Sender wie RTL und Pro 7, die mit Wiederholungen das 24-Stunden-Fernsehen etablierten. 1992 stellte der damals noch existierende ORB sein – übrigens aus Norwegen abgeschautes – „Aquarium“ in den TV-Guckkasten. Zwei Jahre später ersetzte der Bayerische Rundfunk sein monotones Testbild in der Nacht durch Bilder aus dem Weltraum – die „Space Night“, mit sphärischen Klängen unterlegt, war geboren. Was als Lückenschluss und zugleich als Sparprogramm gedacht war, errang Kultstatus. Das „Aquarium“, bis 2004 gezeigt, wurde zuweilen stärker eingeschaltet als das Programm davor.

Der Erfolg der „Bildschirmschoner“ ließ andere Sender nicht ruhen: 1995 installierte das Erste Kameras in den Führerständen von Loks für „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“. Das ZDF setzte die Kamera auf den Beifahrersitz eines Autos. Im Regionalfernsehen B 1 des SFB konnten Zuschauer mit S- und U-Bahn die Stadt erkunden, der MDR fuhr die Linien der Leipziger Straßenbahn ab. Vox reihte in „Rave Around The World“ endlose Bilder von tanzenden Partygästen an exotischen Stränden oder auf Kreuzfahrtschiffen aneinander .

Die Norweger trauten sich, solche Lückenfüller-Formate unter dem Begriff „Slow TV“ in der Hauptsendezeit und live zu zeigen. „Wir sind das so angegangen, als würden wir zu den Olympischen Spielen fahren: hochprofessionell“, sagt Hellum. Für das Hurtigruten-Format kamen elf Hightech-Kameras zum Einsatz. Es folgten weitere Slow-TV-Sendungen: In der „Nationalen Feuerholz-Nacht“ zeigte NRK holzhackende Menschen und herunterbrennende Feuer. Lachsfischen, Stricken und Vogelbeobachtungen wurden ebenfalls in Echtzeit ausgestrahlt.

Vom norwegischen Erfolg haben sich nun wiederum deutsche Fernsehmacher inspirieren lassen. Der Bildungskanal ARD-alpha produziert gerade das erste deutsche Slow-TV-Format für das Abendprogramm um 20 Uhr 15 in der Karwoche 2015. „Während auf anderen Kanälen in Talkshows gestritten, in Spielshows gerätselt oder in Spielfilmen geschossen wird“, will Daniel Schrenker, Autor und Initiator des Projekts mit dem Namen „Mora“, einen Kontrapunkt zur permanenten Beschleunigung des Alltags setzen, indem er Menschen bei der Arbeit zeigt. Das Wort „Mora“ steht im Lateinischen für Aufenthalt oder Verzögerung.

Thomas Hellum, Projektmanager des öffentlich-rechtlichen NRK, ist überzeugt, dass es in Deutschland ein Publikum für Slow TV gibt. „Es ist nicht so, dass wir Norweger besonders verrückte Fernsehzuschauer sind“, sagt er. Das Thema der Sendungen müsse allerdings tief in der Kultur des Landes verwurzelt sein, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Aus der Themenwahl könnte man schließen, dass die Norweger dem Klischee der holzhackenden Naturburschen entsprechen, die gerne mit Schiffen und Eisenbahnen durch die Gegend reisen. Und die Deutschen sind nur Malocher? Wo, wenn nicht in Deutschland finden in Meisterschaften im Pfeife-Langsamrauchen statt. (mit epd)

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