Medien : Smart und schwul

„Mit Herz und Handschellen“: Henning Baum spielt den Kommissar Leo Kraft

Alva Gehrmann

Er wollte immer stark sein. Also machte Henning Baum viel Sport – Karate zum Beispiel. Nicht, weil es ihm wirklich Spaß gemacht hätte. „Ich wollte Power haben.“ So hing dann in seinem Jugendzimmer auch statt irgendwelcher „Bravo“Stars das Poster eines Zehnkämpfers. „Das war ein richtiges Tier." Das mit dem Starksein hat bestens geklappt. Henning Baum ist ein muskulöser Mann mit Dreitagebart, 30 Jahre alt. Die Oberarme sind eindrucksvoll. Zum Interview in Berlin erscheint er leger gekleidet: Er trägt eine rote Adidas-Trainingsjacke, T-Shirt und Jeans. In der neuen Sat 1-Serie „Mit Herz und Handschellen" spielt er einen schwulen Kommissar.

Leo Kraft ist nicht der erste schwule Polizist im deutschen Fernsehen. Auch bei „SK Kölsch" ist einer homosexuell. Aber Leo Kraft ist der erste, dessen Privatleben in der Serie eine wesentliche Rolle spielt. Der smarte Kommissar lebt zusammen mit seinem Freund Thorsten (Martin Rapold). Kleine, heile Welt. Viel bürgerlicher als bei Krafts Kollegin Nina Metz (Elena Uhlig), die ein ausgesprochener Morgenmuffel mit chaotischem Liebesleben ist.

Henning Baums Lieblingshelden stammen nicht aus der Krimiwelt, faszinierend fand er Typen wie Herakles und Odysseus. Schließlich sei Odysseus, Held der griechischen Mythologie, nicht nur stark, sondern auch schlau gewesen. Er besiegte Troja und überlistete die Sirenen, kannte also ebenso seine Schwächen. „Mythologien sind so spannend, weil dort Neid, Macht und Begierde vorkommen."

Dann fällt Baum noch die Sage von der „Kuh Bukolla" ein; das isländische Märchen handelt von Mord und Totschlag und einer Kuh, die die Sprache der Menschen beherrscht. Säße man an diesem Abend nicht im Prenzlauer Berg in einer Trattoria, umringt von Gästen, würde man glatt Angst bekommen, so dramatisch trägt der Schauspieler die Sage vor.

Mord und Totschlag gibt es auch in der Sat1-Serie „Mit Herz und Handschellen". Klischees – vor allem über schwule Kommissare – sollen aber vermieden werden. Man könnte auch sagen: Der Kommissar ist zwar schwul, aber der Typus des Darstellers und sein Lebensstil wurden so „unschwul“ wie nur möglich gewählt.

Leo Kraft ist kein bisschen tuntig, auch Sexszenen wird man nicht zu sehen bekommen. „Das Thema unserer Serie ist nicht: Der Kommissar ist schwul", sagt Baum. „Die Idee war, das mit Beiläufigkeit zu erzählen." Wohl auch deshalb heißt die Serie nicht, wie ursprünglich geplant, „Der schwule Bulle", sondern „Mit Herz und Handschellen". Heute wird der Pilotfilm wiederholt, vom nächsten Montag werden acht Folgen ausgestrahlt.

Dass er durch die Rolle in eine Schublade gesteckt wird, davor hat Henning Baum keine Angst. Der Schauspieler ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Niederbayern im Westflügel eines Wasserschlosses. „Der Blick auf die Sterne ist herrlich", sagt er.

Baum hat eine sehr tiefe Stimme und den Ruhrpott-Sound. Erstes ermöglichte ihm, beim 90. Geburtstag von Queen Mum ein Ständchen für sie singen zu dürfen. Baum war damals im Chor des Dover College, der bei den Feierlichkeiten im Kensington Garden unter anderem alte Soldatenlieder aus dem Ersten Weltkrieg vortrug.

Mit 17 Jahren wurde Henning Baum in das , englische College geschickt, weil sich seine Lehrer und Eltern Sorgen machten, er könne auf die schiefe Bahn geraten. „Ich habe gerne provoziert. Mich auch mal geprügelt." Geraucht oder gekifft hat er jedoch nie. Nur Bier getrunken, das aber in rauen Mengen.

Auf dem College, dessen Klostergebäude ihn an „Der Club der toten Dichter" erinnerte, ging es streng zu. Anders als auf der Waldorfschule, in die der gebürtige Essener bisher gegangen war. „Ich habe mich da trotzdem total wohl gefühlt", sagt er. Und in dieser Zeit natürlich viel Sport gemacht.

Zurück in Deutschland ging Baum wieder auf die Waldorfschule. Hier lernte er, klassische Texte zu rezitieren und darzustellen. So konnte er bereits in der achten Klasse mit Schillertexten erste Schauspielerfahrungen sammeln. In der zwölften Klasse spielte er Faust. „Ich habe das gar nicht alles verstanden", sagt er. „Doch im Moment der Aufführung ist das Wissen durch mich durchgeflossen. Wenn man das Gefühl erlebt hat, muss man Schauspieler werden." Von 1994 bis 1997 ging er auf die Bochumer Schauspielschule, spielte danach klassische Rollen in Würzburg und Mainz. Nebenbei bekam er erste Rollen bei Film und Fernsehen. Mit dem WDR-Tatort „Drei Affen" (1999) hat es für ihn dann richtig angefangen. Bekannt geworden ist Henning Baum durch die Krimiserie „Sinan Toprak ist der Unbestechliche" (RTL), darin spielte er an der Seite von Ex-Model Erol Sander den Assistenten.

Könnte sein, dass Baum jetzt an der Schwelle zum Fernsehstar steht. Vor kurzem hat er sogar einen Gladiator gespielt. Im RTL-Film „Held der Gladiatoren", der im Oktober ausgestrahlt wird, kämpft er als Germane in der Arena. Er wird erstochen. Immerhin ist es ein Heldentod.

„Mit Herz und Handschellen“: Sat 1,

20 Uhr 15

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