Social TV : Beim Berliner Sender Joiz können Zuschauer mitmischen

Fernsehsender setzen immer mehr auf Social TV. Richtig mitmachen können die Zuschauer vorerst nur bei einem Berliner Projekt. Bei den Joiz-Moderatoren ist Spontanität gefragt.

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Die Sendung „Living Room“ bei Joiz.
Die Sendung „Living Room“ bei Joiz.Foto: Promo

Ein riesiges Loft im Berliner Postbahnhof. Unverputzte Wände, keine Türen, und eine Sofaecke mitten im Großraumbüro. So sieht es aus, das Studio des interaktiven Fernsehsenders Joiz. Dort, wo nicht nur die Moderatorinnen und Moderatoren ihren Gästen Fragen stellen, sondern auch die Zuschauer. Unentwegt huschen deren Beiträge über eine weiße Leinwand, die zentral im Bild zu sehen ist und direkt in die Sendung integriert wird. In Echtzeit. Ohne Filter. Aus dem jungen Phänomen „Second Screen“ – die Nutzung eines zweiten Bildschirms wie Smartphone oder iPad parallel zum laufenden Fernsehprogramm – wird ein aktiver Bestandteil des TV-Programms.

Fast die Hälfte der deutschen Zuschauer sieht mittlerweile fern und surft nebenbei im Internet. Jeder Dritte nutzt das Netz bei dieser Parallelbeschäftigung wegen der Sendung, die er gerade schaut. Jeder Fünfte tauscht sich bei Facebook oder Twitter darüber aus. Zu diesem Ergebnis kommt eine ARD-ZDF-Onlinestudie. Ein Trend, dem sich alle Fernsehsender stellen müssen: Stundenlang auf einen Bildschirm gucken, das reicht vor allem jüngeren Zuschauern nicht mehr.

Die Idee zum Sender Joiz hat der Schweizer Geschäftsführer Alexander Mazzara vor einigen Jahren entwickelt. 2008 ging er für fünf Monate nach Silicon Valley. Dort wurde ihm klar, in welchem Maße und wie schnell Fernsehen und Internet miteinander verschmelzen werden. Er entwickelte ein Mitmachprogramm. Im März 2010 gründete er „Joiz“ in der Schweiz, seit vergangenem August gibt es den Sender in Berlin. Mit einer Zuschauer-Zielgruppe zwischen 14 und 29 Jahren und Moderatoren, die höchstens Anfang 30 sind.

Quote soll gesteigert werden

Weil die Zuschauer jede Sendung mitgestalten können, ist von den Joiz-Mitarbeitern Spontaneität gefragt. „Natürlich plane ich jede meiner Sendungen. Wenn das Gespräch aber durch die Chat-Fragen in eine andere Richtung geht, dann handle ich auch danach“, sagt Melissa Khalaj. Zuvor hat die 23-Jährige bei der ProSieben-Webshow Etage7 gearbeitet und backstage über aktuelle Ereignisse bei „Germany's next Topmodel“ berichtet. Einem Bestandteil des Social-TV-Konzepts „ProSieben Connect“. Dabei können die Nutzer die aktuelle „GNTM“ Folge im Livestream anschauen, Tweets verschicken, an Votings teilnehmen und Videos ansehen. Was der Sender erreichen möchte? „All unsere Social-TV-Maßnahmen haben das Ziel, die Quote zu steigern, die Zuschauer zu binden und ihnen neue Plattformen zur Verfügung zu stellen“, sagt Markan Karajica, Vorsitzender der Geschäftsführung ProSiebenSat 1 Digital. Außerdem würden die Formate für Werbekunden interessanter werden.

Ein ähnliches Konzept bietet die RTL Group mit „RTL Inside“ und „Vox Inside“ an. Doch was in beiden Fällen nach wie vor fehlt, ist die Rückkopplung. Kein Umfrageergebnis beeinflusst Heidi Klum bei der Antwort auf die Frage, wem diese am Ende der „GNTM“-Ausgabe ein Foto gibt oder wer bei „Deutschland sucht den Superstar“ gewinnt. Die ARD ging schon einen Schritt weiter und bot zweimal das Format „Tatort+“ an, bei dem die Zuschauer den Fall im Internet selbst lösen konnten. Für die ARD-Onlinekoordinatorin Heidi Schmidt sind solche Angebote wichtig, weil sie den Zuschauern nicht nur eine Plattform zum Diskutieren bieten, sondern ein gemeinsames, ein virtuelles Fernseherlebnis.

Statt auf fiktionale Formate zu setzen, probiert sich das ZDF derzeit beim „Faktencheck“ zur Europawahl crossmedial aus. Dabei kann jeder Internetnutzer recherchieren, welche politischen Aussagen wahr oder falsch sind und später werden diese Aussagen in den TV-Nachrichten aufgegriffen. „Das klassische Fernsehen ist aufgewacht. Es muss auf ein Publikum reagieren, das sich beteiligen möchte“, sagt Eckart Gaddum, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Neue Medien.

Wie sehr der Zuschauer das Fernsehprogramm mittlerweile beeinflussen kann, zeigt eben ein Beispiel beim Sender „Joiz“. Als Maurice Gajda im vergangenen Jahr die „Sportfreunde Stiller“ interviewte, wollte das Management keine Fußball-Fragen hören. Die Chat-Teilnehmer interessierten sich aber für das Thema, und so blieb es in der Talkrunde nicht aus. Nach einem Studiobesuch des Sängers Tim Bendzko änderte der TV-Sender allerdings einen Teil seines Konzepts. Während seines Auftritts stand nämlich nicht nur neben der Talk-Couch ein Bildschirm mit Echtzeitkommentaren, sondern auch vor der Bühne. Dies habe den Musiker so irritiert, dass im Studio nur noch eine Leinwand steht. Wie viele Leute sich die Musiksendungen und Nachrichten auf Joiz via mobilen Geräten anschauen, kann der Sender erst in ein paar Wochen sagen, und auch die Zahl der aktiven Nutzer ist nicht bekannt. Der Geschäftsführer des deutschen Joiz-Ablegers, Carsten Kollmus, geht bis Ende des Jahres von einem Marktanteil zwischen 0,4 und 0,5 Prozent innerhalb der Zielgruppe aus. Darüberhinaus hätten 164 000 User die Internetseite im März besucht, was im Halbjahresvergleich einem Wachstum von 160 Prozent entspricht.

Geld verdient der Sender derzeit allerdings noch nicht. Der Mutterkanal in der Schweiz brauchte dafür zweieinhalb Jahre. Deswegen spielen Werbespots, Brand Entertainment und Product-Placement bei der Vermarktung eine große Rolle. Die Zuschauer sehen in den Sendungen zum Beispiel Cola-Flaschen, auf denen der Namen des Talk-Gastes steht. Ein weiterer Kunde ist ein Kosmetikunternehmen, für das Joiz eine Dauerwerbesendung plant. Anfang Mai bietet die Marke ein Social-Media-Spektakel an, das „Joiz“ den ganzen Tag live begleitet. Die Woche zuvor strahlt der Sender eine Serie aus, die sich Tag für Tag mit diesem Event beschäftigt.

Lohnt sich da überhaupt klassisches, lineares Fernsehen? Alles nur noch Second Screen, oder was? Der Kommunikationswissenschaftler Christopher Buschow sieht in der Social-TV-Entwicklung nicht das Ende des gewöhnlichen Fernsehens, sondern ein Experiment: „Wir haben uns immer mit der Familie oder Freunden vor dem Fernseher unterhalten, haben gemeinsam gelacht oder gelästert.“ Nur finden die Unterhaltungen heute verstärkt im Netz statt. Dem virtuellen Wohnzimmer. Zusammen mit Bekannten und Fremden. Und den Gästen im TV-Studio.

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