Sonia Mikich im Interview : „Wir sollten an Schmerzgrenzen gehen“

Phoenix-Themenwoche Krieg und Frieden: Sonia Mikich, Chefredakteurin WDR Fernsehen, über unerträgliche Bilder, den Sinn von Kriegsreportern und der Stille nach dem Abzug.

Joachim Huber
Erfahren in Berichten aus Konfliktgebieten: Sonia Mikich, 63.
Erfahren in Berichten aus Konfliktgebieten: Sonia Mikich, 63.Foto: WDR

Frau Mikich, in der historischen Perspektive: War diese Welt jemals unfriedlicher?

Seit Alexander dem Großen kennt die Welt lange, überregionale Kriege mit hoher Opferzahl, auch in der Zivilbevölkerung, mit Verwüstung und Vertreibung. Was wir jedoch jetzt erleben, ist die rasante Verbreitung von Auseinandersetzungen mittlerer Gewalttätigkeit. Nicht Imperium gegen Imperium, nicht Staat gegen Staat, sondern vielmehr Ethnien, Regionen, Interessengruppen, Ideologien. Dazu Flüchtlingsströme, die Tausende das Leben kosten. Unerledigte Spannungszustände, die sich blutig entladen. Ja, „the world is a mess“, wie neulich Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright feststellte. Wir sind in einer neuen Welt-Unordnung.

Kriegsreporter, Kriegsfotografen – gibt es die noch, braucht es die noch für die eigene Berichtsperspektive? Mittlerweile kümmert sich doch jede Kriegspartei um ihren eigenen medialen Output. Kein neutraler Reporter kann näher dran sein.

Stimmt, Kriegsparteien benutzen Medien sehr effektiv. Die Gräuelvideos des IS sind Waffen, sie terrorisieren. Aber sie sind eindimensional. Gute Reporter, Fotografen, Kameraleute zeichnet aus, dass sie über den Tellerrand schauen, Kontext herstellen können. Dass sie über Widersprüche, verschiedene Perspektiven berichten. Dass sie Schwarz-weiß-Denken vermeiden. Dass sie das eigene Tun reflektieren. Ihre Arbeit ist ein Gegengift gegen Manipulation und Propaganda. Wer, wenn nicht kritische Journalisten?

Stichwort Ukraine-Konflikt: Welchen Quellen ist da wirklich zu trauen?

Ich vertraue unseren Korrespondenten, sie kennen ihre Regionen, sie bauen sich ein Informantennetz auf. Sie stehen für ihre Inhalte ein und können zur Verantwortung gezogen werden. Und müssen sich halt fragen: Wer will, dass ich etwas glaube und warum ...

Was ist den deutschen Fernsehzuschauern an Bildern zuzumuten? Spätestens bei Youtube gibt es das zu sehen, was ARD und ZDF nicht zeigen wollen.

Ich gehöre da vermutlich zu einer Minderheit und glaube nicht an Schonung der Zuschauer, der Leser. Krieg ist nicht clean. Wir sollten an die Schmerzgrenze gehen, denn der Horror eines Krieges ist grenzenlos.

Was ist der Fixstern einer angemessenen Berichterstattung über Kriege und Konflikte? Die Sichtweise der deutschen Außenpolitik vielleicht?

Auf keinen Fall sollen Journalisten Sprachrohr der Außen- und Sicherheitspolitik sein. Ganz einfach: Unsere zivilisatorischen Werte sind doch Fixstern genug. Menschenrechte, das Bekenntnis zur Toleranz, zur Friedfertigkeit und Meinungsfreiheit. Journalisten sollten Feindbilder vermeiden und Konflikte aus möglichst vielen Perspektiven verstehen wollen. Das wären ganz gute Leitplanken.

Gibt es neben aller Kriegs- auch so etwas wie eine Friedensberichterstattung?

Friedensjournalismus vermeidet, einen Konflikt nur als Tauziehen zwischen zwei Seiten darzustellen, denn dann können wir nur noch von Sieg und Niederlage sprechen. Wir müssen vermeiden, den Konflikt nur als Gewalt innerhalb einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort zu sehen. Handelt es sich um Frieden, wenn ein Vertrag unterschrieben wird? Welche Fragen sind offengeblieben und können in der Zukunft neue Gewalt auslösen? Wer bietet friedensschaffende Optionen, Ideen und Initiativen? Was sind die Folgen für die direkt und indirekt Betroffenen? Nicht nur auf den Horror fokussieren. Die Opfer eines Krieges sind verletzt, vertrieben, ausgebombt. Haben Tote zu beklagen. Aber sie sind nicht zur Passivität verdammt. Sie sind Subjekt ihres Lebens. Also nicht nur fragen, wie sie sich fühlen, sondern wie sie mit der Lage fertig werden wollen. Haben sie Forderungen, wenn ja, an wen?

Das klingt komplex, kompliziert, ja zäh. Da ist die Kriegsberichterstattung mit ihrer Action deutlich im Vorteil.

Friedensjournalismus gibt mehr wieder als die Ergebnisse von Pressekonferenzen der Kriegsparteien. Das Wesentliche: Kontinuität. Leider ist Kriegsberichterstattung eine Kette von „Breaking news“, von dramatischen Anfängen. Aber zu selten geht es dann weiter, wenn die Übertragungswagen wieder abgezogen sind. Ein Baum, der fällt, macht eben mehr Krach als ein Wald, der wächst.

Sonia Mikich, 63, ist Chefredakteurin WDR-Programmbereich Politik und Zeitgeschehen, moderierte von 2002 bis 2011 das ARD-Magazin „Monitor“. 1996 wurde sie – als erste Frau – Leiterin des ARD-Studios in Moskau.

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben