Sonia Mikich : Klare Kante

Angstfrei und mit Adlerblick: Ein Besuch bei der designierten WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich. Intendant Tom Buhrow hätte auch einen einfacheren Weg wählen können.

von
Am 1. Mai wird Sonia Mikich Chefredakteurin des WDR.
Am 1. Mai wird Sonia Mikich Chefredakteurin des WDR.Foto: WDR

Nur nicht ängstlich sein, verzagt oder, wie Sonia Seymour Mikich sagt, „trübtassig“. Wer die designierte Chefredakteurin in ihrem Büro im achten Stock des WDR-„Filmhauses“ in Köln besucht, erlebt eine ganz spezielle Mischung aus Charme, Begeisterungsfähigkeit und Angriffslust. Was sie zornig mache? „Ich mag Bullshit einfach nicht“, sagt sie in ganz und gar freundlichem Ton. „Ich mag gerne klare Ansagen.“ Später, bei der branchenüblichen Autorisierung der Zitate, fügt sie zwischen beide Sätze noch ein, dass sie auch Leute nicht möge, „die von der eigenen heißen Luft nach oben getragen werden“.

Mikich wird auch nach oben getragen, aber dass sie ihre Karriere dem Ausstoß heißer Luft zu verdanken habe, lässt sich nicht sagen. Am 1. Mai wird sie als Nachfolgerin des neuen Fernsehdirektors Jörg Schönenborn Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks. Die 62 Jahre alte ehemalige Korrespondentin und „Monitor“-Chefin zu berufen, war keine überraschende Idee des Intendanten Tom Buhrow, mit dem sie mal anderthalb Jahre im ARD-Studio Paris zusammenarbeitete. Aber Buhrow hätte wohl einen einfacheren Weg wählen können, Mikich sagt man nach, auch intern die klare Ansage zu bevorzugen.

Das haben die ARD-Granden zu spüren bekommen, als sie vor Jahren gegen die Verkürzung der Politmagazine stritt. Allerdings: Die „Monitor“-Chefin unterlag. Mikich behauptet, das nicht als Niederlage zu verbuchen. „Ich konnte die Verkürzung nicht verhindern, aber ich konnte noch mal klar machen: Diese Politmagazine sind nicht nur ein kleines Feuchtbiotop für die Old-School-Zuschauer, sondern sie bleiben relevant.“ Bei „Monitor“ lüftete sie ab 2002 durch und befreite das Magazin ein wenig vom Image verbissener Weltverbesserei. Mikich wirkte ebenso klar wie Vorgänger Klaus Bednarz, aber weniger belehrend, zog mit Ironie und Humor ins Feld und teilte auch gegen die anfangs noch amtierende rot-grüne Bundesregierung aus. Ob sie jetzt als Chefredakteurin einen neuen Anlauf wagt, um eine 45-minütige Sendezeit der Magazine durchzusetzen? „Nein, das ist abgehakt, da müssten viele guten Willens sein. Und wir haben es mit der ARD zu tun, nicht mit einer zentralistischen Kaderpartei“, sagt sie.

Nicht ängstlich sein, das hat Mikich schon als Moskauer Korrespondentin und Reporterin in Tschetschenien und Afghanistan bewiesen. Ein Foto im Büro zeigt das zerstörte Grosny, ein anderes ein Treffen der afghanischen Nordallianz, von dem sie als einzige westliche Journalistin berichtete. Darauf ist Mikich zu sehen, umringt von islamischen Kämpfern. Warum das Bild hier stehe? „Weil ich das liebe.“ Es sei eine ihrer lustigsten und zugleich heikelsten Reisen gewesen. Als Korrespondentin im Moskauer Studio sei sie sechs Jahre „in Champagnerstimmung“ gewesen, „weil ich jeden Tag das Gefühl hatte, ich schreibe an Geschichte mit. Zumindest die Fußnoten“.

Das Interesse an internationaler Politik hat sie in der Kindheit entwickelt. In Oxford geboren, wuchs Sonia Mikich in London auf, inmitten einer Community von Migranten. Der Vater war Jugoslawe, die Mutter Deutsche, im Elternhaus wurde über Politik gestritten. Als sich die Eltern trennten, zog sie als Zehnjährige nach Deutschland, lebte bei den Großeltern in Herne im Ruhrgebiet und später bei der Mutter in Mönchengladbach. In der katholischen Provinz ging sie in den 1960er Jahren mit lauter höheren Töchtern auf ein Mädchengymnasium, was Sonia Mikich als harte Zeit in Erinnerung hat.

Außenseiterin am Niederrhein

Als Teenager am Niederrhein war sie Außenseiterin, wie später auch als Journalistin in dem von Männern dominierten Ressort der Auslandsberichterstattung. Und wie erneut ab dem 1. Mai, dann ist sie nicht die erste, aber zurzeit einzige Frau in der Riege der Chefredakteure bei ARD-Sendern. Mikich ist überzeugt, „dass es in fünf Jahren besser aussieht“. Was sie „sehr frustriert“, ist dagegen, dass „im analytischen, investigativen, anstrengenden Hardcore-Journalismus“ nicht so viele Frauen zu finden seien. Sie selbst habe ein paar Mal im Leben selbstbewusst „Ich will“ gesagt, auch weil ihr Privatleben das immer erlaubt habe. „Ich habe keine Kinder und bin immer mit Männern zusammen gewesen, die mir eine lange Leine gegeben haben.“ Keine Kinder haben zu wollen, sei für ihre Generation selbstverständlicher gewesen als für heutige Frauen. Aber gleichzeitig sei die gesellschaftliche Sensibilität für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mittlerweile größer.

Sonia Mikich ist öffentlich-rechtlich durch und durch. Aber so ganz scheint sie nicht in diesen Laden zu passen, mit seiner Neigung zum Verwalten und Endlos-Debattieren. Das Wort „Amt“ für ihren neuen Job rutscht ihr im Gespräch hin und wieder raus. „Nein, kein ,Amt‘ sondern Superjob. Vorfreude und Respekt“, twitterte sie am 7. Februar, nachdem der WDR-Verwaltungsrat ihre Wahl zur Chefredakteurin bestätigt hatte. Vor wenigen Jahren war daran nicht zu denken: Mikich durchlitt 2011 nach einer missglückten Darmoperation eine mehrmonatige Krankenhaus-Odyssee und hatte den Tod vor Augen. Die existenzielle Erfahrung hat sie in einem Buch verarbeitet, doch ganz fertig ist sie damit nicht. „Es macht mir immer noch etwas aus, darüber nachzudenken. Es ging mir lange Zeit wirklich schlecht.“

Zurzeit ist Mikich Inlandschefin beim WDR, nun warte auf sie als Chefredakteurin „eine andere Flughöhe“. Sie müsse „einen Adlerblick entwickeln“, sagt sie. „Außerdem muss ich abgeben, delegieren können, nicht immer alles besser wissen wollen.“ Mikich will sich um Dokus und Reportagen kümmern, will „guten, originären Journalismus auch an Jüngere bringen“. Vor allem aber sei ihr die investigative Farbe „unendlich wichtig“, das Investigative in allen Informationsangeboten zu stärken, „soll auch der Sound meines Jobs sein“, erklärt sie. Dabei hatte im Herbst Intendant Buhrow einen strikten Sparkurs angekündigt. Für Mikich ist das kein Grund, „trübtassig“ zu werden. Dann hält sie ein flammendes Plädoyer für Crossmedialität, das Zusammenwachsen von Fernseh-, Hörfunk- und Internet-Redaktionen. Bei Redakteuren löst das eher Besorgnis aus, Mikich preist die Chancen: Man müsse die Leute dafür gewinnen. „Seid nicht ängstlich. Weg von der Behörde, weg vom Kästchen, hin zu einer wirklichen Identifizierung. Wir sind Journalisten und nicht nur Angestellte eines Unternehmens.“ Wenn man danach beschwingt Mikichs Büro verlässt, möchte man fast glauben, dass das bald genauso läuft beim großen WDR.