Sonntagsfrage : Politologen befürworten Umfragen kurz vor der Wahl

Erstmals will das ZDF kurz vor der Bundestagswahl Umfrageergebnisse veröffentlichen. Eine gute Idee, finden Politikwissenschaftler.

von und Sonja Álvarez
ARD-Moderator Jörg Schönenborn.
ARD-Moderator Jörg Schönenborn.Foto: WDR/Herby Sachs

Es war bislang die ungeschriebene Regel: Zehn Tage vor der Bundestagswahl veröffentlichten ARD und ZDF zum letzten Mal die Ergebnisse zur „Sonntagsfrage“, danach gab es bis zur ersten Hochrechnung am Wahlabend keine weiteren Trends mit prozentgenauen Angaben. Diese Regel will das ZDF nun brechen. Zum ersten Mal wollen die Mainzer noch drei Tage vor der Wahl am 22. September ein „Politbarometer“ ins Programm bringen. Ein Vorhaben, das umstritten ist.

So geht das ZDF offensichtlich davon aus, dass die Umfrageergebnisse das Wahlverhalten beeinflussen. Der Bürger treffe immer kurzfristiger seine Entscheidung, der Sender wolle deshalb dem Publikum sein von der Forschungsgruppe Wahlen gewonnenes Wissen nicht vorenthalten, begründete ZDF-Chefredakteur Peter Frey die Neuerung. Dem widerspricht der Parteienforscher Peter Lösche: „Wo die Bürger ihr Kreuz setzen, machen sie in der Regel nicht von Umfrageergebnissen abhängig.“ Die Ausnahme: Wenn Parteien knapp unter oder über der Fünfprozenthürde liegen würden, könnten sie von veröffentlichten Trends profitieren. Sie bekämen dann „Leihstimmen“ von den Wählern des wahrscheinlichen Koalitionspartners, damit der Einzug ins Parlament gesichert ist. „Der FDP kann also nichts Besseres passieren, als dass sie in der ZDF-Umfrage am Donnerstag vor der Wahl bei 4,5 Prozent liegt“, sagt Lösche.

"Leih"-Taktik kann nach hinten losgehen

Dass eine solche „Leih“-Taktik auch nach hinten losgehen kann, hat die Niedersachsenwahl im Januar 2013 gezeigt. Die FDP drohte den Umfrageergebnissen nach den Einzug in den Landtag zu verpassen und bekam ein Kreuz von CDU-Stammwählern – mit dem Ergebnis, dass der CDU entscheidende Stimmen fehlten, um wieder die Regierung mit der FDP bilden zu können. Heftig wurden die Demoskopen für ihre vermeintlich fehlerhafte Einschätzung kritisiert. Für die CDU waren um etwa fünf Prozent zu hohe Werte ermittelt worden, während die FDP mit etwa zehn Prozent der Stimmen dafür fast doppelt so viele Stimmen wie vorhergesagt erhielt. Dabei müssen die Demoskopen nicht falsch gerechnet haben – die Umfragen waren eben nur mehr als eine Woche alt, und weil sich die Wähler heute kurzentschlossener entscheiden, gibt es kurz vor der Wahl oft einen neuen Trend.

„Waren die Wahlen 1969 oder 1972 noch regelrechte Volksabstimmungen über die Ostpolitik, gibt es heute keine Themen mehr, die polarisieren. Die Parteien werden sich immer ähnlicher. Die CDU hat die Themen der SPD gekapert, und die stehen nur in der Flaute“, erklärt Lösche die Kurzentschlossenheit.

Sein Kollege Jürgen W. Falter, Parteienforscher an der Universität Mainz, verweist dazu auf Milieus, die heute kaum noch eine Rolle spielen: „Den Automatismus, dass das katholische Milieu CDU wählt und das gewerkschaftsnahe die SPD, den gibt es nicht mehr.“ Falter spricht sich dafür aus, dass die Medien Umfrageergebnisse noch kurzfristiger bekannt geben: „Der Samstag vor der Wahl wäre der ideale Zeitpunkt.“ Die Fernsehsender und Umfrageinstitute könnten so die Blamage vermeiden, sich auf veraltete Ergebnissen berufen zu müssen. Vor allem aber will er das Argument der ARD nicht gelten lassen.

So fürchtet ARD-Chefredakteur Thomas Baumann, dass kurzfristig veröffentlichte Ergebnisse eine unbeabsichtigte manipulative Wirkung entfalten – etwa kurz vor dem Wahltag den Eindruck erwecken, die Wahl sei bereits gelaufen – und damit eine Demobilisierung der Wahlberechtigten provozieren. „Das würde ja heißen, dass die Bürger in jedem Fall den Trends entsprechend taktisch wählen. Da ist es dann doch nur besser, dass sie das auf der Grundlage der neuesten Ergebnisse tun“, sagt Falter. Er bestätigt allerdings Lösche, dass es keinen wissenschaftlichen Beleg für eine solche Wahl-Taktik gibt.

Zwei Effekte seien bekannt: der sogenannte „Underdog“-Effekt, wonach die Wähler eine in den Umfragen schwächere Partei stützen wollen würden. Und der sogenannte „Bandwagon“-Effekt, bei dem die Wähler die jeweils stärkste Partei wähle, um zur Mehrheit zu gehören. „Aber die Wirkung beider Effekte ist gering, am Ende heben sie sich dann gegenseitig auf.“

In diese Kerbe schlägt auch Oskar Niedermayer, Politologe an der FU Berlin, Schwerpunkt Parteien- und Wahlforschung. „Es gibt eine ganze Reihe möglicher zum Teil gegensätzlicher Effekte publizierter Umfragen auf das Wahlverhalten.“ Es sei schwer, einen bestimmten Effekt in seiner Wirkung zu isolieren. Die Auswirkungen seien heute wohl auch stärker als früher, weil weniger Wahlberechtigte längerfristig an Parteien gebunden und daher kurzfristigen Einflüssen zugänglicher sind. „Ich bin der Meinung, dass zum viel beschworenen mündigen Wähler auch gehört, dass man ihm die für seine Wahlentscheidung notwendigen Informationen, unter anderem durch Wahlumfragen, bis kurz vor dem Wahltag liefert.“ Ob und wie die Wähler diese Informationen nutzen, zum Beispiel in Form eines taktischen, durch Koalitionspräferenzen motivierten Wahlverhaltens, sollte man nach Meinung des Politikwissenschaftlers ihnen überlassen.

Demnach macht also das ZDF alles richtig, die ARD ist zu ängstlich. Das Erste will seine Umfrageergebnisse letztmals zehn Tage vor dem Wahltermin verbreiten. WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn hatte in einem Interview gesagt, eine kurzfristige Veröffentlichung vor dem Ereignis könne einen „Kreislauf zwischen taktischen Wahlentscheidungen und neuer Entscheidungsgrundlage durch Umfragen in Gang setzen, der aus meiner Sicht dem demokratischen System nicht förderlich ist“. Die Angst vor einer Demobilisierung erscheint dagegen Moderator Friedrich Küppersbusch, der zurzeit im WDR mit seiner Sendung „Tagesschaum“ unter anderem den Wahlkampf beobachtet, nicht unbegründet. Er glaubt, „nicht zuletzt die wahlkämpfenden Parteien selbst wollen das Wissen lieber für sich haben.“ Manche SPD-Getreue könnten sich den Wahlgang demnach schenken, wenn es tags vor der Wahl nach „eh schon egal“ aussehe. „Manche CDU-Fans könnten sich andersherum auf gute Umfragen verlassen und zu Hause bleiben.“

RTL hat noch keinen Ausweg aus dieser Umfragen-Malaise gefunden. Bei der Bundestagswahl vor vier Jahren hatte der Kölner Privatsender bis Freitag vor der Wahl einen Tendenzwert veröffentlicht. Dieses Jahr ist RTL dagegen noch unentschlossen, wann die letzten Umfrageergebnisse veröffentlicht werden.

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