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Medien : Souplesse Royale

24.09.2004 00:00 UhrVon Harald Martenstein

„Der Freund“: Christian Kracht bringt eine neue, seltsame Kulturzeitschrift heraus

Die neue Zeitschrift „Der Freund“ erscheint im Axel-Springer-Verlag. Sie wird von Christian Kracht herausgegeben, der zwei gute Romane geschrieben hat, in denen es um Sinnsuche und Ähnliches geht. Sein Vater war früher ein großes Tier bei Springer. Kracht junior lebt in Bangkok. Geld ist bei den Krachts wahrscheinlich nicht das Problem. „Der Freund“ druckt keine Fotos und keine Anzeigen, beides kommt bei Literaturzeitschriften öfter vor, dann aber unfreiwillig. Hier ist es Programm. Die Redaktion sitzt – Achtung, der Clou – in Katmandu, Nepal, in der Freak Street. Globalisierung macht’s möglich. Die Redaktion besteht hauptsächlich aus Eckart Nickel, Krachts Bruder im Geiste.

Beide gehörten 1999 zur Crew des Buches „Tristesse Royale“, zum popliterarischen Quartett – die Popliteratur, man erinnert sich. Jetzt kann man schauen, was geistig daraus geworden ist. Auf der Autorenliste stehen, dies ist bitte wertfrei zu verstehen, die Namen der üblichen Verdächtigen: Benjamin von Stuckrad-Barre, Moritz von Uslar, Rebecca Casati, überraschenderweise auch der alte Nicolaus Sombart, der in der Berliner Gesellschaft die Charakterrolle des letzten Großbürgers übernommen hat.

Die Heftpremiere fand im obersten Stock des Springer-Hauses statt, dem Allerheiligsten des Konzerns, Mittwoch, an Axel Springers Todestag. In der – ansonsten auf Deutsch verfassten – Einladung stand der Satz: „Gentlemen are requested to wear neckties“. Wer kein Englisch kann, durfte auch ohne Krawatte kommen. Dazu, auf deutsch, der Satz „Ich bin in einer Art Ei aufgewachsen“ von David Lynch. „Welt“-Chefredakteur Roger Köppel hielt eine Rede, lobte die „Souplesse“ des Projekts, die Biegsamkeit, deutete aber Erstaunen darüber an, dass Springer so viel Souplesse finanziert. Am Eingang gab es Pressematerial, es war zum Teil auf nepalesisch. Kracht sagte, dass die Nepalesen wunderbare Menschen seien. Er sei allerdings bis vorgestern in Nordkorea gewesen. Dann trug er, sehr ausführlich, aus Kim Jong Ills Schrift „Über die Filmkunst“ vor, anschließend Ernst Jünger über die Wortkunst, wie sie sich über die Menschen, „dieses Gewürm“, erhebt. „Nun“, so schloss Kracht, „werden ihnen die jungen Damen das Magazin ,Der Freund‘ schenken.“ Kaminholz knackte, Gobelins plusterten sich, die Damen schwirrten aus und zwei Nepalesen begannen, auf ihren Saiteninstrumenten zu zirpen. Das Ganze wirkte so, wie man sich ein Kolonialbordell im Eschnapur des Jahres 1904 vorstellt. Hinterher erzählte Kracht: Einen Text von Kim Jong Ill, Mitglied in der Achse des Bösen, im Springer-Haus vorzulesen, so etwas hätten nicht einmal die 68er geschafft.

Gewiss. Es enthusiasmiert bloß niemanden so richtig. Der Versuch, die neue Zeitschrift mit erlesener und gleichzeitig rebellischer Aura aufzuladen, wirkte eher peinlich, unter anderem, weil zu dick aufgetragen wurde. Eine Freundin, die den jungen Kracht kannte, erzählte, dass er damals im spätherbstlichen Hamburg mit kurzen Hosen und Hitlerscheitel herumlief, um aufzufallen.

Bei Kracht und seinen Popfreunden mischen sich die historischen Bezüge und die Codes, es sind Fin-de-Siècle-Dekadenz, Dandytum, Sehnsucht nach Konventionen und Spaß an der Provokation dabei. Es ist nur ansatzweise politisch, lediglich eine ästhetische Haltung, der Versuch einiger nicht mehr ganz junger, wohlhabender und ratloser Männer, mit hochgezogenen Augenbrauen und abgespreiztem kleinen Finger von ganz oben herab auf die Welt zu blicken, im Grunde eine in die Lebensmitte verlagerte pubertäre Allmachtsfantasie. Je älter sie werden, desto weniger sexy sieht es aus, denn solche Posen lässt man nur der Jugend durchgehen. Sie spielen angestrengt etwas nach, die durchkoksten 20er Jahre, die Salons der Kaiserzeit, den kolonialen Lebensstil, genauso wie in den 70er Jahren die K-Gruppen den Klassenkampf nachgespielt haben. Ob Präsident Kim ein Killer ist, war den K-Gruppen auch schon egal. Es ist eine Farce, damals wie heute, weil gesellschaftlich nichts mehr dahinter steht, weder eine revolutionäre Arbeiterklasse noch ein intaktes Bürgertum, nicht einmal eine Idee, lediglich das Ego einiger Selbstdarsteller.

Auf dem Titelbild sitzt ein nackter Mann, der Rezzo Schlauch ähnlich sieht. Das erste Heft porträtiert Rolf Keppler, einen Nachfahren des Astronomen, der zu den Propheten der „Hohlwelttheorie“ gehört – folgt man dieser Theorie, leben wir alle im Inneren einer Hohlkugel. Nickel und Kracht sprechen über einen Besuch in der mit Kunst üppig bestückten Zentrale der Deutschen Bank. Kracht sagt: „Ich persönlich kann die gesamte Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts nicht ertragen.“ Ein Artikel trägt die Überschrift „Ein Problem entbabuschkaisiert sich vom Problem zur neuen Welt" und beginnt mit dem Satz: „Im letzten Herbst lagen mein Freund Eric und ich entspannt in zwei Liegestühlen auf der Terrasse unseres Hauses in Kalifornien und betrachteten den Sonnenuntergang, der sich in unseren Rotweingläsern spiegelte.“ Uslar schreibt in „Deconstructing Uslar“ über Uslar in der Schweiz. Ein langes Interview mit einem alten, vergammelten Werbetexter, der davon zehrt, einst den Spruch „Der Tag geht, Johnny Walker kommt“ erfunden zu haben, ist bewegend. Vladimir Sorokin hat Nonsense-Rezepte gedichtet, „Salat aus Liebesbriefen", „Herrensockenpastete", dieser Beitrag geht stark in Richtung Kalauer. Jenny Erpenbeck hat eine kurze Geschichte geschrieben. Nickel stellt selbstgebastelte Gedichte vor, bei deren Lektüre es einem die Schuhe geradezu von den Füßen reißt. Sombart beschreibt, wie Johannes Grützke zu Sombarts Geburtstag ein Sombartporträt gemalt hat und wie toll das für Sombart war: „Es herrschte ergriffenes Schweigen. Grützkes Bild leuchtete auf im Scheinwerferlicht. Der Jubel nahm kein Ende.“ Stuckrad schmäht Wladimir Kaminers Bücher („Spitzbubenscheiße, Schelmengelall“) in einer Kolumne, die Maxim Billers einstiger Kolumne „100 Zeilen Hass" stark ähnelt. Die Bilder dagegen – Zeichnungen, Stiche – sind allerliebst.

Was das Heft geistig zusammenhält, ist allein die Eitelkeit, die wir alle besitzen, die hier aber dem Leser in ungewohnter Radikalität entgegentritt. Eitle aller Länder, vereinigt euch! „Der Freund“ wird übrigens, falls jemand möchte, auch nach Übersee geliefert.

Schickes Accessoire, unentbehrliches Technik-Gadget oder gar Objekt der Begierde – das iPhone von Apple. Für einige überlebenswichtiges Must-Have, für andere überteuertes Erwachsenenspielzeug: Die neue Generation des Kultprodukts führt den Mythos fort.
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