Sparten-TV : Die Bayern sollen’s richten

Weniger Quote, weniger Werbeeinnahmen: Der männeraffine Sender Sport1 reagiert ratlos auf seine Talfahrt. Nun laufen auch noch Verträge mit Kabelnetzbetreibern aus.

Jörg Seewald
Ohne Besserwisser geht’s nicht. Den „Doppelpass“ als Leuchtturm müsse man hegen und pflegen, sagt der Sender. Der sonntägliche Talk mit den sogenannten Fußballexperten hat noch eine Durchschnittsreichweite über eine Million Zuschauer. Foto: Promo
Ohne Besserwisser geht’s nicht. Den „Doppelpass“ als Leuchtturm müsse man hegen und pflegen, sagt der Sender. Der sonntägliche...

Fast mantramäßig wiederholt Michael Röhrig den Satz: „Wir müssen unsere Leuchttürme stärken.“ Röhrig ist Sprecher von Sport1 und muss nach vorne blicken. Ein Bericht des Mediendienstes „Kontakter“ hatte nachgerechnet, dass die Quotenkurve des Senders deutlich nach unten zeige, dass die Werbeerlöse zurückgingen und die personelle Fluktuation eine immer schnellere Fahrt aufnehme. Der „Kontakter“-Artikel befeuerte Übernahmespekulationen und verriet, dass sich Beraterfirmen die Klinke in die Hand geben im Glaspalast in Ismaning. Die Belegschaft sei „zutiefst beunruhigt“. Was tun, Sport1?

In den vergangenen Tagen um Weihnachten herum war von dieser Belegschaft kaum jemand zu sehen. Kicker und Billardtisch stehen verwaist auf den Fluren. Sport1 hat auf die Berichterstattung defensiv reagiert. „Weder geben sich bei uns Unternehmensberatungen ,die Klinke in die Hand’“, um Sparpotenziale zu durchleuchten, noch sind unser Mitarbeiter „zutiefst beunruhigt“. Zu den Verkaufsspekulationen hat Bernhard Burgener, Vorstandsvorsitzender der Constantin Media AG, bereits mehrfach erklärt, dass ein Verkauf der Sportsparte nicht zur Diskussion steht – allenfalls eine Beteiligung am Sportsegment, wenn damit Wachstum verbunden wäre. Die Behauptung, dass Sport1 sich in schweren Turbulenzen befinde, werde mit Nachdruck zurückgewiesen.

Fragen nach Personalentscheidungen und Programmreformen werden mit dem Verweis auf Arbeitsgruppen beantwortet, die „mit Hochdruck“ arbeiten. Burgener, seit dem Ausscheiden des nur neun Monate agierenden Geschäftsführers Thilo Proff nun selbst Geschäftsführer von Sport1, will sich nicht äußern. Ein Branchenkenner stellt die Frage, warum sich ein Minderheitsinvestor auf eine Millioneninvestition einlassen solle, wenn kein Konzept für eine erfolgreiche Wende zu sehen sei. Sport1 werde das Jahr 2012 zwar noch mit schwarzen Zahlen abschließen, weil es erfolgreich begann und zuletzt aus Einsparungen bei Lizenzkosten und niedrigeren Aufwendungen für bezogene Leistungen profitierte.

Die letzten Monate zeigten quotentechnisch und bei der Werbung einen Abwärtstrend, der viel mit der Aufweichung des Sportsenders zu einer männeraffinen Abspielstation zu tun hat. Statt Kernsportarten tummelt sich das „SEK Ludolf“ vom Schrottplatz im Abendprogramm. Am ersten Weihnachtstag testeten „PS Profis“ Gebrauchtwagen. Wie schlimm es um den Sender bestellt sein muss, zeigte sich am Sonntag vor Heiligabend bei einem beliebten Fußballtalk. „Den ,Doppelpass’ als Leuchtturm muss man hegen und pflegen“, sagte Röhrig, „der ,Doppelpass’ hat eine Durchschnittsreichweite von über eine Million Zuschauer. Das ist eines der wichtigsten Formate.“ Am Samstag vor Weihnachten meldeten alle Zeitungen die überraschende Verpflichtung von Dieter Hecking als Trainer beim VfL Wolfsburg. Eine perfekte Vorlage für den sonntäglichen „Doppelpass“. Doch der Zuschauer wurde Zeuge einer Diskussion um die Entlassung von Huub Stevens auf Schalke. Sport1 sendete eine Wiederholung der „Doppelpass“-Ausgabe der Vorwoche.

Nach dem Wechsel des Geschäftsführers Zeljko Karajica im März zu Pro7Sat 1 verließen weitere Sport1-Urgesteine das sinkende Schiff. Im August demissionierte der Plazamedia- und „Constantin Sport Medien“-Chef Florian Nowosad, der 1993 zur Gründungscrew des Deutschen Sportfernsehens gezählt hatte. Am 15.12. folgte ihm der kaufmännische Geschäftsführer Markus Maximilian Sturm, der seit 2001 für die Constantin Medien und seit 2009 für Sport1tätig war. Bernhard Burgener müsste allein neue Impulse setzen. Doch der Chef der Constantin Medien gilt eher als kulturell interessierter Schöngeist. Mit Sport, so Insider, habe er eher weniger am Hut. Außerdem sei die Rettung von Sport1 ein Fulltimejob und nicht von Burgener in einer täglichen halben Stunde zu erledigen, merkt ein anderer an.

Der Sender lag vor fünf Jahren in der werberelevanten Zielgruppe bei 1,1 Prozent, in der vergangenen Saison pendelte man sich bei 0,8 Prozent ein. Im Oktober 2012 landet man mit Bud-Spencer-Filmen, den Ludolfs und erotischen Call-in-Shows bei 0,6 Prozent. Was aber, wenn die Relevanz des Senders infrage gestellt wird und sich das auf die technische Verbreitung (zur Zeit bundesweit 80 Prozent) auswirkt. „Was will ein Sportsender, der nur noch Randsport zeigt und immer weniger Zuschauer hat in den Kabelnetzen? Werden da nicht andere Sender wie Dmax interessanter?“, fragt ein Freund des Senders. Auf vielen Sendern wie Kabel Eins spielen deutsche Bundesligavereine fast täglich in internationalen Wettbewerben. Die sogenannten Spitzenspiele in der zweiten Liga, die als weiterer Sport1-Leuchtturm am Montagabend solange für Quoten sorgten, wie da Traditionsvereine aufeinandertrafen, haben an Strahlkraft verloren. „An manchen Abenden könntest du die paar Fans mit Handschlag begrüßen“, berichtet einer, der es wissen muss. „Sport1 sollte überlegen, ob es Rechte an der Dritten Liga erwirbt. Wenn sich da die zweiten Mannschaften von Dortmund und Bayern München begegnen, ist das allemal attraktiver.“

Die Strahlkraft der Münchner Fußballhelden soll‘s sogar in der deutschen Basketball-Bundesliga für Sport1 richten. Wenn Bayern München live bei Sport1 gezeigt wird, hofft man auf die Anwesenheit von Basketball-Fan Bastian Schweinsteiger. Einstweilen feiert man in Ismaning die kleinen Erfolge. Bernd Burgener kündigt in seinem Vorwort an die Aktionäre der Constantin Medien AG im dritten Quartalsbericht den „Ausbau der Multimedia-Strategie für unser Dachmarke Sport1“ an. Burgener warnt aber auch davor, dass Kabelnetzbetreiber wie Kabel Deutschland während des laufenden Vertrags zur analogen Verbreitung von Sport1 von einem gesonderten Kündigungsrecht Gebrauch machen könnten. Ein „ähnliches Risiko“ bestehe beim erfolgreichen Pay-TV-Ableger Sport1+, der im Gegensatz zum Free-TV-Sender nur Sport zeigt, seit Dezember zum Beispiel die amerikanische NFL exklusiv in deutscher Sprache. Hier enden die Verträge mit der deutschen Telekom, Kabel BW, Kabel Deutschland und Unitymedia sogar schon 2013. In diesem Jahr entscheidet sich das Schicksal von Sport1.

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