Medien : Sperrige Wahrheiten

Mehr Ansehen als Bedeutung: „Nowaja Gaseta“, das Blatt der Anna Politkowsjaka

Elke Windisch[Moskau]

Sie sind tapfer, engagiert und bürsten gegen den Strich. Nur: Kaum einer merkt es. Der russische Präsident Wladimir Putin, der sich dieser Tage in Dresden, als er den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja kommentierte, in ähnlichen Worten über die „Nowaja Gaseta“ ausließ, hat ausnahmsweise einmal recht.

Zwar liest sich das Impressum der Zeitung, die seit 1998 zweimal wöchentlich erscheint, wie das Adelsregister des russischen Journalismus. Vorneweg die getötete Anna Politkowskaja. Gut die Hälfte der gegenwärtig rund 30 Mitarbeiter des Blattes gehört zu den absoluten Stars der Branche, darunter Julia Latynina, eine Mittvierzigerin mit feuerroten Haaren und scharfer Zunge, der Militärexperte Pawel Felgenhauer oder der Reporter Roman Schlain, ein Mann, knapp dreißig und mit großen sanften Kinderaugen. Einst waren sie die Aushängeschilder etablierter überregionaler Tageszeitungen mit einer Auflage in Millionenhöhe. Als Putin kurz nach seinem Machtantritt im Frühjahr 2000 zum „Befreiungsschlag“ gegen alle ausholte, die durch kritische Distanz zum Kreml und unfreundliche Berichterstattung aus Tschetschenien aufgefallen waren, wurden sie aus ihren Redaktionen gemobbt oder warfen selbst das Handtuch und wechselten – meist als freie Autoren – zur „Nowaja Gaseta“.

Ihre Kommentare und vorausschauenden Analysen, vor allem aber ihre Enthüllungsstorys haben es in sich und bringen staatsfromme Politiker und Oligarchen zum Aufjaulen. Denn die Geschichten sind durchweg gut recherchiert, die Beweisführung ist wasserdicht. Wohl auch, weil die „Nowaja Gaseta“ sich nicht nur auf ein dichtes Netz von Korrespondenten in Russland und den ehemaligen Unionsrepubliken stützen kann. Anonym wirken an den Geschichten offenbar auch Informanten mit, die in Kreml-Administration und Regierung hohe Ämter bekleiden. Die „Nowaja Gaseta“ hat daher noch nicht einen Prozess verloren. Obwohl es bei den meisten Verfahren um mehrere Millionen Dollar ging. Für das Blatt – und das ist gewollt – der sichere Untergang.

Mit finanziellen Problemen kämpft die Zeitung, seit sie 1998 zum ersten Mal erschien. Die Gehälter lagen und liegen erheblich unter dem, was sonst bei Moskauer Zeitungen üblich ist, das Angebot in der Kantine ist sehr übersichtlich, die Möbel, Computer und die Drucktechnik sind etwas angejahrt. Die Zeitung erscheint in einer Auflage von 520 000 Exemplaren – andere Blätter wie die „Iswestija“ verkaufen fünf Millionen Exemplare, „Komsomoskaja Prawda“ fast 20 Millionen – und wird fast ausschließlich in Moskau und den umliegenden Regionen Zentralrusslands verkauft. Zum einen scheitert der landesweite Vertrieb an den Kosten, bedingt durch Entfernungen von bis zu 10 000 Kilometern, vor allem aber auch an mangelnder Nachfrage.

Trotzig weigerten sich die Macher von Anfang an, aus ihrer Zeitung ein Massenblatt zu machen. Daraus zogen nicht nur Werbeträger, sondern auch die Leser schnell ihre Konsequenzen. Die Texte sind lang, teilweise sogar sperrig und sehr anspruchsvoll, durch die Bleiwüsten quälen sich daher vor allem regimekritische Intellektuelle auf der Suche nach Bestätigung ihrer Ansichten. Und gelesen wird sie auch von den in Moskau akkreditierten Korrespondenten westlicher Medien, wenn es um „heiße Themen“ geht. Dadurch wird sie im Westen ziemlich häufig zitiert und bekommt dort eine Bedeutung, die sie in Russland real nicht hat.

Mit der Unabhängigkeit dürfte es 2007 ohnehin vorbei sein. Anfang Juni wurden 49 Prozent der Anteile des Blattes, das bis dahin allein der Redaktion gehörte, verkauft: an Altpräsident Michail Gorbatschow und den Milliardär Alexej Lebedjew, Duma-Mitglied für die Kreml-Partei „Einiges Russland“. Hoffnungen auf einen „Aktientausch gegen Investitionen, bei dem die Redaktionspolitik nicht angetastet wird“, wie Chefredakteur Dmitrij Muratow schmallippig ankündigte, dürften ein frommer Wunsch bleiben.

Vor Gorbatschow, der sich über seine Stiftung mit zehn Prozent bei der „Nowaja“ einkaufte, warnte auch Wladimir Kara-Mursa; der Journalist, er war einer der Stars des kritischen TV-Senders NTW, bis ihn der staatsnahe Konzern Gasprom 2001 übernahm, sagte, Gorbatschow sei als „Schutzschild gegen den Einfluss des Kremls nur sehr bedingt tauglich“. Kompromisse bei der „Objektivität der Berichterstattung“ seien unvermeidlich, dem Blatt drohe „signifikanter Vertrauensverlust“.

Derlei Befürchtungen sind nicht aus der Luft gegriffen. Bei der Bekanntgabe des Deals warf Gorbatschow zunächst westlichen Medien vor, ein negatives Russlandbild zu zeichnen, um sich dann rückhaltslos hinter die Politik Putins zu stellen, die er zuvor des Öfteren kritisiert hatte: Putin sei der Garant für Stabilität, auch in Tschetschenien.

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