"Spiegel"-Relaunch : Jetzt wird’s persönlich

„Der Spiegel“ erscheint an diesem Montag im neuen Gewand. Das Magazin läuft orange an, erneuert sein Layout und lässt mehr Autoren meinen. Aber Veränderungen sind nicht gleich Verbesserungen.

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Das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat ein neues Layout.
Das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat ein neues Layout.Foto: dpa

Das Wir bestimmt. Das neue Layout des „Spiegel“ ist ein Gesamt(kunst)werk. Damit diesen Willen zur Einheit auch jeder mitbekommt, zeigt die „Hausmitteilung“ ein Foto mit Chefredakteur Wolfgang Büchner, seinen Stellvertretern Klaus Brinkbäumer und Clemens Höges sowie Art Director Uwe C. Beyer vor einer Wand mit Titelentwürfen. Sämtliche Novitäten seien gemeinsam konzipiert.

Sichtbar ist das schon auf der Titelseite, die im neuen Heft neben der Hauptgeschichte „Die Wohlstandslüge“ drei weitere Themen zeigt, darunter „Zweifel an Guardiolas Spielkonzept“. Die letzte Layout-Reform liegt mehr als 17 Jahre zurück. Ziel sei kein „Radikal-Relaunch“ gewesen, sondern es sei um „sinnvolle Verbesserungen“ gegangen, darunter „ein größerer Satzspiegel und eine klare Bildsprache“. Auffällig ist auch das neue Inhaltsverzeichnis, das jetzt alle Themen auf einer Seite bündelt. Im Inneren werden die Texte von großen Fotos begleitet. Und auch das ist eine Premiere: Das gewohnte Orange des Titelrahmens wird zur Leitfarbe quer durchs Magazin und verdrängt das bisher dominierende Rot. Das Orange zur Kennzeichnung von Ressort und Stichworten wird dezent eingesetzt. Eine Verwechslungsgefahr mit „Handelsblatt“, ZDF, CDU, Piratenpartei und BSR („We kehr for you“) ist nicht gegeben.

Neu im "Spiegel": Ein Leitartikel ohne Autorennamen

Zum betonten Wir-Gefühl gehört auch der neue Leitartikel zur Hefteröffnung. Der Text erscheint ohne Autorennamen. „Wir werden damit als Redaktion, als Spiegel, jede Woche Stellung beziehen zu einem großen Thema der Zeit“, schreibt Chefredakteur Büchner. Laut der Einerfür-alle-Meinung muss Deutschland im Ukraine-Konflikt entschiedener auftreten – reden, verhandeln und notfalls Sanktionen mittragen, selbst wenn sie dem deutschen Bruttosozialprodukt wehtun.

Mehrfach ist in dem Stück von „Haltung“ die Rede. Für die Chefredaktion offenbar ein Schlüsselwort und eine Handlungsanweisung. Denn neben aller formaler Modernisierung soll der Leser herausgefordert werden. „Dem Wunsch, mehr Meinung und mehr Haltung ins Blatt zu bringen“, wird gefolgt. Zwei neue Kolumnenplätze sind installiert. „Im Zweifel links“ heißt das Label von Jakob Augstein, der Kanzlerin Merkel als „Mitarbeiterin des Monats“ im Weißen Haus karikiert. Zum Ausgleich wird Jan Fleischhauer das Weltbild aus der konservativen Ecke geraderücken. Augstein und Fleischhauer arbeiten bereits für Spiegel Online als verhaltensauffällige Agitatoren, offenbar soll Print eine Online-Dividende einstreichen. Schriftstellerin Juli Zeh ist die Dritte im politisch gemeinten Bunde, in der Kultur wechseln sich Dirk Kurbjuweit („Der Wutbürger“), Elke Schmitter und Claudia Vogt auf der Kolumnenstrecke ab. Passt das zusammen? Mehr persönliche Meinungsartikel und ein Leitartikel ohne Autor? „Der Spiegel“ bietet Neuerungen, staunenswerte Verbesserungen jenseits der luftigen Optik fallen nicht auf.

Am interessantesten ist, was fehlt – die angekündigte Satireseite unter Anleitung von Martin Sonneborn. Es gibt keinen größeren Peinlichlichkeitsfaktor als Humor, der nicht lustig ist. Dann lieber humorlos.

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