Staats-TV in Russland : Rossija im Riefenstahl-Look

Russlands Staatssender sind zwar nicht unabhängig, aber dafür perfekt gemacht. Sogar die politischen Gegner müssen dies anerkennen.

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Putin spricht. Wenn Russlands Präsident auftritt, hat er das uneingeschränkte Interesse des Staatsfernsehens, was nicht gleichbedeutend mit dem Interesse aller Bürger ist.
Putin spricht. Wenn Russlands Präsident auftritt, hat er das uneingeschränkte Interesse des Staatsfernsehens, was nicht...Foto: Reuters

Ein Volk, ein Präsident, ein Fernsehen. Russland kommt einschlägigen Fantasien von Politikern mit straff zentralistischem Führungsstil immer näher. Zwar kann die Masse der Bevölkerung sich dank Kabel, Satellitenschüssel und inzwischen auch Internet durch Dutzende Kanäle zappen. Doch die scheinbare Vielfalt ist nicht gleichbedeutend mit Pluralismus. Kritische Sender fristen als Bezahlfernsehen ein Nischendasein und kommen – seit Abo-Sendern untersagt ist, sich zugleich durch Werbung zu finanzieren – zunehmend in Bedrängnis. Und für ein gebührenfinanziertes, öffentlich-rechtliches Fernsehen ist die Nation offenbar auch noch lange nicht reif. Sanft entschlief ein von Russlands damaligem Präsidenten Dmitri Medwedew 2010 auf den Weg gebrachter Versuch. Gähnend griff der Zuschauer zur Fernbedienung und wählte Bewährtes. Den staatsnahen Ersten Kanal, vor allem aber die Sender der staatlichen Rossija-Familie.

Wer sich über das politische Geschehen informieren will, hat kaum Alternativen. Breitbandanschlüsse für schnelles Internet sind nur in urbanen Ballungsräumen verfügbar. Elektronische Medien in Privathand aber haben mit Politik wenig am Hut. Kritik am System ist im Wortsinn existenzgefährdend und Propaganda kann die staatliche Konkurrenz – vor allem Rossija-1 entschieden besser.

98,5 Prozent des russischen Staatsgebiets und damit auch fast hundert Prozent der Bevölkerung erreicht der Sender. Dazu kommen mindestens 50 Millionen Zuschauer in den anderen UdSSR-Nachfolgestaaten sowie Millionen Exilanten und sprachkundige Freunde Russlands im Ausland. Wegen unterschiedlicher Zeitzonen und Sehgewohnheiten in Westeuropa und den USA seit kurzem mit gleich zwei Vollprogrammen. Denn Geld spielt keine Rolle. Der Sender finanziert sich mit Staatsrubeln und langen Werbeblöcken. Damit macht Rossija – wenn man die politische Indoktrination außen vor lässt – sogar ein Programm, das die Konkurrenz im Westen zuweilen recht blass aussehen lässt.

Krimis, Blockbuster oder flachsinnige Komiker gibt es immer noch. Inzwischen aber auch viele interessante und aufwendig produzierte Dokumentationen und anspruchsvolle Spielfilme. Fiktion und Non-Fiktion gehen mit Historie und Gegenwart zuweilen so kritisch um, dass man um die Karriere der Macher bangt. Auch bei den Serien, die die billigen Telenovelas mit Untertiteln aus der Gründerzeit längst verdrängt haben. Sie spielen in Russland, die Protagonisten werden als volksnah und glaubwürdig wahrgenommen.

Die Perfektion überrascht sogar den politischen Gegner

Diesen Vertrauensvorschuss reizen die Informationsprogramme gnadenlos aus. Inszeniert werden sie inzwischen mit einer Perfektion, die Experten, auch wenn sie ideologisch auf der anderen Seite der Barrikade stehen, in Ehrfurcht erstarren lässt. Vor allem jene, die in den Gründerjahren beim Zählen von Kamera- und Schnittfehlern in einem Dreiminüter nicht nur beide Hände, sondern auch die Füße brauchten. Über manche Einstellung wäre Leni Riefenstahl happy. Betörend schöne, mit hohem Zeitaufwand komponierte Bilder, die sich auch in das Unterbewusstsein rational veranlagter Zuschauer einbrennen. Dazu kommt Exklusivität: Wenn Kamerateams des Kreml-Kanals anrücken, stehen selbst Gasbarone in der Arktis und Viersternegeneräle, die der Konkurrenz eiskalt den Rücken zeigen, stramm.

Zwar ist Dmitri Kisseljow, ein bulliger Endfünfziger mit glatt rasiertem Schädel, der den politischen Wochenrückblick Sonntagabend zur Primetime moderiert und gleichzeitig Moskaus Auslandspropaganda zu verantworten hat, als antiwestlicher Poltergeist und bekennender Schwulenhasser durchaus umstritten. Doch Rossija hat viele Gesichter: Junge, sympathische, die hör- und sichtbar hinter dem stehen, was sie – meist im Casual Look – zu verkünden haben. Auch, weil sie exzellent bezahlt werden.

Die unabhängigen Sender konnten nichts entgegen setzen

Marianna Maximowskaja dagegen, die Moderatorin der letzten unabhängigen politischen Talkshow, die der Privatsender Ren-TV gerade abgesetzt hat, hatte außer einem schlichten Studio, in dem offen und live geredet wurde, wenig zu bieten. Kein landesweites Korrespondentennetz, das bunte Bilder liefert, keine hochkarätigen Interviewpartner. Nur der Name der Show – Itogi (übersetzt: Bilanz) – erinnerte vage an das fulminante Politmagazin des kremlkritischen NTW, den Putin 2003 mit fadenscheinigen wirtschaftlichen Argumenten plattmachen ließ. Und Maximowskaja selbst, die einstige NTW-Anchorwoman.

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