Stellenausschreibung : Tante ohne Selbstbewusstsein

Die BBC verliert an Bedeutung. Ein neuer Chef soll neuen Erfolg bringen. Das Anforderungsprofil ist ehrgeizig: Der Nachfolger von Mark Thompson soll den Sender für die Medienwelt in zehn oder 15 Jahren machen.

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Zu viele Promis, zu wenig Niveau. Die BBC wurde auch für ihre Berichterstattung zum 60. Thronjubiläum der Queen, hier mit Mann Prinz Philip, heftig kritisiert. Foto: dpa
Zu viele Promis, zu wenig Niveau. Die BBC wurde auch für ihre Berichterstattung zum 60. Thronjubiläum der Queen, hier mit Mann...Foto: dpa

Nach acht harten Jahren Dauerbeschuss zieht sich BBC-Generaldirektor Mark Thompson zurück. Hörer und Zuschauer des altehrwürdigen öffentlich-rechtlichen Senders in Großbritannien sind anspruchsvoller, der Wettkampf härter, die Neider mehr und der Geldfluss aus den Rundfunkgebühren weniger geworden. Auch deshalb soll Thompsons Nachfolger nicht mehr ein Jahresgehalt von rund einer Million Euro bekommen, sondern mindestens ein Drittel weniger.

Die Anforderungen sind geblieben. Der siegreiche Kandidat brauche „die Weisheit eines Aristoteles und die Schlagkraft eines Wayne Rooney“, erklärte Lord Patten, der als Chef des BBC-Aufsichtsgremiums „BBC Trust“ verantwortlich für das Auswahlverfahren ist. Die interne Jobanzeige ist weniger griffig. Gesucht wird eine „redaktionelle, operationelle und kreative Führungskraft mit einer starken, klaren Vision“. Der oder die Neue soll den angesehensten öffentlich-rechtlichen Sender der Welt „fit für die Medienwelt in zehn oder 15 Jahren machen“.

Dabei strauchelt die BBC schon in der Multimedia-Welt von heute, glauben die Kritiker. Ihnen wäre genug, der neue „DG“, also der neue „Director General“, würde „Auntie“ wieder selbstsicherer und maßgeblicher machen und ihr Originalität und die arrogante Verachtung für das Gängige und Naheliegende zurückgeben. „Die BBC braucht wieder eine Identität“, so TV-Veteran Jonathan Dimbleby.

Zuletzt gab es Prügel wegen der Berichterstattung zum „Diamond Jubilee“, dem Diamantenen Kronjubiläum. 5000 Zuschauerbeschwerden, ein Aufschrei über „Dumbing Down“, Niveauverlust, Mangel an historischem Bewusstsein. Die Queen wurde als „königliche Hoheit“ statt „Majestät“ bezeichnet, aber was die Zuschauer zur sachlicheren Übertragung von Sky News trieb, war das seichte Geschwätz in den Kommentatorenkabinen. Statt Stimme der Nation zu sein, präsentierte die BBC die Bootsparade als höhere Promiveranstaltung. „Geisttötend“, so ein Minister.

Das Debakel reiht sich in eine Reihe von BBC-Krisen ein, die alle an der Rundfunklegende kratzten, aber keinen bleibenden Schaden anrichteten. Erst die Managementexperimente des früheren „DG“ John Birt, die als Attacken auf freie Kreativität gesehen wurden. Dann 2004 der große Tadel der Lord-Hutton-Kommission an der Berichterstattung zum Irakkrieg, der Birts Nachfolger Greg Dyke den Kopf kostete.

Dykes Nachfolger Thompson wurde Verschwendung vorgeworfen, Medienkonkurrent Rupert Murdoch und die Tories attackierten die marktbeherrschende Position der BBC und die wettbewerbsverzerrende Zwangsabgabe der Rundfunkgebühren. Die massive Internetpräsenz der BBC zerstöre Magazine und Lokalzeitungen.

Auch Kritik an den kulturellen Positionen der BBC wuchs. Statt satzungsgemäßer Unparteilichkeit stehe die BBC für „Staatsaktivismus, Korporatismus, Unternehmensfeindlichkeit und Europhilie“, schrieb Londons Bürgermeister und Hobby-Kolumnist Boris Johnson im „Daily Telegraph“ und forderte zu allseitigem Entsetzen einen Tory an der Spitze der BBC.

Der neue Generaldirektor muss die BBC aus dem Hagel dieser Kritik in die Mitte des Meinungsspektrums zurückführen. Die BBC soll billiger werden, weniger in den Wettbewerb der Kommerziellen eingreifen, ein bisschen weniger dem Promikult huldigen und den von BBC-Gründer Lord Reith formulierten Sendeauftrag – „Informieren, Bilden, Unterhalten“ – auf höherem Niveau erfüllen, natürlich ohne universelle Relevanz zu verlieren, die Voraussetzung ihrer Gebührenfinanzierung ist. 2016 muss, wie alle zehn Jahre, die „BBC-Charter“, de facto die Rechtsgrundlage der BBC, erneuert werden.

Fünf namentlich bekannte Job-Bewerber und Unbekannte werden nun auf Herz und Nieren geprüft. Vier sind interne BBC-Kandidaten, darunter Caroline Thomson, eine ehemalige Managerin des BBC World Service mit großer Erfahrung in Charter-Verhandlungen, die schon wegen ihres Geschlechts als Spitzenkandidatin gilt. Lord Patten sieht sich auch bei Außenseitern um. Gerüchte, die Easy-Jet-Chefmanagerin Carolyn McCall werde angeheuert, wurden von ihr selbst dementiert. Einzig bekannter Außenseiter-Kandidat ist kurioserweise der bisherige Leiter der Rundfunkaufsichtsbehörde Ofcom, Ed Richards – dem die BBC nicht unterstellt war, der dafür alle Geheimnisse der kommerziellen Konkurrenten kennt. Mitte Juli sollen Name und Programm des neuen „DG“ bekannt werden.

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