Medien : Streik und Streit in Danzig

Solidarnosc-Heldin: Schlöndorff-Film beleidigt mich

Katarzyna Tuszynska

Auf dem Holztisch in Anna Walentynowiczs Wohnzimmer im Danziger Stadtteil Wrzeszcz türmt sich ein Stapel von Briefen – Ausdruck des Kampfes der ehemaligen Kranführerin und SolidarnoscGründerin mit dem deutschen Regisseur Volker Schlöndorff. Es geht um den neuen Film des Oscar-Preisträgers, für den Ende Oktober die Dreharbeiten auf der berühmten Danziger Werft begannen. Er heißt „Eine vergessene Heldin“ und sollte eigentlich Anna Walentynowicz und ihrer wenig bekannten Hauptrolle beim Ausbruch der Streikbewegung auf der Leninwerft vor 25 Jahren ein Denkmal setzen. Doch die 76-Jährige wehrt sich gegen Schlöndorffs Sicht ihrer Geschichte.

„Bis zum Beginn der Dreharbeiten hatte sich Schlöndorff mit mir gar nicht in Verbindung gesetzt“, klagt Walentynowicz. Dass auf der Werft ein Film über ihr Leben entsteht, habe sie erst von einer befreundeten Schauspielerin erfahren. „Ich habe Schlöndorff zur Freigabe des Drehbuchs zwingen müssen“, erzählt Anna Walentynowicz. „Viele Fakten meines Lebens werden in dem Film gezeigt. Es kann sich um keine andere Person handeln“, meint sie, „gleichzeitig hat man mir aber viele negative Eigenschaften zugeschrieben.“ Anna Walentynowicz wirft dem deutschen Regisseur vor, mit seinem neuen Film ihren guten Namen zu zerstören. In dem Drehbuch „bin ich eine Analphabetin, eine Säuferin, und die Werft wird als ein großes Diebesnest dargestellt“.

Nach dessen Lektüre forderte sie den sofortigen Abbruch der Dreharbeiten. „Schlöndorff versprach mir dann, dass er ein neues Drehbuch schreiben lässt. Das hat er nicht getan. Es wurde nur der Name der Filmheldin geändert. Und nach diesem Drehbuch wurde der Film gedreht.“

Inzwischen hat Anna Walentynowicz den in Köln ansässigen polnischstämmigen Rechtsanwalt Andrzej Remin mit der Vertretung ihrer Interessen beauftragt. In einem Brief an Anna Walentynowicz Ende Dezember kündigte Remin an, er werde bald ein Gespräch mit Schlöndorff vereinbaren. Der Regisseur soll inzwischen bereit sein, einige Szene aus dem Film herauszuschneiden. Walentynowicz jedoch will hart bleiben: „Ich bin mit dem ganzen Drehbuch nicht einverstanden“, erklärt sie. „Ich werde mir die Szenen nicht mehr anschauen. Schon ein Mal habe ich Schlöndorff vertraut, als er mir versprochen hat, das Drehbuch zu ändern. Er hat mich enttäuscht und belogen.“ Ihrer Meinung nach handelt sie im Interesse ganz Polens, das durch den Film diffamiert werde.

Marianna Rowinska von der polnischen Paisa Film, die zusammen mit der Berliner Provobis den Film produziert, versicherte in einem Interview, dass der Film Polen nicht beleidige. „Das ist ein Film über die Werftheldin Agnieszka, die ganz zufällig den Lauf der Geschichte verändert hat.“ Das Drehbuch, das Walentynowicz kenne, sei nicht mehr aktuell.

Das Drehbuch für den Schlöndorff-Film stammt von Andreas Pflüger. Finanzielle Unterstützung kam vom Medienboard Berlin-Brandenburg und vom Film- und Fernsehfonds Bayern. Alle größeren Rollen neben Katharina Thalbach als Walentynowicz wurden mit polnischen Schauspielern besetzt. Hinter der Kamera steht der Deutsche Andreas Höfer. „Das ist kein Film über Solidarnosc. Die historischen Ereignisse sind nur der Hintergrund“, sagte der Kameramann.

Schlöndorff betonte in Danzig, dass es sich um einen Spielfilm handele. „Das ist kein Eins-zu-eins-Porträt. Ich mache ja keine Dokumentarfilme, aber sie ist mir eine Inspiration für diesen Film gewesen. Wenn Anna Walentynowicz nicht so stark in ihrer Überzeugung gewesen wäre, würde die Mauer in Berlin vielleicht heute noch stehen“, erklärte Schlöndorff. Dass die Entschlusskraft seiner Heldin sich gegen ihn selbst richten könnte, damit hatte der Regisseur offenbar nicht gerechnet. Bislang war Danzig für Schlöndorff ein erfolgreiches Pflaster: Hier hatte er vor bald 27 Jahren „Die Blechtrommel“ gedreht, den Film, der ihm einen Oscar einbrachte. Die Premiere seines neuen Films soll am 1. Juni 2006 sein – sofern sich Walentynowiczs Wut am Ende nicht doch durchsetzt.

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